Berlin, März 2026: Die Axel Springer SE verkündet stolz, dass sie die Telegraph Media Group übernehmen wird, den Verlag mit der traditionsreichen britischen Tageszeitung The Daily Telegraph.
Der AUTO BILD-Redakteur bekommt die E-Mail – und kann wieder nur an Autos denken. Daily Telegraph? Da war doch mal was?

Ein Auto-Redakteur träumte 1967 vom "idealen Wagen"

Ja, tatsächlich, und es ging auf einen Journalistenkollegen zurück: John Anstey war Auto-Redakteur beim Telegraph. Anfang 1967 träumte er vom "idealen Auto". Es sollte den Londoner Traum der 1960er-Jahre verkörpern: stark, schnell, groß, schön – sportlich und komfortabel zugleich. Seine Vorstellung: Ein Geschäfts- und Lebemann würde den Wagen selbst zu gesellschaftlichen Anlässen fahren, anstatt sich chauffieren zu lassen. Er suchte den sportlichen Auftritt, aber bitte nicht so, dass der Autositz den Anzug zerknittert.
Jaguar Pirana by Bertone stehend von schräg hinten
Seriöse Zeitungen wie der Telegraph erfinden keinen Nachrichten – dieses Auto aber hat die Redaktion erfunden und dann bauen lassen.
Bild: Karissa Hosek / RM Sotheby's
Die passende Auto-Gattung dafür gab es schon: Gran Turismo. Aber John Anstey träumte von einem Modell, das es noch nicht gab.
Front des Jaguar Pirana by Bertone
Der "Leaper", der springende Jaguar, steht hier nicht längs auf der Haube wie einst bei den Jaguar-Limousinen, sondern waagerecht quer am Kühlergrill, fast wie das Pferd beim Ford Mustang.
Bild: Karissa Hosek / RM Sotheby's

Die Idee: ein Schlitten mit neuester Technik

Das Ziel war, den Wagen schon im Oktober 1967 auf der Automesse Earl’s Court Motor Show zu präsentieren.
historisches Schwarzweißfoto: Cockpit des Jaguar Pirana by Bertone
1967 ging es los mit Warntönen: Der Pirana hatte schon Gurtwarner und Alarm bei zu hohem Tempo. Der Innenraum des Rechtslenkers, hier ein Foto von 1967, wurde...
Bild: The Daily Telegraph
Cockpit des Jaguar Pirana by Bertone
.. inzwischen restauriert. Cockpit ähnlich wie beim Jaguar E-Type, aber mehr Leder und elektrische Fensterheber. Vorm Beifahrersitz steht groß und breit "bertone".
Bild: Karissa Hosek / RM Sotheby's
Zusammen mit seinem Team sammelte er Ideen. "Denkt groß", soll er sie aufgefordert haben. Sie formulierten das Ziel weiter aus: Es sollte ein Auto mit modernster Sicherheit sein und die neuesten technischen Raffinessen bieten. Zulieferer steuerten Gurtwarner bei und eine Klimaanlage mit Ausströmern im Dach, Kassettenradio mit Diktierfunktion, wärmedämmendes Verbundglas und integrierte Heckscheibenheizung.
Radio und Klimabedienugn im Jaguar Pirana by Bertone
Die britische Firma Smiths lieferte nicht nur das UKW-Radio mit Kassettenteil und Diktiergerätfunktion, sondern auch die Klimaanlage…
Bild: Karissa Hosek / RM Sotheby’s
Dachhimmel im Jaguar Pirana by Bertone
… mit Ausströmern in einer Konsole im Dachhimmel.
Bild: Karissa Hosek / RM Sotheby’s
Schulterblick in den Kofferraum des Jaguar Pirana by Bertone
Blick durch den Kofferraum, die flache senkrechte Heckscheibe mit Eierschneider-Verkleidung und die große Heckscheibe oben, deren Heizdrähte für 1967 besonders unauffällig sind.
Bild: Karissa Hosek / RM Sotheby’s

Der Jaguar Pirana sollte tatsächlich gebaut werden

Vor allem aber sollte es nicht bei Gedankenspielen bleiben. Das Telegraph-Team wollte, dass so ein Auto tatsächlich gebaut wird!
Also war das nächste Kriterium: Alle technischen Komponenten musste man schon jetzt oder bald kaufen können. Mehr noch: Das fertige Auto sollte zulassungsfähig sein.

Technik-Spender: der Jaguar E-Type

Als Basis wählte die Redaktion ein Jaguar E-Type Coupé. Als Motor nahmen sie den 4,2-Liter-Reihensechszylinder, der in Deutschland mit 269 PS und 384 Nm Drehmoment angegeben wurde.
Motorraum des Jaguar Pirana by Bertone
Wie beim E-Type öffnet auch die große Haube des Jaguar Pirana nach vorn.
Bild: Karissa Hosek / RM Sotheby’s

Das Design kam von Marcello Gandini bei Bertone

Ein entscheidender Punkt fehlte aber noch: die Karosserie. Zwei Briefe an den Design- und Karosseriebetrieb Bertone in Turin genügten, um Nuccio Bertone zu überzeugen.
Sein Designchef Marcello Gandini war gerade im Flow: Er arbeitete am Lamborghini Espada, der Anfang 1968 auf dem Genfer Salon präsentiert werden sollte.
historisches Schwarzweißfoto: Holzform für die Karosserie
Auf dieser Holzform trieben die Bertone-Leute die Form des Jaguar Pirana.
Bild: Bertone
Anthony Pritchard berichtet in seinem Buch "Lamborghini. Die Geschichte der Supersportwagen aus Sant'Agata", die Karosserie des ersten Espada-Prototyps sei auf der Holzform des Pirana gedengelt worden.
historisches Schwarzweißfoto: Werkstatt bei Bertone, während der Pirana entsteht
Ziel des Designs bei Bertone war, "kontrollierte Geschwindigkeit" auszustrahlen. Vorn im Bild: Firmenchef Nuccio Bertone.
Bild: Bertone

Jaguar Pirana: Ein Probelauf für den Lamborghini Espada?

Die flachen und breiten Proportionen, die niedrige Lichtkante an den Seiten, die durchs vordere Radhaus schneiden, den Aufschwung der Seitenfenster hoch zum flach auslaufenden Fließheck, die Entlüftungsgitter, die hinteren Radläufe – all das findet man so ähnlich beim Lamborghini Espada wieder. Auch die flachen Heckleuchten und die kleine senkrechte Heckscheibe darüber (wenn auch ohne den schwarzen Grill vom Pirana).
Lamborghini Espada fahrend von schräg vorn
Den flachen, breiten Auftritt und die Fensterlinie teilt der Lamborghini Espada mit dem Jaguar Pirana – sie stammen ja aus demselben Bertone-Designstudio.
Bild: Roman Rätzke / AUTO BILD
Lamborghini Espada stehend von schräg hinten
Am Heck sind die Ähnlichkeiten zwischen Lamborghini Espada und Jaguar Pirana noch deutlicher.
Bild: Lamborghini
Andererseits machten die Längsprofile in der langen Motorhaube den Jaguar Pirana unverwechselbar.

Premiere auf der Automesse Earl's Court Motor Show

Titelseite des Telegraph-Magazins
13. Oktober 1967: Der Pirana ziert die Titelseite des Daily Telegraph Magazine – der Star der Motor Show.
Bild: The Daily Telegraph

historisches Schwarzweißfoto: Jaguar Pirana auf der Messe
Der große Tag: erste Präsentation von "The Pirana" auf der Earl's Court Motor Show in London
Bild: The Daily Telegraph

Bertone konnte den Zeitplan einhalten, tatsächlich präsentierte der Daily Telegraph den "Jaguar Pirana by Bertone" am Earl's Court in London – und danach auch auf der New York Auto Show und auf der Montréal International Auto Show in Kanada.
historisches Farbfoto: Jaguar Pirana auf der Messe
Auf dem Autosalon in Turin 1967 wurde der Jaguar Pirana in Farbe fotografiert...
Bild: Bertone
historisches Schwarzweißfoto: Jaguar Pirana auf der Messe, von hinten
... jedenfalls teilweise.
Bild: Bertone
Wer bezahlte den Spaß? Printmedien verdienten damals vor allem mit Anzeigen ein Heidengeld, und so können wir mutmaßen, dass der Daily Telegraph die Kosten für den Umbau und das Honorar für Bertone aus dem eigenen Etat bezahlen konnte.

Pirana-Prospekte waren schon gedruckt

Offenbar machte das Team des Daily Telegraph sich Hoffnungen auf eine Kleinserienfertigung – denn für die Premiere hatte es sogar Prospekte drucken lassen. (Wobei der Druck im Zeitungsverlag sicherlich schnell und günstig erledigt war.)
historisches Schwarzweißfoto: Jaguar Pirana von der Seite
Pressefoto von Bertone. Der Lack war noch nicht perfekt, hinten an der Seite des Autos stand "Piranha" mit h.
Bild: Bertone

Der Jaguar Pirana blieb als Einzelstück erhalten

In Serie ging der Jaguar Pirana aber nicht, es blieb bei diesem Einzelstück. 1968 kaufte ihn ein Sportwagenfan in den USA für rund 16.000 oder 17.000 US-Dollar (als das noch sehr viel Geld war).
Im Lauf der Jahrzehnte haben die Besitzer den Jaguar Pirana umlackieren und sogar umbauen lassen. Ein heftiger Eingriff war ein Einbau eines Automatikgetriebes statt der ursprünglichen Viergang-Schaltung.
Später wurde der Wagen schrittweise wieder auf den Stand von 1967 zurückgebaut.
Das Auktionshaus RM Sotheby's versteigerte dieses Einzelstück 2019 während der Monterey Car Week in Kalifornien – der Käufer zahlte 324.000 Dollar, damals waren das umgerechnet ca. 290.000 Euro.
Vorderrad des Jaguar Pirana by Bertone
Bei der Versteigerung 2019 bei RM Sotheby’s stand das Auto wieder auf Dunlop-Reifen wie einst 1967 auf der Earl's Court Motor Show in London. Rechts das Bertone-Logo.
Bild: Karissa Hosek / RM Sotheby's

Was bedeutet der Name Pirana?

Pirana – das klingt nach dem Raubfisch Piranha. Und genau das steht auch hinten auf dem Seitenteil! Warum hieß der Bertone-Jaguar dann nicht so? Lange wurde spekuliert, ob jemand anders die Markenrechte am Namen Piranha hatte. Im selben Jahr wie der Jaguar Pirana sauste durch den Actionfilm "Codename U.N.C.L.E." ein Auto namens AMT Piranha mit Flügeltüren auf Basis des Chevrolet Corvair.
AMT Piranha stehend schräg von vorn
Dieses Auto aus einer Fernsehserie hieß AMT Piranha – wie der Fisch mit h.
Bild: Bill Abbott
2012 aber plauderte Lilli Bertone, die Witwe von Nuccio Bertone, beim Concorso Italiano in Monterey: Das "h" im Namen wegzulassen, sei eine ästhetische Entscheidung ihres Mannes gewesen.
Wie der Schlussredakteur des Daily Telegraph – der u. a. Rechtschreibfehler korrigiert – damit zurechtkam, ist nicht überliefert.

Kommentar

Geschichte wiederholt sich nicht, aber manchmal – so hat es ein kluger Mensch einst formuliert – reimt sie sich. Was 1967 der Daily Telegraph war, eine der Hauptquellen für Informationen und Meinungen, war 40, 50 Jahre später Google. Und auch Google präsentierte in den 2010er-Jahren ein Auto: ein putziges Kügelchen, optisch das Gegenteil vom Jaguar Pirana im Bertone-Design.
Beide erzählen vom jeweiligen Lebensgefühl ihrer Zeit: In den 60er-Jahren wollten reiche Geschäftsleute mit einem Auto angeben, das sie selbst fuhren, anstatt sich im Rolls-Royce fahren zu lassen – in den 2010er-Jahren wollten reiche Geschäftsleute mit einem Auto angeben, das den Besitzer autonom fährt.
Und spätestens wenn 80 Prozent der Leute sich autonom durch die Gegend kutschieren lassen, wird es wieder ein Statussymbol sein, selbst zu fahren.