Automobile Architektur
Deutschland, eine Zeit-Reise

Alte Tankstellen, Motels, historische Parkhäuser. Fotograf Ulrich Sonntag und Redakteur Hauke Schrieber auf der Suche nach jenen geheimen Orten im Land, die noch heute den Charme der guten alten Zeit haben.
Die gute alte Zeit ist mit den Händen zu greifen. Die rechte löst mit einer Drehbewegung die Stockhandbremse. Die linke betätigt den Drehknopf, der das Dreieckfenster öffnet. Salzige Luft strömt herein. Hinter dem Panoramafenster: die Ostsee. Um uns herum ein Meer aus Chrom. Dann setzt sich der P1 in sanfter Fahrt Richtung Süden in Bewegung. Die gestreckte Form, die weit vorgezogenen Rundscheinwerfer, die Linienführung – alles erinnert ein wenig an die großen Amerikaner. Die Lenkradschaltung sowieso. An jeder Ampel, jeder Tankstelle, bei jeder Rast – bewundernde Blicke für den einstigen Traumwagen. Der P1, am Start 90.820 Kilometer auf der Uhr, rollt auch nach 48 Jahren auf Autobahnen lässig im modernen Verkehr. Kein Wunder: Wir fahren die 1,7-Liter-Topmotorisierung. "Leicht gelenkt, kaum geschaltet. Keine Anstrengung, keine Aufregung." So steht es im Prospekt. Und so rauschen wir durch weite Wälder und enge Parkhäuser. Am Ende steigen wir um in die Autos des 21. Jahrhunderts. Zurück bleibt Wehmut.
Travemünde: Autohaus Kittner

Bild: Uli Sonntag
Vor ein paar Jahren bekam Kittner Besuch aus Wolfsburg. VW-Abgesandte sollten prüfen,ob das Autohaus nach der Sanierung eine Sondererlaubnis erhält, sich nicht an das VW-Einheits-Design halten zu müssen. Die Genehmigung wurde schließlich erteilt, dann verließen die Männer das sumpfige Gelände. Noch heute sackt der Boden um das Autohaus jedes Jahr ein paar Millimeter ab. Adresse: Godewind 5, 23570 Travemünde.
Wolfsburg: Esso-Tankstelle
Es gibt Hausmannskost und selbst gebackenen Kuchen für die Fernfahrer. Das ist der Raststätten-Teil. Es gibt Neuwagen von Borgward und ab 1963 auch von VW, der Abschleppdienst hat Tag und Nacht Dienst. Das ist der Autohaus-Teil. Und es gibt Benzin der Marke Esso, weithin sichtbar angekündigt durch das leuchtende Markenzeichen auf dem Dach. Das ist der Tankstellen-Teil. Auto-Franke wird 1951 am Stadtrand von Wolfsburg von Helene und Willy Franke eröffnet. Ein Rundbau, weiß, schlichte Eleganz. Er wird zu einem Markenzeichen der Stadt, er begrüßt den Gast auf der Fahrt ins Zentrum. Mehr als fünf Jahrzehnte lang. Edeltraut Preussner ist 16 Jahre alt, als sie nach der Schule in das Geschäft ihrer Eltern geht und hilft, Autos zu verkaufen.

Bild: Uli Sonntag
Frankfurt/Main: Parkhaus Hauptwache
Frankfurt am Main, mittendrin. Vier vollverglaste Etagen, hinter den Fenstern parken Wagen, seit
51 Jahren. Damals eine Sensation. Platz für 392 Autos und 60 Motorroller. Das Parkhaus Hauptwache, erstes Parkhochhaus in Deutschland. 1956 als Monument des Fortschritts eröffnet, seit 1986 Kulturdenkmal, zehn Jahre später grundsaniert. Heute neomodern. "Geparkt wird übereinander", staunte die Lokalzeitung einst. Das ist noch immer so. Nur die Preise stiegen. Aus 20 Pfennig pro Stunde wurden zwei Euro. Auch die Autos wuchsen, die Plätze aber blieben schmal. Nur nicht im Untergeschoss. Dort noch immer: die Dauerparkplätze. Nur hier sind die Boxen nummeriert. Immer noch stehen hier Aston Martin, Jaguar, Mercedes-Benz.
51 Jahren. Damals eine Sensation. Platz für 392 Autos und 60 Motorroller. Das Parkhaus Hauptwache, erstes Parkhochhaus in Deutschland. 1956 als Monument des Fortschritts eröffnet, seit 1986 Kulturdenkmal, zehn Jahre später grundsaniert. Heute neomodern. "Geparkt wird übereinander", staunte die Lokalzeitung einst. Das ist noch immer so. Nur die Preise stiegen. Aus 20 Pfennig pro Stunde wurden zwei Euro. Auch die Autos wuchsen, die Plätze aber blieben schmal. Nur nicht im Untergeschoss. Dort noch immer: die Dauerparkplätze. Nur hier sind die Boxen nummeriert. Immer noch stehen hier Aston Martin, Jaguar, Mercedes-Benz.

Bild: Uli Sonntag
Wesendorf Landgasthaus "Zum Pilz"
Ohne Geld, aber mit einem Plan kam das junge Paar Willy und Maly Hörtel 1954 aus
Süddeutschland in die Lüneburger Heide. Willy (29) baute am Straßenrand der B 4 zwischen Gifhorn und Uelzen aus Holzbrettern einen Pilzkiosk. Diese kleinen Buden in Form von Fliegenpilzen entstanden in den 50er-Jahren in ganz Deutschland. Man fuhr mit dem Auto direkt vor und kaufte Milchshakes, Eis und Limonade für unterwegs. "Die Autos standen Schlange auf der B 4", erinnert sich Maly Hörtel 53 Jahre später. "Der Pilz wurde mein Glückspilz."
Süddeutschland in die Lüneburger Heide. Willy (29) baute am Straßenrand der B 4 zwischen Gifhorn und Uelzen aus Holzbrettern einen Pilzkiosk. Diese kleinen Buden in Form von Fliegenpilzen entstanden in den 50er-Jahren in ganz Deutschland. Man fuhr mit dem Auto direkt vor und kaufte Milchshakes, Eis und Limonade für unterwegs. "Die Autos standen Schlange auf der B 4", erinnert sich Maly Hörtel 53 Jahre später. "Der Pilz wurde mein Glückspilz."

Bild: Uli Sonntag
Rüsselsheim: Alte Opel-Rennbahn

Bild: Uli Sonntag
1948 läuft der Pachtvertrag aus, es wächst Gras über die Rennbahn. Doch bald könnte das Oval wiederbelebt werden. Die Regionalpark GmbH plant, die Rennbahn auf 200 Metern in ihren Ur-Zustand zurückzuversetzen und sie zu einer Touristenattraktion zu machen. Wie einst in den 20ern soll eine Holztribüne gebaut werden, auf der Besucher beste Sicht auf die Strecke haben. Nur auf rasende Autos werden sie verzichten müssen. Adresse: B 519, beim Wasserwerk Hof Schönau.
Neu-Isenburg: Autokino Gravenbruch

Bild: Uli Sonntag
Ein Auto wie der Opel Rekord P1 ist wie geschaffen für solche Abende. Keine Mittelkonsole, kein Schalthebel zwischen zwei Einzelsitzen. Stattdessen eine Sitzbank, das Auto als Liebesnest. Heute gibt es sie nur noch selten, die Autos der letzten Reihe, 150 Meter von der Leinwand entfernt, unbeobachtet. Heute ist das mit der Romantik relativ. Statt Liebespaaren kommen Familien mit Kindern, die Krach machen können, ohne andere zu stören. Der Ton kommt aus dem Autoradio, Frequenz 95,1 UKW. Und wenn in den 60ern an Wochenenden das Kino fast immer ausverkauft war, wenn über 1000 Autos durch die gelb-rote Einfahrt rollten, dann stehen zwei Generationen später zwei Dutzend Wagen da, als Spiderman 3 läuft. In Zeiten von Multiplex und DVD haben es Autokinos nicht leicht. Doch sie bleiben einer jener Orte, an denen das Auto zum Zimmer wird. Adresse: Am Forsthaus Gravenbruch, 63263 Neu-Isenburg.
Hamburg: Motel Hamburg
Hamburg-Eimsbüttel, die 50er-Jahre sind noch jung. Die Hoheluftchaussee, im Krieg Einflugschneise für britische Bomber, liegt noch immer in Schutt und Asche. Auf einem Trümmergrundstück, das später die Hausnummer 117 erhalten wird, entsteht in einem Hinterhof etwas, das selbst in einer weltoffenen Metropole völlig neu ist: ein Motel. Entdeckt von einem Hamburger in Amerika. Zu jedem der 19 Zimmer gibt es gratis einen Parkplatz. Nicht wie in der Neuen Welt davor, sondern darunter, in 2,40 Meter breiten Garagen, die Tore in Rot und Weiß. In der Ecke ein Abstellraum für Motorroller. Der Name wird groß an eine Hauswand geschrieben, Schilder an der Straße leuchten im US-Stil blau-weiß-rot. In der Ecke die Rezeption, Messingbuchstaben noch heute. Recepcion steht da auf Spanisch. Warum, weiß niemand mehr.

Bild: Uli Sonntag
Bremen: Goliath-Haus

Bild: Uli Sonntag
Aber der Geist von Borgward ist noch immer da. Das Treppenhaus – Stufe für Stufe Zeitgeschichte. Auf halber Treppe zwischen Erdgeschoss und erster Etage hängt noch immer eine große Luftaufnahme des Werks. Darunter Bilder von acht Modellen des Auto-Imperiums. Hier warteten die Mitarbeiter auf Carl F. W. Borgward: Hey, Chef, ich brauch' mehr Geld! Auf der Rückseite, ganz hinten im Innenhof und noch immer in Betrieb: der Lastenaufzug. Anderthalb mal zwei Meter, Tragkraft 1200 Kilo, zwölf Personen. Auch heute noch zu bedienen über einen Messinghebel: links "Auf", rechts "Ab". An der Kabinenwand noch immer der Hinweis "Nur in Begleitung des Führers zu benutzen". Jetzt werden Computer darin transportiert, die teurer sind als ein Dutzend Autos in den 50ern. Nebenan der Fünf-Tonnen-Aufzug, in den Autos passen. Er steckt seit Monaten im vierten Stock fest. Adresse: Hastedter Osterdeich 222, 28207 Bremen.
Technische Daten Opel Olympia Rekord P1 Vierzylinder-Reihenmotor • seitliche Nockenwelle mit Stirnradantrieb • Hubraum 1680 ccm • Leistung 40 kW (55 PS) • max. Drehmoment 122 Nm bei 2100/min • Hinterradantrieb • Dreigang-Lenkradschaltung • Leergewicht 950 kg • Spitze 132 km/h • Verbrauch 9,5 Liter Normalbenzin/100 km • Tankinhalt 40 Liter • Reifen 5.90Ð 13 • Stahlscheibenräder 4 J x 13 • hydraulische Trommelbremsen • Stockhandbremse • Länge/Breite/Höhe 4433/1616/1490 mm • Radstand 2541 mm • Preis (1959) 7110 DM
Service-Links

































