Sportwagen? Dieser Gattungsbegriff passt nicht recht zum Mercedes 280 SL. Softsportler wäre okay. Auf jeden Fall ist er von einem anderen, sanfteren Stern als Fiat Dino und Porsche 911. Schnell sein – ja, das kann er durchaus. Dafür wird die Reise im Mercedes deutlich entspannter. Niemals verhält sich der 280er seinen Passagieren gegenüber rücksichtslos oder gar rüpelhaft hart wie etwa ein Porsche. Sein Fahrwerk federt limousinenhaft weich. Da muss die Straße schon ganz böse buckeln, dass der SL die Contenance verliert. Und wenn es passiert, schaukelt er wie ein Fischerboot, das versehentlich in unruhige See geraten ist. Nicht sportlich – gemütlich. Die weiche Welle passt zum Charakter. Der 280er wirkt wie ein Wellness-Tempel, der seine Insassen einfach nur verwöhnen will. Dick gepolsterte, mit Leder bespannte Klubsessel, blinkende Chrom-Applikationen und eine glänzende Holzleiste verbreiten Wohlfühlaroma in der guten Stube.
Mercedes 280 SL
Ein SL ist kein wilder Sportler, eher Marathon-Gleiter für Open-Air-Cruising.
Vorn summt ein Reihensechszylinder seine beruhigende Melodie, niemals brummig oder gar mit überschäumend euphorischem Tärä. Die Gänge werden bei diesem Exemplar automatisch gewechselt – oft mit einem kleinen Ruck –, und die servounterstützte Kugelumlauflenkung macht Einparkmanöver zum lässigen Lenkvergnügen, womöglich an entscheidender Stelle vor der Eisdiele. Der SL der Baureihe W 113 ist ein Auto für Männer, die Frauen bezirzen wollen. Fast unmöglich, eine Lady zu finden, die sich nicht vom klassischen Mercedes-Stil der ewigen Treue beeindrucken lässt, zumindest wenn er so mondän verpackt ist wie hier.

Waghalsiger USA-Kauf: 250 SL Pagode

Was der schöne Mercedes nicht mag: die gerade Linie als kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten verlassen. Als Längsdynamiker lässt er sich nur ungern auf Kurvendiskussionen ein – und beendet sie im Zweifel laut quietschend in Form einer Pirouette. Kein Spaß, wie etwa im Porsche, denn auch die Servolenkung des SL offenbart in diesen Situationen ihre Schwachstelle: Gefühllos verheimlicht sie dem Fahrer, in welche Himmelsrichtung die Vorderräder gerade zeigen. Doch wer fährt schon so, außer hier im Test?

Fazit

von

Andreas Borchmann
Sportlich? Ein 280 SL? Nein, sein Charakter ist anders. Elegant, komfortabel, nobel, solide – das alles ist er. Wer seine 170 PS ausreizt, hat ihn nicht verstanden. Und dann rächt er sich auf seine Weise: zickt rum, teilt aus. Sein Motto: Es reicht, Leistung zu haben, messen sollen sich die anderen. Eine Pagode ist unvergleichlich.

Von

Andreas Borchmann