Volvo Amazon
Faltenlose Schönheit

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Athletischer Körperbau und extrem überlebenswilliges Herz: Unsterblichkeit gehört bei Volvos Amazon zum Serienumfang. Das schont Nerven und Geldbeutel seiner vielen Besitzer
Am Anfang ist Pippi Langstrumpf, manchmal auch Abba, auf jeden Fall aber das Billy-Regal. Im Laufe des Lebens eines normalen Deutschen, also Ikea-Kunden, kommt gelegentlich noch ein anderer Klassiker hinzu: der Volvo Amazon. Nicht mehr billig, weshalb es zumeist bei stiller Sympathie bleibt. In Skandinavien hingegen sieht die Auto-Landschaft anders aus. Amazonen sind dort nicht rar, oft sogar noch in erster Hand. Gibt es einen besseren Beweis für robustes Blech und zuverlässige Technik? Höchstens die Vorgänger, die sogenannten Buckel-Volvo. Doch im Gegensatz zu den 544 und 444, deren krumme Rücken und bauchige Kotflügel noch die Vorkriegsjahre symbolisieren, beeindruckt der 1956 präsentierte Amazon mit modernem Stilmix.
Im Kombi-Vergleich: Volvo 240

Bild: Andreas Lindlahr
Exotische Mittelklasse: Volvo 144

Großes Lenkrad, langer Schalthebel und Bandtacho sorgen für urtümliches Fahrgefühl.
Bild: Andreas Lindlahr
Brummiger Kilometerfresser
Und viele Aggregate noch keinen Instandsetzer. Besonders die späteren B18- und B20-Motoren sind echte Dauerläufer. Im "Volvo High Milage Club" prahlen Mitglieder von Autos mit mehr als vier Millionen Kilometern auf dem Tacho. Übertrieben vermutlich. Und doch glaubhaft. Denn tatsächlich reicht ein Ölwechsel pro Jahr, etwas Aufmerksamkeit benötigen Vergaser, Mechanik und Elektrik. Der Rest ist Fahren, einfach nur Fahren. Sich am leisen Ventiltickern erfreuen, dem brummigen Vierzylinder vertrauen. Der Amazon ist ein Freund. Manchmal der beste.
Historie
International vorgestellt wurde der Amazon 1956 auf der Motor Show in London. Die erste Serie gab es nur als Viertürer mit B16A-Motor (60 PS) und drei Kurbelwellenlagern. 1961 folgten der Zweitürer mit B18A-Motor (ein Vergaser, 68 PS) und der P 122 S (Doppelvergaser, 80 PS). 1962 ergänzte der fünftürige Kombi die Modellpalette. Spitzenmodell ist der 123 GT (96 PS), der ab August 66 gebaut wurde. 1968 folgte der B20 (82 und 100 PS). Gesamtstückzahl: 667.323.
Technische Details
Volvo Amazon P 121 (B18A): Vierzylinder, Reihe, vorn längs eingebaut, wassergekühlt • zwei Ventile pro Zylinder • eine unten liegende Nockenwelle • Hubraum 1780 ccm • Leistung 50 kW/68 PS bei 4500/min • max. Drehmoment 132 Nm bei 2600/min • Hinterradantrieb • Vierganggetriebe • Einzelradaufhängung • vorn Dreiecksquerlenker, hinten Starrachse/Längslenker • Reifen 5.90–15 • Trommelbremsen • Länge/Breite/Höhe 4440/16208/1505 mm • Spurweite vorn/hinten 1315 mm • Leergewicht 1100 kg • Tank 45 Liter • Spitze ca. 135 km/h • Preis (1962) 16.800 Mark
Plus/Minus
Die rostgeschützte Karosserie machen einen Ganzjahreseinsatz problemlos möglich. Die Ponton-Konstruktion und die übersichtlich konstruierten Vierzylinder erleichtern Wartung und Pflege. Auch im Fahrbetrieb stellt die übersichtliche Karosserie keine großen Anforderungen. Schaltung und Lenkung arbeiten für ein mindestens 40 Jahre altes Auto erfreulich genau. Neben Korrosionsproblemen an den hinteren Radläufen, der Reserveradmulde und den Lampentöpfen sind oftmals die Kunstledersitze verschlissen. Doppelvergaser-Modelle benötigen genaue Einstellung.
Marktlage
Kaum eine Oldtimerbörse, auf der nicht Amazonen zum Kauf angeboten werden. Viele Exemplare sind ehrliche Gebrauchsklassiker mit Schönheitsfehlern. Angemeldete Modelle mit kleinen Macken sind frisch lackierten Lagerwagen vorzuziehen. Groß und günstig ist das Angebot in Schweden. Dabei gilt: Je weiter nördlich das Auto steht, desto besser. Jenseits des Polarkreises werden die Straßen im Winter nicht gestreut, was den Rostfraß einschränkt. Komplette Original-Amazonen mit niedrigen Laufleistungen sind aber auch in Skandinavien gesuchte Raritäten.
Ersatzteile
Die Versorgung mit Verschleißteilen und Reparaturblechen erfolgt ohne Probleme. Schwieriger ist die Lage bei rostfreien Karosserieteilen. Die Passgenauigkeit von Kunststoff-Kotflügeln lässt zu wünschen übrig – stilvoll ist so ein Plastikteil ohnehin nicht. Auch bei der Suche nach Tuning-Teilen wie scharfer Nockenwelle und Sperrdifferenzial werden Sportfans fündig. In Deutschland, Schweden und Holland gibt es zahlreiche Spezialisten.
Empfehlung
Frühe B16-Modelle haben nur drei Kurbelwellenlager sowie Dreigang-Getriebe und gelten als nicht vollgasfest. Praxistauglicher sind die B18 aus der Mitte der 60er-Jahre. Viertürer findet man seltener als Zweitürer, Kombis sind nur wenig teurer als Limousinen. Sportlich und dennoch maßvoll im Verbrauch sind Doppelvergaser-Modelle. Weniger sparsam sind die B20 aus der Amazon-Spätzeit. Die Preise empfehlenswerter Amazonen starten bei 2000 Euro.
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