VW Golf 1 L von 1980 im Test
Die Klasse von 1980: Die erste Generation des VW Golf im Test

Bei den Kompakten gilt der Golf als gesetzt. Doch die Konkurrenz des Wolfsburger Originals war schon früher groß und vielseitig.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Seit 1974 ist er auf der Bildfläche, der Namensgeber der Golf-Klasse. Und aus heutiger Sicht fällt es fast schwer zu glauben, wie der Wolfsburger von 1980 daherkommt. Er trägt zwar schon Stoßstangen aus Kunststoff, aber noch die hübschen kleinen Rücklichter und das Armaturenbrett der Ur-Version. Erster Gedanke beim Blick auf die leer geräumte Wand aus kratzigem schwarzen Hartplastik, in der nicht mehr als ein Tacho, ein paar vereinzelte Warnleuchten und Schalter sitzen: War der Golf wirklich mal so nackt?
Wenn eine Verbindung zwischen dem materialschweren VW Käfer, dem alten Platzhirsch der unteren Mittelklasse, und dem dünnwandigen Golf besteht, dann in der sparsamen Erstausstattung! Ansonsten liegen Lichtjahre zwischen beiden.
Wie flott ein Volkswagen schon mit 50-PS-Basismotorisierung sein kann, stellt der Einsteiger-Golf gut gelaunt unter Beweis. Mit kernigem Dröhnen dreht der etwas nach vorn geneigte Vierzylinder vom Typ EA801 hoch. Die leichtgängige Lenkung und die feinfühlige Bremse tragen viel zum lebendigen Fahreindruck bei. Objektiv gemessen, braucht der Golf mit 25 Sekunden jedoch mit Abstand am längsten für den Sprint von 0 auf 100 km/h, und die Bremswerte sind mit rund 52,4 Metern auch nur Durchschnitt.

Holz-Klasse: Grau-Schwarz, alles Ton in Ton. Der Innenraum ist schlicht, aber es fehlt an nichts. Mit Lack in "Diamant-Silber" sieht der kleine Golf L sogar ein bisschen nach GTI aus.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Die Rolle des Klassenprimus lässt sich im Rückblick am ehesten mit dem stimmigen Gesamtpaket erklären. Der Golf bietet Platz ohne Verrenkungen, das Raumgefühl in der ersten Reihe ist gut, die Sitze sind vollwertig und bequem, die Bedienung klar ersichtlich, und die Laufkultur des Motors stimmt. Das ließe sich als berechenbar oder langweilig beschreiben, aber je länger man unterwegs ist, desto eher macht sich das Gefühl breit, dass es mehr Auto nicht braucht.
Plus/Minus
Ein Slogan, mit dem VW den Käfer-Erben bewarb, lautete "Der neue Volksport: Golf". Ein volksnaher Typ ist der Ur-Golf heute noch, auch wenn richtig gute Exemplare längst die 20.000-Euro-Hürde reißen können. Aber die große Mehrheit der fünf Millionen Gölfe der Generation 1 ist auch 50 Jahre nach dem Debüt noch bezahlbar und nutzbar. Schon mit 1,3 Litern Hubraum und 60 PS fühlt sich ein Golf gut motorisiert an, die Versionen mit 1,5 (70 PS) gelten als goldene Mitte, und auch das Cabrio mit dem 98 PS starken 1,8-Liter-Vierzylinder geht als harmonische Kombination durch. Chrom wirkt preissteigernd, betrifft also Baujahre und/oder GL-Ausstattung, Gleiches gilt für Extras. Der ewig populäre GTI, das Sondermodell Pirelli und der Turbodiesel sind Spezialfälle. Eine Sonderposition nimmt auch die praktische Pick-up-Version Caddy ein.

Der kurz geratene Schaltknüppel trägt einen pflegeleichten Kunststoffsack. Fünf Gänge und niedrigere Drehzahlen für weniger Lärm – das wär's!
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Wartung und Reparatur stellen, abgesehen von der K-Jetronic des GTI, keine hohen Ansprüche. Dennoch ist die sachgerechte Instandsetzung eines rostigen Golf, vor allem bei frühen Modellen, wo es viele Änderungen gab, kein Spaziergang. Das Schwarmwissen der 1. Original Golf IG hilft in Detailfragen, was historisch korrekt ist. Im Gegensatz zu den langlebigen, unkomplizierten Vierzylinder-OHC-Motoren waren frühe Golf-Karosserien wegen mangelhafter Vorsorge und dünner Lackschichten nur von begrenzter Haltbarkeit. Erst ab 1979 verdiente die Konservierung ihren Namen. Typische Roststellen sind das Tankeinfüllrohr, die vorderen Kotflügel, Stehblech und Federbeindome, außerdem Schweller, Bodenbleche, Heckklappenfalz und Heckabschlussblech rund um die Schweißnähte. Die Motoren neigen zum Ölverlust, bei den Getrieben schwächelt im Alter auch mal die Synchronisierung. Wichtig beim Kauf ist der Zustand der Innenausstattung. Stimmt die Farbe, ist der Stoff porös, das optionale Kunstleder heil?
Marktlage
Einser-Golf gibt es immer noch viele, aber was darf’s denn sein? Original oder getunt, früher Chrom oder später Kunststoff, GTI oder Cabrio? Oder lieber ein Jetta? Auch die Stufenheck-Variante hat ihre Liebhaber, ist aber immer noch günstiger zu haben. Ein unverfälschter Originalzustand mit Serientechnik hebt den Wert, das war nicht immer so. GTI und ganz frühe Typen mit "Schwalbenschwanz"-Heck sind (auch mit kleiner Motorisierung) gefragt, am größten ist die Auswahl beim Cabrio, das auf Basis des Golf 1 bis 1993 gebaut wurde.

Großzügig im Kleinen: L stand mal für Luxus. Heute begeistert der Ur-Golf vor allem mit Leichtigkeit.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Ersatzteile
NOS ist natürlich erste Wahl, aber fast alles findet sich heute auch als Repro-Ware. Eine Frontmaske kostet 229 Euro, ein Kotflügel 149 und ein Cabrio-Seitenteil 335 Euro (www.hoffmann-speedster.com). Beim VW-Spezialisten Werk34 gibt es passende Stoffe, vom Schottenkaro (Rücksitzbank: 259 Euro) bis zum Kunstlederbezug für die Kopfstützen (Paar: 89 Euro). Bei Volkswagen Classic Parts kostet eine Uhr fürs Armaturenbrett 16 Euro, ein Anlasser 116, eine Achsmanschette 24 und ein Auspuffkrümmer 187 Euro. Von einer solch lückenlosen Versorgung können Fahrer anderer Modelle nur träumen.
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