Es ist wettermäßig ein durchwachsener Tag, an dem wir unterwegs sind zum "Santana Zentrum Braunschweig", dem Hort der Geschichte der eins­tigen Volkswagen-Limousine für gehobene Ansprüche. Tilman Grund und Klaus Meier heißen die Gründer, die bis heute humorvoll, aber standhaft die Fahne des San­tana hochhalten. Die beiden sind nun mal Überzeugungstäter – Punkt. Während die Scheibenwi­scher meines Volvo 745 (der wird im Verlauf des Textes noch wichtig werden) tapfer die Sicht auf die Dinge zu klären versuchen, ver­sucht sich auch meine Begleiterin an einer Deutung.
"Weißt du eigentlich", fragt sie vom Beifahrersitz aus, „dass 'Santana' ein weiblicher Vorname ist, meist in exotischen Ländern? Vielleicht haben Tilman und Klaus ihre Autos ja auch deshalb so gern. Wegen ihrer – nun ja, du verstehst schon – gewissen hübschen For­men ..." Während ihre Hände die erwähnten 'gewissen Formen' in der Luft nachzeichnen, unter­streicht eine hochgezogene Au­genbraue den vielsagenden Blick. Ach, Santana, benannt nach den kalifornischen Santa-Ana-Winden! Hätte die Autowelt doch nur viel eher einen solch unver­stellten weiblichen Blick auf das Stufenheck erfahren. Wie viele Schmähungen wären dir erspart geblieben!
Die Zeugen Satanas
Mangelware: "Alles, was nicht vom Passat passt, ist rar", wissen "Die 2" vom Santana Zentrum. Es gilt: Haben ist besser als brauchen.
Bild: Günter Poley / AUTO BILD
Bevor ich tiefer grübeln kann, warum die Menschen den Santana ablehnen, während sie einer Lan­cia Fulvia Berlina das Hohelied singen, hebt sich das Tor des San­tana Zentrums Braunschweig. Fast 20 Santana stehen dort in lockerer Runde, fast so, als hätten sie sich bis eben angeregt unterhalten. Und das Szenario täuscht noch nicht einmal, denn der aus ihrer Mitte herausschreitende Tilman Grund begrüßt uns mit der Ein­leitung eines typischen Achtziger-Jahre-Witzes: "Treffen sich ein Ostfriese, ein Österreicher, ein Franzose, ein Nigerianer, ein Chinese, ein Schweizer und ein Amerikaner." Damit sind die Herkunftsländer aller hier versammelten VW Santana erschla­gen – und die Macke der "Santa­na-Selbsthilfegruppe à deux" ist umrissen. Aber es gibt Schlimmeres. Was genau, überlegen wir später.
Also, was soll das Ganze, Herr Grund? "Ziel war der Aufbau einer Fahrzeugflotte, die Anhäufung und das Horten von Ersatzteilen sowie Missionsarbeit im Sinne der Weltanschauungsgemeinschaft 'Zeugen Santanas'", referiert Til­man die santanischen Verse – dies wahlweise nur halb scherzhaft oder nur halb ernsthaft. Und das törnt an? "Na ja. Teilweise erschre­ckend spröde und fast langweilig, sind diese Untersuchungen selbstverständlich völlig un­erlässlich, um den Santana in all seinen Facetten ausreichend nach­vollziehen zu können ..." Aaaah jaa ....

Unterschätzter Klassiker

Seit Mitte der 1990er-Jahre kümmern sich Tilman aus Hildes­heim und Klaus aus Holzminden akribisch um den vom Passat 32b abgeleiteten VW Santana. Dabei machen die beiden nichts anderes, als Mercedes-Strich-Acht- oder BMW-Nullzwo-Fanclubs: Sie kümmern sich um den Erhalt und um die Historie ihrer Lieb­lingsklassiker auf Rädern. Der Unterschied: Weil der Santana oft verspöttelt wird ("Rentner auf Rädern", "Rollender Kranken­schein"), ernten dessen Fans ent­sprechend oft mitleidige Blicke. Während man das thematisiert, kommt etwas Unerhörtes zutage: Der Santana und seine Anhänger sind tatsächlich cool. Die Autos, weil sie stoisch durchhalten. Und Fans wie Klaus und Tilman, weil sie bei vielen Kritikpunkten nicken und den Santana dennoch mögen.
"Der Santana passt einfach", resümiert Klaus trocken, "ein volkstümliches Auto mit Langzeit­qualitäten." "Stimmt", sekundiert Tilman, "die simple Konstruktion macht den Erhalt des Santana sowohl technisch als auch finan­ziell beherrschbar." Und er fügt trocken-ketzerisch hinzu: "Man kann auch Maserati Quattroporte III sammeln. Aber das ist viel teurer und sieht auch nicht so viel anders aus ..."
Die Zeugen Satanas
Goldene Zeiten: Parallel zur Neuen Deutschen Welle erschien 1981 der VW Santana. Ähnlich wie sie verebbte er 1985.
Bild: Günter Poley / AUTO BILD
Es ist dieser Mix aus herzerfri­schendem Humor, kritisch-his­torischer Einordnung der Wolfs­burger Stufenheck-Limousine in die Konzern-und Automobilge­schichte und unverbrüchlicher Verbundenheit mit dem Santana, was das Ganze sympathisch macht. Angefangen hatte es wie so oft: Klaus "erfuhr" als Fünfjähriger den damals werksneuen Santana des Großvaters, bei Tilman reichte so­gar der Umstand, dass seine Mut­ter 1984 nur eine Woche lang (!) den Santana als Leihwagen fuhr. Bald führte Tilman eine Liste mit sämtlichen Santana, die er im Stra­ßenverkehr erblickt hatte.
Seitdem haben sich über 30 Santana bei Klaus und Tilman angesammelt, ziemlich exakt zehn Prozent aller in Deutschland noch zugelassenen Exemplare. Dies ge­schah anfangs vor rationalem Hin­tergrund, sagt Klaus Meier: "Auch Santana musst du in Schuss hal­ten, also schaut man nach günsti­gen Teilen und Ersatzteilträgern. Beides gab es zu unseren Studentenzeiten häufig und günstig, wes­halb wir uns nach und nach von ganzen Autos und Teilen umzin­gelt sahen ..." Als die gemeinsame historische Recherche dazukam, war klar, was passieren würde: "Wir wollten nicht nur zwei Be­kloppte sein, sondern zwei Be­kloppte mit einem Namen – also erfanden wir das Santana Zentrum Braunschweig, kurz SZBS!"

Weltweiter Erfolg

Übrigens nur in Europa blieb der Santana ein Mauerblümchen, der den Sprung in die gehobene Mittelklasse irgendwie verfehlte. Als nobler GX über Audi 100 und Mercedes 190, als basaler CX oder LX über Ford Sierra und Opel Ascona stolperte. Obwohl er sich in heute vergnüglich wirkenden Werbeanzeigen explizit einer durch­aus dynamisch-bürgerlich-reise­freudigen Klientel empfahl.
Die Zeugen Satanas
Die Internationale Santana-Parade des SZBS vereint rund 30 VW-Stufenheckmodelle. Dies entspricht in etwa zehn Prozent des in Deutschland bekannten Bestands.
Bild: Günter Poley / AUTO BILD
Ansonsten geriet der Santana tatsächlich zu einem Weltauto: Hierzulande quasi unbemerkt, wurde er – bis auf Australien und in der Antarktis – weltweit ver­marktet, wenn nicht sogar gebaut. In China schaffte es der Santana zeitweise auf bis zu 80 Prozent Marktanteil, in Brasilien (nur dort auch gebaut als Zweitürer!) galt er als Luxusmodell wie hierzulande ein 5er-BMW. In Japan fertigte Nissan bis 1990 den Santana in Lizenz, in Südafrika feierte er als Passat Erfolge, in Nigeria wurde er vor Ort montiert. Bescheiden war seine Karriere als "Quantum" in den USA und als "Corsar" in Mexiko – Wechselkurse und Marktpositionierung passten nicht. Das alles referieren Klaus und Tilman aus dem Effeff, die einzel­nen landestypischen Unterschie­de der Modelle natürlich inklusive. Längst sind die beiden eine echte Instanz in Sachen Santana (und auch Passat 32b). "Wenn jemand den Santana der Großtante noch in der Garage stehen hat, klingelt unser Telefon", berichtet Klaus. Jedes Angebot erfährt akribische Durchleuchtung auf die Verwert­barkeit von Teilen oder auf Ver­mittlung ganzer Fahrzeuge inner­halb der Fangemeinde. Als echte Santana-Nerds sind Tilman und Klaus erste Ansprech­partner in Sachen Kaufberatung.

Kleine Schwächen

Sie beten dir die typischen Schwachstellen des Santana vor: Hinterachsaufnahmen können das Grauen sein, dann korrodieren Endspitzen und Radläufe stark, auch die hinteren Radhäuser innen und der Bereich um das Tankrohr. Und natürlich die Türen. "Und lass bloß nicht den Kofferraumdeckel unkontrolliert hochschnellen: Des­sen Federn sind so straff ausgelegt, dass ein hartes Anschlagen am Endpunkt auf die Schweißnähte an der Kofferraumaussparung geht – dann reißt irgendwann das Blech!" Geht klar, Tilman ...
Mechanisch ist der Santana so unauffällig wie sein Styling. Da zickt irgendwann gern mal das Dehnstoffelement oder die Drei­punktdose des 2E2-Vergasers, bei den 85-und 115-PS-Varianten be­reitet der wandernde Schwimmer­nadelsitz des dortigen 2B5-Verga­sers Probleme. Ersatz? "Man muss nur Geduld aufbringen, es gibt im Prinzip fast alles", sagt Klaus. "Spä­testens im SZBS-Keller." Grins. Zu­dem gebe es bundesweit immerhin noch zwei Vergaserspezialisten, die sich mit den genannten Typen bes­tens auskennen.
Genau, Anlaufpunkt ist das SZBS auch, was Ersatzteile angeht für ein Modell, das (für Europa) zwischen 1981 und 1984 nur in 198 505 Exemplaren entstand. Was ist selten, was gar nicht mehr zu bekommen – und wo sieht es ent­spannt aus? "Bremskraftregler gibt es nicht mehr, verbaut bei den Mo­dellen mit starken Motoren und mit Automatikgetriebe", kommt es von Tilman wie aus der Pistole geschossen, "da muss man auf­arbeiten. Beim Santana ist generell alles Mangelware, was nicht direkt vom Passat stammt. Also der ge­samte Chromzierrat, die speziellen Seitenstoßleisten, die hochwerti­gen Türverkleidungen."
Die Zeugen Satanas
Ob Vier- oder Fünfzylinder, Benziner oder Diesel, in den 1990er-Jahren wären Jake und Elwood Blues wohl Santana gefahren.
Bild: Günter Poley / AUTO BILD
Schlimm seien durch UV-Licht ausgeblichene Innenausstattun­gen und gerissene Armaturenbret­ter. Auch neue Türen gebe es nicht mehr, dafür aber gute Gebrauchte vom baugleichen Passat. Schein­werfer, Stoßstangen und Heck­leuchten seien zwar Santana-spe­zifisch, aber nicht problematisch.
Am Ende geht es doch noch von der Funktion auf die Form. Ich zitiere die eingangs erwähnte Deu­tung meiner Begleitung, woraufhin Klaus tatsächlich von den Formen des Santana zu schwärmen beginnt – nur eben von herrlich parallelen Linien, beruhigenden Horizontalen und anderem angenehm Unaufgeregten. Ooch nöö, Klaus ... "Aber du mit deinem Volvo 745 kennst das ja, Knut. Mit dessen Styling bist du ja gar nicht so weit vom Santana entfernt. Und hattest du vor 20 Jahren nicht sogar auch mal ein Passat Stufenheck, bist du nicht auch ein Zeuge Santanas?", spricht Klaus und fixiert mich mit plötzlich seltsam fiebrig glänzen­den Augen.
Haha, tja, ähem ... Meine Güte, wie doch die Zeit vergeht. Wir müssen dann echt mal los!