Eigentlich hätte die dritte Generation der Mercedes S-KLasse (W 140) spätestens 1989 das Licht der Automobilwelt erblicken sollen. Doch sein Debüt feierte der Big-Benz erst auf dem Genfer Salon zwei Jahre später. Also vor 30 Jahren. Damit sind die ersten Modelle des Traumkreuzers mit Stern berechtigt, ein H-Kennzeichen zu tragen.

Die Karosserie wirkt heute noch massig

Mercedes 600 SEL (W 140)
Elefant auf Zehenspitzen: Der 600er bleibt in allen Lagen fahrsicher.
Gemäß dem erst viel später zum Werbeslogan erhobenen Wahlspruch Gottlieb Daimlers "das Beste oder Nichts" sollte das Fahrzeug neue Maßstäbe beim Komfort setzen. Selbst Papst Johannes Paul II. ließ sich in dieser Luxuslimousine chauffieren. Die Mercedes S-Klasse der Baureihe W 140 hat bis heute eine beeindruckende Präsenz: Die Linien des Königs-Benz sind wie mit dem Lineal gezogen. Der Plakettenkühler mit schmalerem Chromrahmen und dem Statussymbol Mercedesstern, der nicht mehr auf der Kühlermaske sitzt, sondern leicht nach hinten versetzt auf der Motorhaube, ziert die Front. Die Karosserie setzte mit einer Länge von 5,11 Metern neue Maßstäbe. Die SEL-Version (Bezeichnung: V 140) legt noch einmal um zehn Zentimeter zu. Wie es sich gehört, zahlte diese Verlängerung ausschließlich in die Beinfreiheit des Fonds ein.

Im Innenraum knarzt auch nach 30 Jahren nichts

Mercedes 600 SEL (W 140)
Komfortable Lounge: Fond-Einzelsitze waren beim langen 600 Serie.
Die konsequente Stringenz der klaren und simplem Formen setzt sich im Innenraum fort. Penible Spaltmaße, fast schon verschwenderischer Gebrauch von Holzfurnier und feines weiches Leder. Der W 140 SEL 600 strahlt auch im Wohnzimmer eine Gelassenheit aus, die man heutzutage nur selten findet. Ganz ohne Spezialeffekte wie Ambiente-Beleuchtung oder Innenraumduft. Authentischer Luxus eben. Auch im Sinne der Umwelt. Der Katalysator hatte ein Volumen von sieben Litern und reduzierte so den Mehrverbrauch auf ein Minimum. Auch das Recycling spielte eine große Rolle: Viele der verbauten Kunststoffbauteile bestanden aus Regranulat, markiert, wiederverwertbar und eindeutig gekennzeichnet. Schon wenige Monate nach dem Debüt kam das FCKW-freie Kältemittel R134a anstelle der bis dahin verwendeten R12-Substanz zum Einsatz.

Der W 140 ist Ingenieursauto und Innovationsträger

Mercedes 600 SEL (W 140)
Peilstäbe und pneumatisch ausfahrender Kofferraumgriff verraten das Ingenieursauto.
Wie jedes Topmodell von Mercedes war auch der W 140 seiner Zeit Innovationsträger. Eine verbesserte Karosseriestruktur erhöhte die Sicherheit, bei den Acht- und Zwölfzylindermodellen half die Parameterlenkung beim Rangieren und einklappbare Außenspiegel, wenn es einmal eng wurde. Allerdings flatterten diese bei manchen Modellen bei hohen Geschwindigkeiten, und auch der Klappmechanismus quittierte bisweilen seinen Dienst. Beim Rückwärtseinparken fuhren zwei Peilstäbe aus den hinteren Kotflügeln aus. Mit diesen archaischen Vorläufern der Parksensoren konnte man die Lücke anvisieren. Dass die 65 Millimeter langen Orientierungshilfen verchromt waren, versteht sich von selbst. Übrigens: Eine echte Parktronic war ab 1995 Bestandteil des V12 Top-Modells. Eine doppelte Verglasung sorgte dafür, dass kaum Fahrgeräusche die Fahrgäste störten.

Souverän ist man mit dem 500er und 600er unterwegs

Mercedes 600 SEL (W 140)
Der V12 zeigt mit vier oben liegenden Nockenwellen konstruktive Finesse.
Beim 600 SEL kam ein standesgemäßer Sechsliter-Zwölfzylinder mit 300 kW/408 PS und einem maximalen Drehmoment von 580 Newtonmetern zum Einsatz, der für eine standesgemäße Laufruhe sorgte. Der Zwölfender mit dem Code M 120 E 60 war damals eine Neukonstruktion und ist auch heute, 30 Jahre später, ein Genuss. Damit konnten die Schwaben den Makel beheben, dass Hauptkonkurrent BMW bei seinem Topmodell mit einem V12 im Jahre 1987 vorgelegt hatte. Aber auch die 500er-Version des W 140 mit einem schmucken 5,0-Liter-V8-Vierventiler (Code M 119 E 50), der 240 kW/326 PS an die Hinterachse schickte, sorgte für überaus souveränes Vorankommen. Damals bedeute 500er-Fahren beim Top-Modell zwingend acht Töpfe, bei der aktuellen S-Klasse sind es deren sechs. Souverän ist man in der gewaltigen S-Klasse der frühen 1990er-Jahre eben nur mit dem 600er und dem 500er unterwegs. Bereits der kleinere Achtzylinder des 400er konnte nicht so recht überzeugen; ganz zu schweigen von den Sechszylindern 300 SE, 300 SE 2.8, S 280, S 320 und insbesondere den müden Turbodieseln 300 SD, S 300 TD und S 350 TD, die nicht nur in Sachen Leistungsentfaltung und Laufrufe in einer S-Klasse nichts zu suchen hatten.  
Der Marktwert eines Mercedes 600 SEL (W 140) mit 408 PS beträgt laut Classic Data 17.500 Euro im Zustand 2 und 7800 Euro im Zustand 3. Der Marktwert eines Mercedes 500 SE (W 140) mit 326 PS beträgt 12.700 Euro im Zustand 2 und 5800 Euro im Zustand 3. Versicherung (zum Kfz-Versicherungsvergleich) und Spritkosten sind bei so einem Dickschiff natürlich nicht gerade günstig.

Von

Stefan Grundhoff