Saab: Spezialisten Bende-Automobile
Nordisch by nature: Hier dreht sich alle um schwedische Exoten

Die Marke Saab begleitet die Brüder Bende seit mehr als 50 Jahren. Da sammeln sich massig Fachwissen und Ersatzteile an. Und natürlich auch Autos.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Kürzlich habe er tatsächlich neue Kunststoffhüllen für die Saab-typischen Sicherheitsstoßstangen wiedergefunden, sagt Erik Bende. "Gibt's ja schon ewig nicht mehr." Im Zweitlager, die Hand wedelt vage Richtung Horizont, lägen noch nagelneue Motoren und Getriebe für den 99. "Sind noch vom Vadder." Und rund um den alten Hof stehen die Teileträger dicht an dicht, als wäre es ein Treffen.
Es braucht nicht lange, um festzustellen, dass die große kleine Marke Saab, 2010 nach dem Verkauf durch GM für ihre Fans gestorben, hier sehr lebendig und mehr als nur ein Geschäftsmodell ist. Die Autos gehören zur Familien-Geschichte, sind längst Teil der eigenen Biografie.
Janos Bende senior fing 1970 als Mechaniker bei Saab Deutschland in Frankfurt an, Janos junior folgte 1979, Bruder Erik 1984. Auch im übertragenen Sinne sei es ein familiäres Arbeiten gewesen, sagt Janos (63). Schwedisch gemütlich, mit vielen Freiheiten verbunden. Aber wenn ein Pressewagen eingefahren werden musste, sei man auch mal 1000 Kilometer am Stück unterwegs gewesen. 1994, nach der GM-Übernahme, stieg Erik (56) aus, 2010 war nach dem offiziellen Aus der Marke auch für Janos beim Hersteller Schluss. Seitdem arbeiten die Brüder wieder zusammen, am Thema hat sich nichts geändert, speziell war es sowieso schon immer: "Einen Saab muss man wollen", sagt Janos.

In den Hallen der Bende-Brüder standen schon einige Exoten mit dem legendären Saab-Logo.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Aus der Nebenerwerbs-Schrauberei in der alten Traktorenhalle von 1956, in Eigenarbeit ausgebaut, wurde im Jahr 2000 offiziell eine Firma. Heute kommen Kunden aus ganz Deutschland nach Karben in der Wetterau. Dort gibt es Werkstatt, eine Halle für Restaurierungen, eine für den Maschinenpark und ein großes Obergeschoss, wo Abertausende Ersatzteile lagern, neu und gebraucht. Vom superseltenen XL-Heckspoiler für den klassischen 900 über Turbolader, Krümmer ("die reißen oft") bis zu Windabweisern, Steuergeräten, Kofferraumwannen und Heckklappen. Und an die 400 Bananenkisten stehen ja noch unausgepackt herum.
Saab-Fans, die sich mit fehlenden Nabendeckeln oder hängenden Dachhimmeln rumärgern, fallen hier oben vor Verzückung von einer Ohnmacht in die nächste.
Seltenes Ersatzteillager
Teilelager und Endverbraucher-Parkplatz sind das Pfund, mit dem die Bendes wuchern. Viele Ersatzteile haben nach dem Ende der Marke in Deutschland ihren Weg zu Erik und Janos gefunden – die Szene ist klein, da kennt man sich untereinander. Und heute ist es so viel Zeug, dass sie bei Bende Automobile ein spezielles EDV-System am Laufen haben, das zwischen Alt- und Neuteilen unterscheidet. Ohne geht es längst nicht mehr. "Lieber schenken uns die Kunden ihr altes Auto, als es verschrotten zu lassen. Wir fangen damit noch was an, schneiden auch mal ein ganzes Seitenteil raus und setzen es bei einem anderen Wagen wieder ein", sagt Erik. Repro-Teile taugten oft nichts, weil die Pressen ausgelutscht seien.

Ob Turbo-Schriftzug, Händler-Fahne oder Ausstellfenster, der Fundus an Teilen und Devotionalien ist groß und vielfältig.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Hier kommt nix um, Nachhaltigkeit gehört zur Firmenphilosophie: Die 200 Meter Schwerlastregal bekam Erik mal bei Jaguar geschenkt, wo er in den Neunzigern fünf Jahre lang der Marke Saab fremdging, die stählerne Wendeltreppe kommt aus einer stillgelegten Kläranlage, und das Chefbüro, in dem Sylvia Kouba im ersten Stock am Computer sitzt, war früher in der deutschen Saab-Zentrale in Benutzung.
Nüchtern betrachtet hätten sie sowieso von allem mehr als genug, aber sicher ist sicher: "Haben ist besser als brauchen. Wir lagern einfach weiter Teile und Autos ein." Man müsse eben auf alles vorbereitet sein – derzeit seien die Saab-typisch zwischen den Vordersitzen montierten Zündschlösser für die modernen 9-3 und 9-5 nicht zu bekommen. Eine tote Marke am Leben zu erhalten, stelle immer neue Aufgaben.
Solide Schweden
Die Technik? Nach bald 50 Jahren des Arbeitens an den Autos aus Trollhättan zuckt Janos nur mit den Schultern. Die Software des finalen 9-5 von 2010 könne inzwischen mal Probleme machen, "und in die Zweitakt-Technik der alten Typen arbeitet man sich schnell wieder ein". Alles andere ist Erfahrung. Rund 60 Jahre Saab decken sie hier ab, um die 90 Prozent der Restaurierungsarbeiten könnten im Haus erledigt werden, sagt Erik. Nur Sandstrahlen, Galvanik, Pulverbeschichtungen und Lackierungen gingen nach draußen.

Erik (l.) und Janos Bende aus Karben bei Frankfurt kommen zusammen auf 95 Jahre Saab-Erfahrung. Die Autos waren und sind ein Fall für Individualisten, Wartung und Reparatur für Spezialisten.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Der im hellen Orange glühende 99 auf der Hebebühne ist zur Wartung da, das gelbe 900 S 16V Cabrio daneben, ein rares "Monte Carlo"- Sondermodell von 1993, bekommt ein neues Armaturenbrett verbaut. Und als beim 1992er 900-Familien-Fünftürer einer Kundin das Getriebe kollabierte, fand sich ganz hinten auf dem Hof, wo die Natur sich die alten Saab langsam zurückholt, ein Auto, in dem ein funktionierendes Ersatzteil steckte. Rankommen war schwierig, die große OP dauerte halt etwas länger.

Was noch nicht in Kisten, Kästen und Regalen abgelegt ist, steht verbaut im Fahrzeug auf dem hauseigenen Platz der Langzeitparker.
Bild: Roman Raetzke / AUTO BILD
Die seltenen Sport-Modelle der drei Sonett-Generationen haben ihren Weg auf den umgebauten Bauernhof gefunden, und auch Rallye-Autos sowie Saab für Film und Fernsehen durchlaufen hier ihre Wartung. Wenn’s anders oder skurril sein darf, wird die Auto-Rolle am Set immer noch gerne mit einem trolligen Typen aus Schweden besetzt. Die tote Marke lebt weiter, auch dank der Experten.
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