Überraschender Besuch in Heimerdingen bei Stuttgart: Eine Handvoll unauffälliger silberner Mercedes-Kombis hält am 31. Mai 2023 gleichzeitig vor dem Firmensitz von Kienle Automobiltechnik. Polizisten steigen aus und sichern die Ausgänge der Kienle-Gebäude. Weitere gehen mit Aktenkoffern hinein und sichern Beweise, beschlagnahmen Unterlagen und Speichermedien. Auch zwei Autos und weitere Teile werden beschlagnahmt.
Zur selben Zeit werden auch die Privatwohnungen der Firmeninhaber durchsucht. Drei Personen werden laut Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg verdächtigt – darunter Klaus Kienle. Er hatte die Firma 1984 gegründet und ist bei Mercedes-Sammlern in aller Welt bekannt. 

Mercedes 300 SL Roadster nachgebaut

Nun spricht das LKA von einem "betrügerischen Handel mit exklusiven Oldtimern". Es scheint also um mehrere Autos zu gehen; die Ermittlungen konzentrieren sich jetzt aber auf einen Fall, den das LKA recht genau beschreibt.
Klaus Kienle
Klaus Kienle (75): Das Landeskriminalamt wirft ihm Oldtimer-Fälschungen vor.
Bild: Dieter Rebmann/AUTO BILD KLASSIK

Die Firma Kienle soll einen Mercedes 300 SL Roadster (W 198 II), der nicht in Deutschland angemeldet war, nachgebaut haben – und in diese Kopie auch die Fahrgestellnummer des Originals eingestanzt haben, sagt die Staatsanwaltschaft Stuttgart im Gespräch mit AUTO BILD KLASSIK.
2019 bot Kienle die Dublette zum Kauf an. Die Fahrzeugpapiere dürften also auch gefälscht sein; aber dass das bei der Firma Kienle geschehen wäre, "kann aktuell nicht bestätigt werden", so das LKA. 
Kienle Automobiltechnik in Heimerdingen bei Stuttgart
Am Firmensitz von Kienle Automobiltechnik in Heimerdingen bei Stuttgart fuhr die Polizei vor.
Bild: Götz von Sternenfels/AUTO BILD KLASSIK

Was macht das Original so wertvoll? Der Roadster, gebaut im Januar 1961, stand im März 61 auf dem Genfer Salon – im auffälligen Farbton "Phantasiegelb" (653) lackiert, einer von nur fünf Roadstern in dieser Farbe. Es war das sechste jemals gebaute Exemplar mit Scheibenbremsen.

Der Fake flog in der Zulassungsstelle auf

Der Schwindel flog auf, als das Original – für Kienle wohl überraschend – nach Deutschland kam. Seit 1961 war es in der Schweiz zugelassen; im Jahr darauf ließ der Besitzer den phantasiegelben Wagen rot umlackieren. 1969 verkaufte er ihn an den Zweitbesitzer, immer noch in der Schweiz.
Mehr als 50 Jahre lang also hatte das Auto nicht den Besitzer gewechselt. Bis im Oktober 2022 ein Oldtimerhändler aus Rheinland-Pfalz den originalen, nun roten Wagen kaufte (für 1,6 Millionen Euro!) und erstmals nach Deutschland importierte.
Dieser Händler erzählt AUTO BILD KLASSIK: Als er ihn hier zulassen wollte, stellte die Zulassungsstelle fest, dass ein Auto mit derselben Fahrgestellnummer hier schon mal angemeldet gewesen war – die gelbe Dublette. 2017 wurde diese abgemeldet.
Mercedes 300 SL
Kienle selbst präsentierte den wohl gefälschten 300 SL Roadster 2020 stolz auf seinem Wandkalender.
Bild: Kienle Automobiltechnik

Am 19. März informierte das Bundeskriminalamt das LKA in Stuttgart – jetzt werden die Verdächtigen vernommen. "Bei der Durchsuchung konnte umfangreiches Beweismaterial sichergestellt werden", melden LKA und Staatsanwaltschaft in einer gemeinsamen Pressemitteilung. "Die Auswertung dauert noch an. Die Ermittlungen werden fortgeführt."

Kienle: "Wir fälschen nicht"

Gegenüber BILD Stuttgart sagt Klaus Kienle (75): "Das ist ein Witz. Wir stellen keine Fälschungen her und schlagen auch keine Fahrgestellnummern ein. Das wird sich alles in Wohlgefallen auflösen." Er vermute, dass sich ein ehemaliger Mitarbeiter an ihm rächen wolle – dem habe er fristlos gekündigt.
Kienle gibt gegenüber BILD zu, dass der 300 SL Roadster bei ihm im Angebot war. Er habe das Auto im Auftrag der Familie eines verstorbenen Kunden verkaufen sollen. "Als auffiel, dass es ein Duplikat ist, haben wir das Fahrzeug zurückgegeben."
Am 1. Juni erklärte Kienle in einer Pressemitteilung: "Dieser 300 SL Roadster war nie bei Kienle Automobiltechnik in der Werkstatt zur Restaurierung. Wir haben dieses Fahrzeug im Rahmen unseres Handelsgeschäfts nur vermittelt." Alle Betrugsvorwürfe gegen ihn und sein Unternehmen seien somit haltlos. Die anderen beiden Personen, die verdächtigt werden, sind laut BILD Stuttgart Klaus Kienles Söhne Alexander und Marc Kienle.