Mittlerweile kommt mit dem nagelneuen VW Passat B9 die neunte Generation der einst mittelgroßen Limousinen-Kombi-Baureihe auf die Straße. Der neue Passat kommt mittlerweile nur noch als Kombi und mit mehr Stauraum als das T-Modell der Mercedes E-Klasse. Wie bitte?
Der Weg ist lang, den der VW Passat seit dem allerersten Modell B1 1973 zurückgelegt hat, und seit Herauskommen der Baureihe polarisiert sie. Hier streiten zwei Klassik-Experten: Ist der Passat lässig oder langweilig?
VW Passat B1
Die kantige, gestreckte Form, der große Laderaum im Heck: Schon beim Erscheinen 1973 eroberte der Ur-Passat die Herzen seiner Fans.
Bild: Christoph Börries

Knut Simon bekennt sich zu seiner Passat-Leidenschaft, hebt drei Modelle hervor:

 "Bei mir parkt der Passat friedlich neben Citroën CX, Saab 900 und Alfetta"

Der Passat ist ein mäßig starker und sehr beständiger Wind, der rund um den Erdball auftritt. Zudem wehen Passatwinde stets in der gleichen Richtung. Und das italie­nische "Passata" bedeutet "Überfahrt". Na, wer sagt’s denn? Damit hätten wir Charakter und Legitimation des VW Passat bereits erschlagen.

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Okay. Es scheint, als bedürfe das Modell auch einer emotionalen Fürsprache. Die geht ganz einfach: Bist du in Rüsselsheim aufgewachsen, besitzt du eine Affinität zu Opel. Kommst du aus Köln, fährst du Ford. Und umbrauste dich in der Nähe Wolfsburgs der Passat, setzt du bei dem emotional die Segel. Ob du willst oder nicht.
Dabei hielt ich stets gelangweilte Distanz zu vielen Wolfsburger Einheitskisten. Aber die Passat B1, B2 und B5 finde ich bis heute formal klasse! So parkt in meinen Ansammlungen von echten und Modellfahrzeugen der Passat friedlich neben Citroën CX, Opel Rekord, Saab 900, BMW E3, Alfetta, Granada, Tagora. Nennen Sie mich unstet, ich nenne es Vielfalt. Innerhalb derer die genannten Generationen sowohl Kindheits- als auch Selbstfahrererinnerungen transportieren.
VW Passat Tatort - Borowski
Knut Simon (l.) bekennt sich als Passat-Fan, hier mit "Tatort"-Kommissar Axel Milberg, alias Klaus Borowski und dessen einstigen Dienst-Passat B2 Variant
Bild: Roman Raetzke

Wer an der Elektrik seines CX verzweifelte, Ersatz für den verreckten Volvo-Motor vom Schrott holen oder seinen Talbot mit Getriebeschaden nach Hause schleppen musste, war froh, wenn für all dies ein Passat in der Nähe war. Besser zuverlässig als nur lässig.
Das macht den Wolfsburger nicht sexy, richtig. Aber das sind Brot-und-Butter-Autos selten. Siehe Ford Sierra, Opel Ascona C, ­Renault 21. Ich habe meinen Frieden mit dem friedlichen Passat gemacht. Weshalb auch meine vehemente Fürsprache für ihn analog zu seinem Charakter ausfällt: angenehm unaufgeregt. Man muss ja auch nicht immer so ­einen Wind machen.

Malte Büttner
Malte Büttner gruselt sich bei der Erinnerung an den Familien-Passat.
Bild: AUTO BILD

"Ein Passat ist frei von Charme und Raffinesse. Und noch nicht mal hochwertig"

Ach, Knut, nichts täte ich lieber, als Dir beizupflichten und mit Dir in den schönsten Kindheitserinnerungen an den VW Passat zu schwelgen. Bei uns war es ein 79er B1 Variant in Weiß, mit 85 PS und Schiebedach, für den mein Vater 1981, ein Jahr nach meiner Geburt, zähneknirschend seinen geliebten Renault 16 tauschte.
Eine Vernunftentscheidung, um mehr Platz für Pampers und Kinderwagen zu haben. Eine Fehlentscheidung, wie die nächsten fünf Jahre zeigen sollten. Ich erinnere mich an keine Urlaubsfahrt, in der wir nicht liegen geblieben sind. Ständig sprang die Kiste nicht an.
Zwischendurch war das Getriebe kaputt, es regnete in den Beifahrerfußraum. Einmal, im Dänemark-Sommer, wuchs er vier Wochen lang auf der Wiese ein, bevor der (einzige) Schrauber auf der Insel, der am liebsten mit Spirituosen bezahlt wurde, sich endlich an die Reparatur machte. Nur mit Glück kamen wir pünktlich nach Hause. Ein anderes Mal ist er mitten auf einer Kreuzung im Hamburger Berufsverkehr verreckt.
Ich bin, seit ich denken kann, glühender Autofan. Und genauso lange stößt mich jeder Passat ab. ­Während ich bereits mit drei Jahren spannenden Modellen wie Jaguar, Lancia, Rover und unzähligen anderen verliebt hinterherschaute, fand ich Passat nur öde. Ein Auto mit dem Charme einer Küchenbank. Dröge, ohne jede Raffinesse.

Wenn er wenigstens die Qualität eines Volvo 240 hätte … Genau so einer beendete schlussendlich auch das Leiden, als er uns an ­einem eisigen Wintermorgen frontal reinrutschte. Bei ihm war das Kennzeichen schief, unser Passat hatte einen Totalschaden. Mein Vater kaufte einen Citroën BX, und wir schwebten, entgegen jeder Pannenstatistik, frei von Problemen und fantastisch gefedert quer durch Europa. Der BX fehlt mir noch heute. Der Passat wirklich nicht.