VW T4 vs. Chevrolet Astro: Duell der Bus-Legenden
VW-Kult gegen US-Charme – wer baut den besseren Familienbus?

In ihrer Heimat wollten VW T4 Multivan und Chevrolet Astro Van das Gleiche: ihre Besatzung mit größtmöglichem Komfort von A nach B bringen. Trotzdem könnten sie kaum verschiedener sein.
Bild: Sven Krieger
Letztes Jahr dachte ich, ein Klassiker mit mehr Platz für Hund und Familie, das wäre praktisch. Meine Kumpels Keno und Michael, beide überzeugte VW-T4-Multivan-Generation-Fahrer, boten sich sofort an, mir bei der Suche nach einem geeigneten VW Bus zu helfen. Doch ich winkte ab. "Sorry, Bullis stehen doch an jeder Ecke. Außerdem verbinde ich da nichts mit Komfort."
Bämm! So schafft man sich Gegner. Trotzig ging ich allein auf die Suche und wurde fündig. Die erste Generation des Chevrolet Astro Van. Vollausstattung, Individualität und dazu ein kultivierter 4,3-Liter-V6. Viel angenehmer als ein nagelnder TDI, deutlich sparsamer als ein dicker V8 im G20. Ich fand meinen Wunschkandidaten und bin seitdem glücklich und sorgenfrei unterwegs.
Fast. Keno und Michael lauern auf Schäden, reiten auf Nichtigkeiten rum und wollen einfach nicht wahrhaben, dass es da draußen noch Alternativen zum Bulli gibt. Also, tragen wir es ein für alle Mal aus: Wer hat den besseren Bus?!
Das Duell: Chevy gegen VW
Zum Duell erscheint nur Michael. Kapitän Keno ist auf See, hat eh den gleichen T4 in Grün. Dass wir dem 93er Chevy keinen älteren T4 gegenüberstellen, liegt daran, dass VW das Konzept des Astro, vier Captain Chairs plus Bettsofa im Heck, tatsächlich erst kurz vor Schluss im "Generation" anbot. Der 140 PS starke VR6 mit Automatik war eine völlig versoffene Luftpumpe, die Automatik ständig defekt.
Dann lieber wie Micha, der just auf den Parkplatz treckert, den kleinen TDI. Der 2,5-Liter mit 102 PS unter der Haube ist ein vernünftiger, wenn auch trockener Partner. "Ich hab dich schon vor drei Kilometern gehört", lüge ich. "Du bist ja schon da! Dachte, du musst bestimmt noch tanken", lautet die freche Antwort.

Lang, flach und schmal: Der T4 streckt sich auf 4,79 Meter, ist dafür überschaubare 1,84 Meter breit und 1,90 Meter hoch.
Bild: Sven Krieger
Wir gehen die Busse ab. Den T4 zu beschreiben ist eigentlich unnötig. Jeder kennt ihn. Mitte der 90er gab es die lange Nase, damit TDI und VR6 Platz fanden, ansonsten lief die erste Version mit Vorderradantrieb, Frontmotor und Wasserkühlung zwischen 1990 und 2001 weitgehend unverändert in Hannover vom Band. Spannend? Nö. Für viele aber ein Sehnsuchtsort, ein Schlüssel zur Freiheit. Ein Kult, dem man sich nicht entziehen kann.
So auch Michael. Durch seine rosarote Brille wirken die Kunststofffußmatten gleich wie nobles Teak, fühlt sich das graue Vertretervelours an wie edles Alcantara und glänzt die riesige Kunststoffwüste im Cockpit fast wie der Eiswürfel im Gin Tonic, der den Sonnenuntergang am Strand spiegelt.
Der Astro ist ein rollendes Wohnzimmer
Okay, im Ernst. Der T4 ist eine richtig nüchterne Erscheinung. Innen wie außen. Spannend wie das Foyer einer Sparkassenfiliale. Der Astro dagegen ist ein Bus, wie man ihn heute kaum noch kennt. Er ist in jedem Detail das Gegenteil von bescheiden. Schon von außen wirkt er mit breiten Chromstreifen auf den Flanken, noch mächtigeren 255er-Reifen, tief ausgeschnittenen und stark getönten Seitenscheiben wie ein übermotiviertes Modell von Hot Wheels.

Der Astro schunkelt, der dicke V6 rauscht, das Fahrwerk ist weich – nur nicht müde werden. Für Fahraktive ist das nichts.
Bild: Sven Krieger
Der Innenraum wird über die breiten Running Boards geentert und wartet auf mit tiefen, dicken Teppichen und fetten Ledersesseln, die sich weit und in fast jede Richtung verstellen lassen. Hinten, in Reihe drei, ist ein feistes Sofa, das sich elektrisch (!) zum Bett umklappt. Unterm Dach sorgen Fernseher und zig indirekte Lämpchen für Unterhaltung und die richtige Atmosphäre. Serienmäßig hat der Astro sogar einen Staubsauger an Bord! Zwei Klimaanlagen und ein Kühlfach sorgen für angenehme Temperaturen und kühle Drinks.
Und um nicht den gleichen Fehler wie VW zu machen, den Kunststoff-Overkill, sägten die findigen Amis einfach kurzerhand ein paar Bierzeltgarnituren auseinander und dübelten sie großflächig in den Innenraum. Angesichts der wirklich daumendicken Ausführung wird hier kaum jemand auf die Idee kommen, es könne sich um Imitat handeln.
Ist das alles schön? Schwer zu sagen, eher nicht. Aber lustig und unterhaltsam. Und darum geht es doch beim Klassiker, dass er Spaß macht. Keiner, wirklich keiner, der bei der Sitzprobe im Chevy nicht sofort anfing zu grinsen und es cool fand.

Kurz, breit, hoch: Der Astro EXT misst nur 4,52 Meter in der Länge, ist dafür 1,98 Meter breit und 2 Meter hoch.
Bild: Sven Krieger
So auch Michael, der gerade den Beifahrersessel erklimmt und wieder fassungslos mit den Augen von Detail zu Detail geistert. "Das ist schon abgefahren", bringt er raus. Sämig und mit tiefem Wummern flutet der Astro die Landstraße dahin. "Geiler Sound, fast V8", staunt Michael. Auch die extrem weichen Schaltvorgänge der Automatik mit ihrem lang übersetzten Overdrive bemerkt er.
Leider aber auch das Klappern vorn rechts. "Dein Holzpaneel löst sich." – "Ja, ich muss mal wieder die Schrauben nachziehen." Immerhin hat ihn die Werkstatt beim letzten Öl- und Tankwechsel auch gleich abgeschmiert. Sonst wäre die Lenkung noch mehr Lotterie als jetzt. Michael beobachtet mein Rudern. "So ungenau?" Ich erkläre, dass ich einfach immer so ein paar grobe Richtungsideen nach unten reiche und dann gespannt bin, was Fahrwerk und Lenkung daraus machen.
Tankfüllung mit Augenzwinkern
Das Bimmeln der Tankanzeige ist nicht länger zu überhören. Ich rolle ran, fülle 98 Liter in den 102-Liter-Tank. "Teuer, was?", grinst mich Michael an, als ich einsteige. Ja. Aber ich nutze ihn eigentlich nur auf Strecken mit Freunden und Familie. Da macht er Spaß und pendelt sich bei Tempomat 110 bei glatten zehn Litern ein. Nicht wenig, aber auch nicht dramatisch. Und schneller fahren die T4ler aufgrund des Lärms auch nicht.

Den Tisch hat nur der T4, die Beinfreiheit beim Gegenübersitzen bleibt allerdings sehr begrenzt. Die mittleren Stühle sind drehbar.
Bild: Sven Krieger
Wir sitzen jetzt im T4. Knorrig, aber verbindlich rumpeln wir dahin. Kein Abenteuer, keine Show, aber ruhige Zuversicht. Wie ein alter Freund der Familie. Die Überraschungen bleiben aus, aber man weiß, was man hat. Er ist zehn Zentimeter flacher als der Astro, vor allem aber 14 Zentimeter schmaler als der Ami. Das hilft, in Verbindung mit der besseren Übersicht, deutlich im Alltag. Ich gebe es nicht gern zu, aber so unangenehm ist der T4 nun auch nicht. "Beim letzten Mal hat er 6,5 Liter Diesel verbraucht", sagt Michael stolz.

Zum Bett lassen sich beide gleich schnell umbauen, die Liegeflächen sind weitgehend identisch.
Bild: Sven Krieger
Für uns steht die Sache fest. Im Alltag punktet der VW mit besserer Übersicht, besserem Fahrverhalten und niedrigeren Kosten. Auf Tour bringt der Chevy einfach mehr Spaß, bietet zudem mehr Ausstattung und Antriebskomfort. Preislich wie auch qualitativ tun sich die Modelle nichts. Gleichstand. Auch gut.
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