Oldtimer in den Katakomben von Neapel
Autos aus der Unterwelt

Unter Müll begraben und von der Welt vergessen: In den Katakomben von Neapel blieben 30 historische Autos jahrzehntelang unentdeckt. Jetzt stieß ein Geologe bei seinen Arbeiten auf die fossilen Automobile.
- Alex Cohrs
Du musst warten, bis die Leute weg sind. Bis sie nach draußen gehen in die andere Welt, um sich im Café um die Ecke einen Espresso zu bestellen und ein Panino. Sie werden dort scherzen und lachen und erzählen, vielleicht von ihren Kindern, vielleicht auch nur vom Fußball, aber das spielt jetzt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass deine Begleiter dich allein zurücklassen. Damit es um dich herum still wird, nein, besser: damit die Stille dich einhüllen, dich umschließen kann. Du wirst seltsame Dinge bemerken. Du wirst feststellen, dass das hier unten alles dominierende Grau viele verschiedene Nuancen haben kann. Du wirst auf die alten Autos blicken, die in den Gängen stehen und dir eben noch als verrostete Blechklumpen erschienen. Und plötzlich werden sie dir wie Freunde vorkommen, wie treue Gefährten.
Die Oldies in 40 Meter Tiefe wurden vor 30 Jahren einfach vergessen

Bild: Markus Heimbach
Komplex: das unterirdische Bunkersystem
Minin seilte sich in Neapels Unterwelt ab. Erkundete die gigantischen Tuffsteinhöhlen. Kroch durch das Anfang des 17. Jahrhunderts angelegte Aquäduktsystem. Erforschte den 1853 unter Ferdinand II. gebauten Bourbonen-Tunnel. Fand die unterirdischen Bunker, in denen die Neapolitaner im Zweiten Weltkrieg Schutz gesucht hatten. Und blieb plötzlich stehen. Irritiert. Fasziniert. Minins Stimme hallt jetzt durch den Tunnel. "Ich möchte, dass ihr da vorn anhaltet und euch erst mal sammelt", ruft der Geologe, "der Anblick wird euch den Atem rauben!" Minin will uns das gleiche Erlebnis schenken, das er einst selbst an dieser Stelle hatte. Der Weg führt über ein vierstöckiges Baugerüst, über einen langen Gang, der von nackten Glühbirnen beleuchtet wird, durch ein altes Gittertor. Okay. Hier also stehen bleiben. Durchatmen. Langsam weitergehen. Und staunen.
Ehemaliges Polizeilager
Gleich links hinter dem Tor, in einem riesigen grauen Haufen, liegt das Wrack einer Autobianchi Primula aus den 60er-Jahren. Daneben ein Topolino, der erste Fiat 500. Und ein Fiat 1100-103, der Mittelklassewagen aus den 50er- und 60er-Jahren. "Das hier sind Autos, die in Verkehrsunfälle verwickelt waren", sagt Paolo Sola, "über die Jahrzehnte haben sie die Farbe des Tunnels angenommen." Im Verein Borbonica Sotteranea, dessen Präsident Minin ist, gilt Sozialarbeiter Sola als der Autoexperte. Er kann auch erklären, wie die Wagen überhaupt in die Katakomben gelangt sind. "Die Polizei hat die Tunnel vom Ende des Krieges bis in die 70er-Jahre als Lager benutzt. Neben Unfallwracks stehen hier Autos aus Kriminalfällen. Viele wurden zum Zigarettenschmuggel benutzt", sagt der 49-Jährige. Wir gehen ein paar Meter weiter und bleiben vor einem Fiat 1100 sowie zwei Fiat 1400 stehen.
Jedes der 30 Autos erzählt eine eigene Geschichte

Bild: Markus Heimbach
Aus dem Sensationsfund wird ein Museum

Bild: Eleonora Cucina
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