Opels letzter Versuch, in der Oberklasse Fuß zu fassen: der Diplomat B mit 5,4-Liter-V8. Technisch hatte er das Zeug dazu. War es nur der fehlende Stern auf der Haube, der den Verkaufserfolg verhinderte?
Diether Rodatz
Bernd Druve ist Nachrichtentechniker und, natürlich, Opel-Freak. Die Eltern eines Freundes infizierten ihn in jungen Jahren mit dem Diplomat-Bazillus. Lange suchte er ein Topmodell. Nach sechsjähriger Suche kam er 2006 endlich zu seinem begehrten Diplomaten-Status. Über die lange Restaurierung wollen wir hier nicht reden, sondern das Ergebnis ansehen. Und das macht jeden Fachmann neidisch. Denn Druve fährt ein 73er-Modell, das zwar Diplomat "B" heißt. Aber zwischen ihm und dem Vorgänger "A" liegt kein Buchstabe, sondern ein ganzes Alphabet. Opel ist 1969 mit der Kapitän-Admiral-Diplomat-B-Reihe endlich in der Moderne angekommen. Die Karosserie schrumpft geringfügig, das zurückhaltende Design wirkt weniger neureich.
Vorteil Opel: Mit seiner fortschrittlichen De-Dion-Hinterachse bot der Diplomat B eine hervorragende Straßenlage.
Bild: Christian Bittmann
Der Diplomat unterscheidet sich mit den senkrecht stehenden Scheinwerfern von seinen Brüdern, die ihre Lampen waagerecht tragen müssen. Die Scheibenbremsen sind bei den Topmodellen schon innenbelüftet, hinten gibt es einen Bremskraftregler. Der Clou aber heißt: De-Dion-Hinterachse. Es rumpelt und pumpelt keine schwere Starrachse mitsamt Differenzial unterm Wagen herum, sondern nur noch ein leichtes Achsrohr mit den Bremsen. Das Differenzial ist am Wagenboden festgeschraubt. Noch heute wundern sich Experten, wie Opel seinen geizigen GM-Amerikanern diese teure Konstruktion abtrotzen konnte. Und immer noch erinnern sich Experten an die hervorragende Straßenlage zu einer Zeit, als die Konkurrenz allenfalls Pendelachsen bot. Gestern, heute und morgen wundern sich aber alle Opelaner, warum ihre Hausmarke sich nach Senator A und B ersatzlos aus der Oberklasse verabschiedete. Eine von vielen Rüsselsheimer Fehlentscheidungen.
Zeitgeist der 70er: Rundinstrumente, Holzimitat, schwarzer Kunststoff und Plüsch-Velours in knalligen Farben.
Bild: Christian Bittmann
Doch noch hängt der Himmel voller Zukunftsträume. Audi stellt sein 100 Coupé S vor, Porsche kommt mit 914-Mittelmotor, Ford will mit seinem schwülstigen 26 M den Opel Commodore ärgern. Der Diplomat muss eigentlich nur BMW oder Mercedes fürchten. Deren Image wird und will er nicht erreichen. Diplomat-Käufer sind eine besondere Klasse. Sie genießen den dezent grollenden V8, lassen sich vom sanften Druck der weich schaltenden Dreistufenautomatik in die samtenen Einzelsitze pressen. Die jetzt auch Kopfstützen haben. Wen der Gasfuß juckt, der kann den V8 kurz mal kitzeln: Wuchtig hebt sich der Vorderwagen aus den Federn, bei 80 legt sich der Zweite rein, nach neun Sekunden zeigt das Rundinstrument Tempo 100 an. 202 km/h wären maximal möglich. Doch die erste Energiekrise naht. Sie markiert das Ende der Schluckspechte, den Anfang der Spar-Techniken. Aus unseren Fehlern werden wir klug. Aber schöne Fehler waren es doch!
Opel Diplomat B
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Der Opel Diplomat B löst 1969 den "A" ab und wird bis 1977 gebaut. Der "B" unterscheidet sich mit den senkrecht stehenden Scheinwerfern und Heckleuchten von seinem Vorgängermodell. Der Chevrolet-V8 mit 5,4 Litern und 230 PS ist geblieben. Alternativ bot Opel auch den 2,8-Liter großen Reihensechser mit 165 PS an.
Bild: Christian Bittmann
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Gegenüber seinem Vorgänger mit hinterer Starrachse fährt sich der Diplomat B mit seiner De-Dion-Hinterachse deutlich komfortabler. Auch die weich schaltende Dreistufenautomatik des B-Modells wirkt im Fahrbetrieb angenehmer als die zweistufige GM-Powerglide.
Bild: Christian Bittmann
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Weiß ist als Autofarbe wieder Mode geworden. Fraglich, ob das Vinyldach auch wiederentdeckt wird. Die Leichtmetallräder in 6x14" sind original. Auch heute noch ist der stattliche Diplomat B eine elegante Erscheinung.
Bild: Christian Bittmann
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Zeitgemäße Rundinstrumente schmücken das kantige Cockpit. Das Dreispeichen-Lenkrad suggeriert einen Hauch Sportlichkeit, die Dreigang-Automatik wird über den filigranen Wählhebel bedient. Fortschrittlich: die Frontscheibe mit integrierter Radioantenne.
Bild: Christian Bittmann
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Die üppigen Sessel mit serienmäßigen Kopfstützen und Velourspolsterung sind äußerst bequem, aber leider nicht in der Höhe verstellbar. Das Platzangebot ist mehr als ausreichend, der rote Stoff und das Holzimitat spiegeln den Zeitgeist der 70er-Jahre.
Bild: Christian Bittmann
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Gute Verarbeitung in allen sichtbaren Winkeln. Wo das Auge nicht hinblickt, durfte hingegen gespart werden. Das Resultat: 1970 war ein Diplomat 5.4 6638 D-Mark günstiger als ein Mercedes 280 SE 3.5 – für die Summe gab es bereits einen nackten B-Kadett.
Bild: Christian Bittmann
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Der Kofferraum reicht für das Reisegepäck, einquartiert ist ein normales Ersatzrad. Es liegt seitlich in der Kofferraummulde, typisch für eine Limousine der 70er-Jahre. Auf Wusch gab es auch ein Falt-Ersatzrad.
Bild: Christian Bittmann
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Unter der Haube ist der Diplomat B nach wie vor sehr amerikanisch. Der Chevrolet-V8 holt 230 PS aus 5,4 Liter Hubraum, bei entspannten 3000 Umdrehungen liegen sagenhafte 427 Nm Drehmoment an. Dezent grollend schiebt der Small Block das Flaggschiff an, nach neun Sekunden steht die Tachonadel bei 100.
Bild: Christian Bittmann
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Mit Sicherheit keine B-Ware: Der Diplomat B hat das mit Abstand sicherste Fahrverhalten aller Oberklasse-Opel dieses Vergleichs. Grund: die De-Dion-Hinterachse. Spur und Sturz bleiben wie bei einer simplen Starrachse in allen Fahrsituationen konstant, auch bei extremen Manövern bleiben die Hinterräder am Boden.
Bild: Christian Bittmann
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Das schwere Differential ist mit dem Wagenboden verschraubt und reduziert so die ungefederten Massen. Ein Wunder, dass die Detroiter GM-Zentrale die aufwändige und teure Konstruktion abgenickt hat.
Bild: Kersten Weichbrodt
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Die neue Sachlichkeit: Gegenüber dem sehr amerikanisch wirkenden Diplomat A wirkt der Diplomat B geradliniger und weniger verspielt, seine Abmessungen sind geringfügig kompakter.
Bild: Christian Bittmann
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Mit dem Diplomat B (rechts) ist Opel in der Moderne angekommen. Die Karosserie ist geringfügig geschrumpft, das Design wirkt weniger neureich. Auch der B-Diplo schafft es nicht, an den Verkaufserfolg des Kapitän in den 50er-Jahren anzuknüpfen – trotz unbestreitbarer Talente.
Bild: Christian Bittmann
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Achtzylindrig blubbern beide Diplomaten. Der "A" liefert den aufregendsten Sound und die chromschwülstige US-Optik. Vor allem hinsichtlich der Fahreigenschaften kann er nicht mit dem vergleichsweise handlichen und leichter beherrschbaren Diplomat B konkurrieren.
Bild: Christian Bittmann
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Vier große Opel aus glorreichen Zeiten: Was Opel in den 50er- und 60er-Jahren auch anfasste, es wurde zu einem Riesen-Hit. AUTO BILD KLASSIK vergleicht Oberklasse-Opel aus goldenen Zeiten.
Bild: Christian Bittmann
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Von links nach rechts: Diplomat A, der größte Opel aller Zeiten. Von 1964 bis 1968 9152-mal gebaut. Kapitän P II 2.6, der meistgebaute große Opel. 145.618 Exemplare in der Zeit von 1959 bis 1963. Diplomat B, von 1969 bis 1977 11.108-mal gebaut. Kapitän 2.5, wegen der Rücklichter "Schlüsselloch-Kapitän" genannt. 34.842 Stück von 1958 bis 1959.