Autos bauen können sie in der Türkei. 1,4 Millionen Fahrzeuge wurden 2024 dort hergestellt. Nach eigenen Angaben steht das Land nach Produktionszahlen in Europa auf Platz 3. Renault, Ford, Opel, Fiat, Toyota – türkische Fabriken stellen Pkw und vor allem Nutzfahrzeuge in guter Qualität her.
Und trotzdem würde kaum jemand die Türkei als große Auto-Nation bezeichnen. Einfach weil dort schon lange kein einziges Auto einer türkischen Marke in Großserie produziert wurde.

Der Togg T10X könnte in die Fußstapfen des Anadol treten

Das scheint sich jetzt zu ändern: mit dem Togg T10X, dem 2025 vorgestellten Elektro-SUV aus Gebze bei Istanbul.
Anadol A2 von der Seite, vorbeifahrend (Mitzieher)
Beim Fototermin waren am Anadol noch Ford-Aluräder montiert, mittlerweile konnte der Besitzer Originalräder ergattern.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Falls der Togg ein Erfolg wird, tritt er in die Fußstapfen des Anadol – des einzigen Großserienautos einer türkischen Automarke. Wir von AUTO BILD haben einen Anadol in Deutschland gefunden und gefahren, sprechen mit seinem Besitzer und erklären die Hintergründe.

Ein Anadol fährt durch Hamburg

Wenn der Hamburger Arzt Süleyman Keser in seinem Anadol A2 SL Baujahr 1978 durch die Stadt fährt, knirschen an jeder Ecke Halswirbel. Denn in Deutschland ist der nachträglich feuerrot lackierte Viertürer mit dem weißen Vinyldach exotischer als jeder Mercedes 300 SL Flügeltürer.
Logo des Anadol als Kühlerfigur, ein Hirsch
Logo-Motiv: Bronzezeit-Hirsch aus einer Ausgrabungsstätte in Alacahöyük.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Er taugt zugleich als rollender Beweis dafür, dass es in der Türkei bereits in den 60er-Jahren eine eigenständige Automobilindustrie gab.

Die Geschichte des Anadol

Maßgeblich verantwortlich hierfür war der Unternehmer Vehbi Koç, seit 1928 Ford-Importeur. Er gründete 1959 den Hersteller Otosan im Osten von Istanbul. Anfangs beschränkte sich die Firma auf die Lizenzfertigung von Ford-Modellen.
Produktionsauftakt für den ersten Anadol (auf Deutsch: Anatolien) war am 7. Dezember 1966. Damals startete mit dem A1 der Urahn von Kesers A2 SL.
Schützenhilfe bei der Entwicklung der Mittelklasselimousine lieferte der für sein skurriles Dreirad Robin und das Sportcoupé Scimitar bekannte britische Autohersteller Reliant. Fürs Design wurde ebenfalls ein Mann von der Insel verpflichtet: Tom Karen von Ogle Design.
Technisch setzte Anadol auf bewährte und preiswert verfügbare Massenware aus dem großen Ford-Baukasten, verbaute zunächst 1200er-Cortina und ab Herbst 1968 die etwas kräftigeren 1300er-Kent-Triebwerke.
Durchgehende Sitzbank für drei Personen vorn im Anadol A2
Die durchgehende Sitzbank bietet Platz für drei Erwachsene.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD

Überraschend: die Kunststoff-Karosserie

Eigenwillig wurde beim Anadol A2 der Karosseriebau gelöst: Aufgrund wirtschaftlicher Zwänge entschied man sich gegen Stahl. Die hohen Kosten für ein Presswerk hätten sich erst bei hohen Stückzahlen amortisiert. Eine Karosserie aus laminierten Teilen, wie von Reliant in England schon jahrelang verwendet, war bei einer viertürigen Limousine ein Novum. Ein Nachteil der immerhin dauerhaft rostfreien Aufbauten ist, dass sie trotz Stahlrahmen-Bodengruppe weniger steif sind und sich auf Unebenheiten stets hör- und fühlbar verwinden.
Mann in türkischer Tracht fahrend am Steuer des Anadol A2
Für die Fotos trug Dr. Keser seine traditionelle Efe-Tracht, die sonst bei Volkstänzen gezeigt wird.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Besitzer Dr. Keser stört dieser Umstand wenig: "Ich freue mich über das gute Raumangebot, die einfache Technik und den enorm hohen Sympathiefaktor." Wenn der Arzt mit seinem Exoten durch Hamburg kurvt, zücken insbesondere türkischstämmige Mitbürger und Oldtimerfans ihre Handykamera oder heben den Daumen.
Cockpit des Anadol A2
Schlichtes Cockpit im sportlich-schwarzen Stil der 60er-Jahre.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD

Darum weckt der Anadol Nostalgie

1984, nach mehr als 35.000 gebauten A2, lief der letzte Anadol vom Band. Danach gab es noch eine Weile Fiat-Lizenzbauten von der Marke Tofaş. Vom Sportwagen Etox Zafer wurden in den 2000er-Jahren nur ein paar Handvoll gebaut.
Längst ist der Oldtimer Anadol A2 auch in der Türkei eine gesuchte Rarität: "Anadol war einst der türkische Volkswagen. Bei vielen Exemplaren wurde jedoch irgendwann der Heckaufbau mit der Flex abgetrennt und dann hemdsärmelig mit einer Ladefläche zum Pick-up umgebaut."
Instrumente des Anadol A2.
TTT: Tacho, Themometer, Tankuhr. Die Drehzahl hört man ja.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD

So kam der Anadol A2 nach Deutschland

Keser, der im Alltag Mercedes fährt, ließ sich 2008 mit dem restaurierten Anadol ein Stück seiner türkischen Wurzeln nach Deutschland verschiffen: "Der Container kam am 29. Oktober auf dem Seeweg im Hamburger Hafen an. Damit hatte ich doppelten Grund zur Freude, denn das Datum ist zufällig auch der türkische Nationalfeiertag, mit dem in der Türkei an die Ausrufung der Republik durch Kemal Atatürk im Jahre 1923 erinnert wird."
Rücksichtbank und Innenraum des Anadol A2
Ordentlich Platz hat der Anadol – der auch oft ausgenutzt wurde.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Vor den ersten Ausflügen standen deutsche Bürokratiehürden, die jedoch dank eines hilfsbereiten Bekanntenkreises gemeistert wurden. "Die Abnahme des ersten Anadol in Deutschland gemäß Paragraf 21 und das H-Kennzeichen-Gutachten klappten anstandslos. Der Prüfingenieur fand den Exoten in seiner Halle hochinteressant."
Hutablage des Anadol A2 mit türkischem WImpel und Lautsprecher; gelb-roter Polsterstoff
Plüschige Velours-Cord-Polsterstoffe passen perfekt zum gemütlichen Ambiente der türkischen Stufenhecklimousine.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD

Die Ersatzteilsituation: knifflig

Wenn es um Ersatzteile geht, sucht Keser in der Türkei: "Verschleißteile sind dort noch gut zu bekommen und auch vergleichsweise billig." Angespannter ist die Versorgung mit anderen Ersatz- sowie Zubehör- und Zierteilen für den Oldtimer: "Um an einen Satz Rücklichter zu kommen, muss man auch schon mal Benzingeld für gut 1000 Kilometer einrechnen", erzählt Keser.
Kofferraum des Anadol A2
Die Kunden schätzen große Kofferräume und die Stufenheck-Form, viele bis heute.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Den dritten Anadol kaufte der Allgemeinmediziner und Internist, der in der Türkei noch einen Zweitürer und den kultigen Strandwagen Anadol Böcek besitzt, "um endlich an die richtigen Räder und Radkappen zu kommen".
Motor des Anadol A2, von oben in den Motorraum fotografiert
Bewährte Technik: Der längs eingebaute Reihenvierzylinder stammt von Ford. Das 1300er-Kent-Triebwerk füllt den Motorraum bei Weitem nicht aus.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
In Deutschland weiß er inzwischen von drei weiteren Anadol-Fahrzeugen: "Damit bin ich zwar nicht mehr der einzige, aber immer noch der erste Anadol-Fahrer in Deutschland."
Gelber Anadol A1 stehen von vorn, am Straßenrand parkend
Auch ein Erstserien-Anadol A1 aus den 60er-Jahren wurde mal in Deutschland gesichtet.
Bild: Thomas Hamann

Technische Daten Anadol A2 SL

  • Motor: Reihenvierzylinder, vorn längs, unten liegende Nockenwelle
  • Hubraum: 1298 ccm
  • Leistung: 40 kW (54 PS) bei 5500/min
  • max. Drehmoment: 85 Nm bei 3000/min
  • Beschleunigung 0-100 km/h: 20,0 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 145 km/h
  • Antrieb: Viergang-Schaltgetriebe, Hinterradantrieb
  • Länge/Breite/Höhe: 4440/1645/1420 mm
  • Verbrauch: 9,1 Liter Super/100 km
  • Gewicht: 945 kg
  • Neupreis (1975): ca. 55.000 türkische Lira