Die Ruinen des Packard-Werks in Detroit

Packard-Werk in Detroit

Leben in Tr├╝mmern

Das gro├če Werk der Automarke Packard ist heute nur noch eine gruselige Industrie-Ruine. Im fahlen Schatten des einstigen Luxus-Glanzes lebt nur noch Allan Hill, ein ehemaliger Mitarbeiter der Firma. Wir gehen auf Endeckungstour!

Zum Beginn des 20. Jahrhunderts als modernste Autofabrik der Welt gebaut, sind die Packard-Werke heute nur noch eine apokalyptische W├╝stenei.

Allan geht mit Gott, ich gehe lieber au├čen herum. In der Decke klafft ein riesiges Loch, an dessen R├Ąndern einzelne Brocken herunterh├Ąngen. Das da ├╝ber uns ist eine Beton-Asbest-Regenwasser-Pampe, zusammengehalten nur noch vom Zufall, und es scheint lediglich eine Frage der Zeit zu sein, bis alles herunterkommt. Ich laufe einen Bogen, Allan durchquert die Halle auf direktem Weg. Er hat das Grundvertrauen eines tiefreligi├Âsen Menschen. Au├čerdem hat Allan Hill, 68 Jahre alt und gel├Ąuterter Alkoholiker, mit seinen blaugrauen Augen schon zu viel gesehen, um noch vor irgendetwas Angst zu haben. Allan f├╝hrt ein Leben in Tr├╝mmern. 6540 East Palmer Avenue, Detroit, USA. Das klingt wie eine ganz normale Adresse, ist in Wahrheit aber die Postanschrift der H├Âlle. Das hier ist die gef├Ąhrlichste Gegend der gef├Ąhrlichsten Stadt der USA. In Detroit leben weniger Menschen als in K├Âln, aber es werden f├╝nfmal so viele umgebracht wie in ganz Deutschland.

Der Niedergang der Marke Packard

So edle Autos wie dieses Packard Six Convertible Coupe Modell 2000 baute die Luxusmarke in den 30er Jahren.

Der Wohnsitz von Allan Hill liegt mitten in diesem Alptraum aus Gewalt, Drogen und Hoffnungslosigkeit: Allan lebt im alten Packard-Werk. Oder besser: in dessen Ruinen. Packard war in den 1920er-Jahren die dominierende Luxusmarke der USA, verkaufte mehr Autos als Cadillac und die anderen Konkurrenten zusammen. Aus dem Werk, das der im Hunsr├╝ck geborene Architekt Albert Kahn bereits 1903 gebaut hatte, kamen Nobelmodelle wie der Packard Six oder der Packard Eight. Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich das Management zunehmend auf Autos der gehobenen Mittelklasse, litt unter dem Verlust von R├╝stungsauftr├Ągen, verlor seinen Karosseriezulieferer Briggs an Chrysler und traf die fatale Entscheidung, mit dem selber kriselnden Hersteller Studebaker zu fusionieren. 1954 lief das letzte Auto in den Geb├Ąuden rund um East Grand Boulevard, Concord Street und East Palmer Avenue vom Band. Die weiteren Packard, die bis 1958 noch gefertigt wurden, stammen aus einer Halle an der zehn Autominuten entfernten Conner Avenue sowie aus der Studebaker-Fabrik in Indiana.

Allan Hill war ein Packard-Mann

Das sind die fragw├╝rdigen Besitzt├╝mer von Allan Hill ÔÇô er kann einfach nichts wegschmei├čen.

Allan Hill, ehemaliger Karosseriebauer, ehemaliger Lackierer, ehemaliger Promoter von Blues-Bands, richtete die Tr├╝mmer seines Lebens vor sieben Jahren in den Packard-Ruinen ein. Er hatte angefangen zu trinken, weil er das Leben, das den Normen entsprach, nicht mehr ertragen konnte. "Immer nur arbeiten, um Sachen zu kaufen und vor den Nachbarn gut dazustehen, das wollte ich nicht mehr." Aus dem Haus, das Allan Hill vorher gekauft hatte, musste er raus, als herauskam, dass es dem Verk├Ąufer gar nicht geh├Ârt hatte. Also zog er in einige zusammenh├Ąngende Schuppen auf dem ehemaligen Werksgel├Ąnde. Rechts neben seinem neuen Heim, das komplett eingest├╝rzte Geb├Ąude, da haben sie fr├╝her Automatikgetriebe gebaut. Und gegen├╝ber, die Ruine, das war einst die Endmontage. Allans Schuppen selbst sind, in jeder Beziehung, ├╝berw├Ąltigend. Es liegt Schutt herum, Hunde laufen durch die Hallen, ihre Haufen stinken. Dazwischen ein Dodge Pick-up, ein alter Ford, ein Lkw, ein Gabelstapler, Eimer, Kabel, Gasflaschen, Reifen. Und ein silberner BMW 530i der ersten Serie. Der Deckel des Schiebedachs fehlt, der Kofferraum steht offen, die Motorhaube liegt nur auf, aber aus dem Auto lie├če sich vielleicht etwas machen. "Werde ich sp├Ąter reparieren", sagt Allan, erst mal versucht er, mithilfe zweier Freunde aufzur├Ąumen.

"Jesus ist der K├Ânig!"

Allan Hill.

"Ich kann nichts wegschmei├čen, aber jetzt muss sich endlich etwas ├Ąndern." Es war an einem Morgen, als Allan Hill, noch verkatert, einen Mann vor seinem Schuppen bemerkte. Allan vermutete einen Einbrecher, aber es war ein Pastor. Eigentlich wollte dessen Gemeinde nur etwas in Allans Schuppen lagern, doch nun sprach der Geistliche ├╝ber Gott. Allan konnte damit nichts anfangen, bis der Pastor von Motorr├Ądern erz├Ąhlte und dass sie in der Gemeinde manchmal einen Biker-Gottesdienst abhalten. Damit konnte Allan etwas anfangen! Am Ende des Gespr├Ąchs, so erz├Ąhlt es Hill, habe der Geistliche ihn gefragt, ob er Jesus als Erl├Âser akzeptiere. "Ich habe 'Ja' gesagt. In dem Moment war mein Kater weg." Allan sieht das als Erweckungserlebnis an. Immer sonntagmorgens um sechs f├Ąhrt er die armen Seelen aus der Gegend mit einem Kleinbus der Kirchengemeinde zum Gottesdienst. Als drau├čen ein alter schwarzer Mann vorbeigeht, steckt Allan ihm einen Dollar zu und ruft: "Jesus ist der K├Ânig!"

Mit einer Waffe zur Arbeit

Harold Jones, 52, ein Freund von Allan. Er arbeitet in einer kleinen Lackiererei in den verwitterten Hallen. Er kommt immer bewaffnet zur Arbeit.

Nachts schlie├čt sich selbst der unersch├╝tterliche Allan Hill ein, aber tags├╝ber ist aus einer der Hallen Musik zu h├Âren. Allans Kumpel Harold Jones, 52 Jahre alt, arbeitet f├╝r den letzten noch laufenden Betrieb auf dem Gel├Ąnde. Die "Chemical Processing Inc." lackiert hier Teile, unter anderem f├╝r Autofahrwerke. Mitten in der Halle h├Ąngt ein Schild: "Wir sind stolz auf unser Versprechen, uns immer zu verbessern." Kaum etwas k├Ânnte absurder wirken in dieser Umgebung. Seit 34 Jahren macht Harold diesen Job, inzwischen meistens allein, und er erinnert sich noch, wie es fr├╝her war. "Ich bin hier gro├č geworden, es war mal eine ganz normale Gegend. Heute ist es schwierig geworden, wir schaffen es einfach nicht, die Kriminellen drau├čen zu halten. Fast jede Nacht werden die Stromleitungen geklaut." Harold kommt morgens mit einer Waffe zur Arbeit und hofft, dass er irgendwann wegkann: "Ich muss weitermachen, bis mein Boss mich hier rausholt."

Keine Zukunft?!

Oder bis vielleicht wirklich ein millionenschwerer Investor kommt und den Karren aus dem Dreck zieht. Immer wieder kursieren in Detroit Ger├╝chte ├╝ber Leute mit Ideen und Verm├Âgen. Wenn du Allan Hill fragst, was er von dem ganzen Theater h├Ąlt, dann nuschelt er nur in seinen wei├čen Bart. Allan hat nicht nur zu viel gesehen, um noch vor irgendetwas Angst zu haben. Er hat auch schon zu viel geh├Ârt, um noch an irgendetwas zu glauben. Au├čer an Gott, nat├╝rlich.

Die Ruinen des Packard-Werks in Detroit

Autor: Alex Cohrs

Anzeige

Automarkt

Bei autohaus24.de Neuwagen g├╝nstig kaufen und Geld sparen.

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.