Tom's Club handelt mit Cadillac, Lincoln und Co
Swing Time: Anlaufstelle für edle Schlitten aus den USA

Bild: Uli Sonntag / AUTO BILD
Beim Lincoln Mark III haben sie's erstaunlich gut hinbekommen mit der Fahrwerksabstimmung. "Trotz des relativ kurzen Radstands", sagt Tom Witzel leise, während er mit der Spitze seines Zeigefingers der Kontur des scheinbar endlos langen Kotflügels folgt. "Denn nur der Radstand ergibt den Komfort, den 'Swing'." Spricht's aus und veranschaulicht das Ganze mit einer in sanften Wellen durch die Luft fahrenden Hand.
Dann schweift sein Blick in die Runde: 1964er De Ville Convertible, Coupé de Ville der aufeinanderfolgenden Jahrgänge 1964 bis 1969, 1951er Special, 1956er Fleetwood 60 Special, Lincoln Town Cars, Lincoln Continental Mark III, IV und V – verdammt, Tom, hier swingt nichts Geringeres als eine komplette Big Band!
Geboren im Sternzeichen Cadillac, Aszendent Lincoln
Witzel ist im Jahr der Hohen Flossen geboren, also 1960, Sternzeichen Cadillac Eldorado Biarritz, Aszendent Lincoln Continental. Hineingeworfen in dieses Haifischbecken der Chrom-Ornamentik und der irren Jet-Turbinen-Ästhetik wurde er bereits im zarten Alter von sechs Jahren. Da zog Familie Witzel raus aus Mainz in ein damaliges Neubaugebiet, in dem Tom fortan vom Sound der USA umtost wurde. Denn die Nachbarn der Witzels waren in nicht geringer Zahl in Hessen stationierte US-Soldaten nebst ihren Familien nebst dazugehörigen großvolumigen US-Cars.

Sanft rollt ein 1963er Cadillac Coupé De Ville in "Royal Maroon" zur Inspektion. Während Tom Witzel enthusiastisch den Fahrersitz erklimmt, kümmert sich Sebastian Schwarz um die Bodenkontrolle.
Bild: Uli Sonntag / AUTO BILD
Diese Melange aus V8-Blubbern, pulsierendem Jazz, wie auf Schmieröl dahingleitenden Streamline-und Flossensauriern der 1950er-bis 1970er-Jahre impften Tom das Sechs-Meter-Fahrzeuggesamtlänge-Gen ein. Mit zunächst noch harmlosen Folgen in Form eines lenkbaren Schuco-Modell-Cadillac. Dann wurde es ernst. Endlich.
Da war's um den brettharten BMW-Fahrer geschehen
1982 stoppte Tom seinen BMW 1502 (mit der Maschine aus dem 2002 und Schalensitz) vor dem Haus eines guten Freundes – direkt neben dessen 1974er Ford Thunderbird. Eine kleine Aufmerksamkeit der Eltern. Dann war Probefahrt, Tom schloss die Beifahrertür ("WROOP! Und es war Ruhe, unfassbar, die Welt einfach ausgesperrt ..."), kurz danach schnellte sein Kopf in den Nacken, weil der T-Bird fast geräuschlos per V8 voranglitt.
Holla! Da ging ja wirklich was ... "Aber sportlich ist der ja trotzdem nicht", wahrte der Witzel einen Rest von Vorbehalt, woraufhin ihm sein Kumpel die Wagenschlüssel gab: "Zurück fährst du!"
Da war's um den brettharten BMW-Fahrer geschehen. "Als frischgebackener Industriekaufmann verdiente ich nur 1000 Mark im Monat, weshalb ich den Thunderbird bei meinem Freund abstottern musste", gießt Witzel den dramatischen Wechsel seiner automobilen Weltanschauung in einen einzigen kargen Satz. Logisch, was wäre ihm auch anderes übrig geblieben?
Die Festanstellung wich alsbald der Selbstständigkeit in Gestalt von "Tom's Club", einem eigenen Modelabel, und der Thunderbird Toms erstem Cadillac: "Eine schrottreife 1961er Series 75 Limousine, die erst bei der US-Botschaft in den Niederlanden Dienst getan hatte, um anschließend irgendwie ins Amsterdamer Rotlichtmilieu abzurutschen", grinst der Ex-Besitzer, der in dieser Zeit viel Nahrung zu sich nahm, denn: "Alle vier bis fünf Kilometer bildeten sich im Motor Dampfblasen, und die Karre blieb stehen. Musste ich halt was essen gehen. Nach 30 Minuten fuhr sie dann wieder – vier oder fünf Kilometer weit ..." Aber cool waren sie dennoch beide, der Tom und sein Caddy.
Beeindruckende Sammlung
Heute besitzt er – wie viele Exemplare? Grinsen. "Na ja: einige. Ich habe erst privat gesammelt, dann ab und an ein, zwei Exemplare verkauft, wenn ich neue Offerten erhielt von meinen Scouts in den USA. Um 1997 herum nahm ich parallel zum Sammeln den Handel mit klassischen Cadillac und Lincoln auf. Und weil die Nachfrage nicht nur nach Fahrzeugen, sondern auch nach entsprechendem Service bestand, kam schließlich die Werkstatt hinzu." Das Modelabel hatte Tom da längst an den Nagel gehängt, den Namen jedoch beibehalten.
Zwischen erstem Caddy und eigenem Klassiker-Business lag natürlich der obligatorische USA-Traum klassischen Zuschnitts: "Drüben einen Caddy kaufen, damit cruisen, dann verschiffen." 1991 macht Tom genau das, gemeinsam mit Frau und dem ersten Kind. In San Antonio kauft er einem ehemaligen Militärarzt dessen 1963er Cadillac-Limousine ab. "Der hat tatsächlich geweint beim Abschied von seinem Auto."
Und weil Autos in den USA niemals gut sind (und meist schon gar nicht so gut wie in den Annoncen beschrieben), tauschte Tom vor Ort erst einmal alle vier Reifen und die Kardanwelle des Caddy. Der abenteuerliche Roadtrip hielt ihn weder von der Verschiffung des Wagens gen Deutschland ab noch vom Fahren eines 1964er Cadillac Sedan De Ville Hardtop im hessischen Alltag.
"Am liebsten so unberührt und so neu wie möglich"
"Ich mag meine US-Klassiker am liebsten so unberührt und so neu wie möglich", sagt Tom Witzel, als sei das das Normalste der Welt. Und tatsächlich ist es das auch, zumindest in Tom's Club. Da schweigt ein 1956er Fleetwood 60 Special mit originalen 35.000 Meilen auf dem Zähler neben einem schwarzen 1966er Coupé De Ville mit Vinyldach und 20.000 Meilen bisheriger Gesamtfahrleistung.
"Den 1956er kaufte sich ein Farmer, auf dessen Boden Erdöl gefunden wurde, direkt von der Drehscheibe des Cadillac-Dealers weg. In Latzhosen. Und er gab seinen 1954er Ford-Pick-up in Zahlung", erzählt Tom, der die Geschichten seiner Autos fast ausnahmslos kennt. Auch warum das erwähnte 66er Coupé De Ville, das ein Bauunternehmer für seine Frau kaufte, die gar keinen Führerschein besaß, weder Radio noch Klimaanlage besitzt. "Der wollte vermeiden, dass der Chauffeur im Auto schön bequem bei Klimaanlage und dudelndem Radio vorm Friseur oder vor der Shopping Mall auf die Gemahlin wartete."

"The Standard of the World", reklamierte Cadillac gern für seine Autos. Passion und Informationen kennzeichnen Sammler und Händler Tom Witzel.
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In diesem behaglichen Dasein hat sich auch ein 1961er Sedan mit 6000 Meilen eingerichtet, außerdem ein 1979er Lincoln Town Car der Collector's Series in "Midnight Blue" mit Turbine Wheels. Der Zählerstand (nicht in Meilen, weil aus Kanada stammend) beträgt 2000 Kilometer. Beim Kauf durch Tom 1995 waren es sogar nur 600 Kilometer.
"Wir hören bei Cadillac im Jahre 1976 und bei Lincoln 1979 auf, weil dies die letzten Jahrgänge der echten US-Fullsize-Cars waren, inklusive der besseren Qualität, die sich seit den 1980er-Jahren rapide und schmerzhaft verschlechterte. Furchtbar, dieses Downsizing, allein die mehr als halbierten Hubräume von 8,2 auf 4,1 Liter, dazu noch Frontantrieb ... Kein Wunder, dass die Kunden massenhaft zu BMW, zu Saab und zu Mercedes überliefen", referiert Tom und tippt einem Lincoln Mark V auf dessen dick wattiertes Vinyldach im Landaulet-Stil: "Diesen hier kaufte sich übrigens James Powers, Designer des 1961er Ford Thunderbird, für seine Sammlung. Er erschien mit einem Reservekanister zur Abholung beim Händler, tankte auf und fuhr den Mark V zu sich nach Hause – und dann nie wieder." Dass das repräsentativ-klassische Coupé mittlerweile 2700 Meilen (richtig gelesen) auf dem formschönen Rücken hat, ist dann "Vielfahrer" Tom Witzel geschuldet. Aktuell hat er diesen besonderen Mark V für 54.000 Euro im Angebot.
Wer spart, zahlt doppelt
Neben aller Liebe ist Witzel auch immer kritisch, sowohl den Marken als auch Einzelexemplaren gegenüber. "Vom Material, vom Design und von der Verarbeitung her ist der Lincoln stets das bessere Auto als der Cadillac, wenn ich mal ganz streng sein wollte. In den USA gilt deshalb eine ähnliche Gesetzmäßigkeit wie zwischen Bentley und Rolls-Royce in Großbritannien: Altes Geld kauft Lincoln, Neureiche wählen Cadillac."
Und wenn Tom kauft, dann direkt über seine Scouts, Menschen, die er auf seinen USA-Reisen kennengelernt hat, bei denen es sich teilweise sogar um ehemalige Cadillac-Verkäufer handelt, und die auf dem Schirm haben, wo noch der Ersthand-Caddy einer "Little Old Lady" in der Garage schlummert. "Aber das sind alles keine Schnäppchen, denn ich muss meinen Scouts deren Anteil entrichten, und schließlich waren es die Amis, die den Kapitalismus erfanden. Andererseits: Wer drüben billig kauft, bezahlt am Ende doppelt."

Auch Flossen bedürfen erfahrener Hände, weshalb Mannes Köller (l.) und Werkstatt-Chef Sebastian Schwarz gern gemeinsame Sache machen.
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Jedoch habe sich das Zeitfenster geschlossen. "Ich bekomme kaum noch gute Autos", konstatiert der routinierte Einkäufer Witzel, der mittlerweile aber auch nur noch sechs gute Fotos der jeweils relevanten Partien eines Autos benötige, um dessen Zustand beurteilen zu können. Grund für die veränderte Situation? Außer den Erstbesitzern sterben mittlerweile auch die Scouts und die Ersatzteilhändler, zudem habe sich die Fracht verteuert.
"Aktuell verkaufen wir bereits Autos zurück in die Vereinigten Staaten, weil es dort schlicht keine so guten Exemplare gibt. Die haben zwar Trailerqueens, die wunderschön aussehen und Pokale gewinnen, es aber nicht weiter als 500 Meter auf der Straße schaffen aufgrund ihrer Standschäden. Wir hier sorgen nicht zuletzt durch unsere Werkstatt dafür, dass unsere Autos quasi alltagstauglich sind."
Richtig, die Werkstatt: Auch an ihr lässt sich der Wandel ablesen, ein Wandel mit Zukunft, denn Tom Witzel hat diesen Part des Business bereits 2018 in die Hände von Kfz-Meister Sebastian Schwarz und dessen Team gelegt. "Tom's Club Service" heißt der Betrieb. Wobei sich die beiden Jungs kennen, seitdem der Sebastian den Tom im Jahr 2005 angerufen hatte wegen eines potenziellen Jobs im Bereich US-Cars.
"Die Chemie stimmte sofort, also bin ich mit 22 Jahren von Neustadt-Glewe aus Mecklenburg-Vorpommern direkt nach Hessen runter", erzählt der heute 41-jährige Sebastian. Der war seit Jugendtagen angefixt von US-Blech, las "Chrom & Flammen", machte 2002 seine erste USA-Reise und war für europäische Autos spätestens danach verloren.
"Ich möchte, dass diese Kunst auf Rädern erhalten bleibt – und gleichzeitig funktioniert", sagt Sebastian, den Gründer Tom Witzel als "Glücksgriff" für das Unternehmen bezeichnet, dem er selbst nunmehr als Senior Advisor diene. "Anders ausgedrückt: Ich geb hier den Klugscheißer, das Team hasst mich eh", grinst der Senior Advisor breit in die Runde, und die Runde lacht. Das passt hier schon alles, wo sich kaufmännische Expertise, Wissen um die Historie und fachliches Geschick ergänzen.
Spezialisten für Nobelkarossen
So wirken sie nun also gemeinsam. Gegen "die deutsche Mentalität, sofort Neuteile zu verbauen", wie Sebastian Schwarz es ausdrückt. Wo doch ein überarbeiteter originaler Rochester- oder Carter-Vergaser um so viel besser arbeite als die inflationär verbreiteten Edelbrock-Exemplare. "Die harmonieren eigentlich nicht mit Cadillac und Lincoln, auch ziemen sich bollerige Camaro-Soundsysteme als Auspuff nicht für einen Cadillac, der flüstern soll." Schließlich handele es sich um automobile Zeitkapseln, die man erhalten wolle.

Flosse, flosser, am flossesten: Tom Witzel mit 61er, 62er, 64er und 66er Cadillac.
Bild: Uli Sonntag / AUTO BILD
Neben Cadillac und Lincoln beschränkt sich das Team auf die Marken Ford, Mercury, Buick und Oldsmobile. An Europäern geben sich Mercedes, Bentley und Rolls-Royce ein Stelldichein. "Wir sind Spezialisten, keine Generalisten, und das soll auch so sein", sagt Sebastian Schwarz. Ein Chevy sei nun mal kein Cadillac, und entgegen dem Klischee könne auch ein US-Car überfordern. Denn wo Chevy und Olds manuelle Luftklappen und Heizung haben, besäßen Cadillac eine Klimaautomatik. Oder auch mal ein Autronic Eye. Und multiple Unterdrucksysteme.
Draußen vor dem Tor ertönt eine sonore Hupe. Ein braunes 65er Coupé de Ville fährt vor. "Der Lackton heißt Royal Maroon", schwärmt Tom, der wie immer so sanft und bedächtig spricht, wie eine Hydramatic schaltet. "Das Auto gehörte ursprünglich einem Beleuchter aus Hollywood, full options, habe ich die Geschichte eigentlich schon erzählt ...?"
Nein, aber tu das bitte, Tom! Und macht hier alle genau so weiter.
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