Kult-Oldtimer aus der Türkei: Anadol A2
Der türkische Botschafter in Deutschland

Der Anadol A2 von Otosan machte von 1970 an die türkische Mittelschicht mobil. Einer ist in Deutschland – AUTO BILD erklärt den Verkaufsschlager.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Und trotzdem würde kaum jemand die Türkei als große Auto-Nation bezeichnen. Einfach weil dort schon lange kein einziges Auto einer türkischen Marke in Großserie produziert wurde.
Der Togg T10X könnte in die Fußstapfen des Anadol treten
Das scheint sich jetzt zu ändern: mit dem Togg T10X, dem 2025 vorgestellten Elektro-SUV aus Gebze bei Istanbul.

Beim Fototermin waren am Anadol noch Ford-Aluräder montiert, mittlerweile konnte der Besitzer Originalräder ergattern.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Falls der Togg ein Erfolg wird, tritt er in die Fußstapfen des Anadol – des einzigen Großserienautos einer türkischen Automarke. Wir von AUTO BILD haben einen Anadol in Deutschland gefunden und gefahren, sprechen mit seinem Besitzer und erklären die Hintergründe.
Ein Anadol fährt durch Hamburg

Logo-Motiv: Bronzezeit-Hirsch aus einer Ausgrabungsstätte in Alacahöyük.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Er taugt zugleich als rollender Beweis dafür, dass es in der Türkei bereits in den 60er-Jahren eine eigenständige Automobilindustrie gab.
Die Geschichte des Anadol
Maßgeblich verantwortlich hierfür war der Unternehmer Vehbi Koç, seit 1928 Ford-Importeur. Er gründete 1959 den Hersteller Otosan im Osten von Istanbul. Anfangs beschränkte sich die Firma auf die Lizenzfertigung von Ford-Modellen.
Produktionsauftakt für den ersten Anadol (auf Deutsch: Anatolien) war am 7. Dezember 1966. Damals startete mit dem A1 der Urahn von Kesers A2 SL.
Technisch setzte Anadol auf bewährte und preiswert verfügbare Massenware aus dem großen Ford-Baukasten, verbaute zunächst 1200er-Cortina und ab Herbst 1968 die etwas kräftigeren 1300er-Kent-Triebwerke.

Die durchgehende Sitzbank bietet Platz für drei Erwachsene.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Überraschend: die Kunststoff-Karosserie
Eigenwillig wurde beim Anadol A2 der Karosseriebau gelöst: Aufgrund wirtschaftlicher Zwänge entschied man sich gegen Stahl. Die hohen Kosten für ein Presswerk hätten sich erst bei hohen Stückzahlen amortisiert. Eine Karosserie aus laminierten Teilen, wie von Reliant in England schon jahrelang verwendet, war bei einer viertürigen Limousine ein Novum. Ein Nachteil der immerhin dauerhaft rostfreien Aufbauten ist, dass sie trotz Stahlrahmen-Bodengruppe weniger steif sind und sich auf Unebenheiten stets hör- und fühlbar verwinden.

Für die Fotos trug Dr. Keser seine traditionelle Efe-Tracht, die sonst bei Volkstänzen gezeigt wird.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Besitzer Dr. Keser stört dieser Umstand wenig: "Ich freue mich über das gute Raumangebot, die einfache Technik und den enorm hohen Sympathiefaktor." Wenn der Arzt mit seinem Exoten durch Hamburg kurvt, zücken insbesondere türkischstämmige Mitbürger und Oldtimerfans ihre Handykamera oder heben den Daumen.

Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Darum weckt der Anadol Nostalgie
1984, nach mehr als 35.000 gebauten A2, lief der letzte Anadol vom Band. Danach gab es noch eine Weile Fiat-Lizenzbauten von der Marke Tofaş. Vom Sportwagen Etox Zafer wurden in den 2000er-Jahren nur ein paar Handvoll gebaut.
Längst ist der Oldtimer Anadol A2 auch in der Türkei eine gesuchte Rarität: "Anadol war einst der türkische Volkswagen. Bei vielen Exemplaren wurde jedoch irgendwann der Heckaufbau mit der Flex abgetrennt und dann hemdsärmelig mit einer Ladefläche zum Pick-up umgebaut."

Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
So kam der Anadol A2 nach Deutschland
Keser, der im Alltag Mercedes fährt, ließ sich 2008 mit dem restaurierten Anadol ein Stück seiner türkischen Wurzeln nach Deutschland verschiffen: "Der Container kam am 29. Oktober auf dem Seeweg im Hamburger Hafen an. Damit hatte ich doppelten Grund zur Freude, denn das Datum ist zufällig auch der türkische Nationalfeiertag, mit dem in der Türkei an die Ausrufung der Republik durch Kemal Atatürk im Jahre 1923 erinnert wird."

Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Vor den ersten Ausflügen standen deutsche Bürokratiehürden, die jedoch dank eines hilfsbereiten Bekanntenkreises gemeistert wurden. "Die Abnahme des ersten Anadol in Deutschland gemäß Paragraf 21 und das H-Kennzeichen-Gutachten klappten anstandslos. Der Prüfingenieur fand den Exoten in seiner Halle hochinteressant."

Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Die Ersatzteilsituation: knifflig
Wenn es um Ersatzteile geht, sucht Keser in der Türkei: "Verschleißteile sind dort noch gut zu bekommen und auch vergleichsweise billig." Angespannter ist die Versorgung mit anderen Ersatz- sowie Zubehör- und Zierteilen für den Oldtimer: "Um an einen Satz Rücklichter zu kommen, muss man auch schon mal Benzingeld für gut 1000 Kilometer einrechnen", erzählt Keser.

Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Den dritten Anadol kaufte der Allgemeinmediziner und Internist, der in der Türkei noch einen Zweitürer und den kultigen Strandwagen Anadol Böcek besitzt, "um endlich an die richtigen Räder und Radkappen zu kommen".

Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
In Deutschland weiß er inzwischen von drei weiteren Anadol-Fahrzeugen: "Damit bin ich zwar nicht mehr der einzige, aber immer noch der erste Anadol-Fahrer in Deutschland."

Bild: Thomas Hamann
Technische Daten Anadol A2 SL
- Motor: Reihenvierzylinder, vorn längs, unten liegende Nockenwelle
- Hubraum: 1298 ccm
- Leistung: 40 kW (54 PS) bei 5500/min
- max. Drehmoment: 85 Nm bei 3000/min
- Beschleunigung 0-100 km/h: 20,0 s
- Höchstgeschwindigkeit: 145 km/h
- Antrieb: Viergang-Schaltgetriebe, Hinterradantrieb
- Länge/Breite/Höhe: 4440/1645/1420 mm
- Verbrauch: 9,1 Liter Super/100 km
- Gewicht: 945 kg
- Neupreis (1975): ca. 55.000 türkische Lira
Service-Links
