Schrottplatz der Superlative

Wracks als Kulturgut

Der Friedhof im Wald

Der Autohimmel auf Erden liegt im schweizerischen Kaufdorf. Auf einem vor 32 Jahren geschlossenen Schrottplatz ruhen mehr als 1000 Oldtimer. Doch das Ende der Idylle naht.
Kurz vor dem Blinker ist die Weinbergschnecke dem Tod begegnet. Sie starb auf dem Kotfl├╝gel des alten Sunbeam, noch bevor sie zu Boden kriechen konnte. Das Geh├Ąuse ruht nun leer auf einem Bett aus Moos, gr├╝n und dick ├╝ber den matten Lack gewachsen. Still ist's an diesem Sonntagmorgen im Schweizer G├╝rbetal, nur selten rauscht ein Zug nach Bern vorbei. Kuh- und Kirchenglocken l├Ąuten leise aus der Ferne. Ansonsten Ruhe, sehr passend zu diesem verwunschenen Autofriedhof, dem vielleicht sch├Ânsten seiner Art in Europa. 1000 Wracks stehen hier unter B├Ąumen, automobile Zeitzeugen aus rund 50 Jahren. 1975 schloss Gr├╝nder Walter Messerli seinen Schrottplatz f├╝r immer ab. Die Toten aus Blech ruhen hier in Frieden, und Werner Brunner passt auf, dass es ihnen gut geht.

Nur bei ganz wenigen Wracks lohnt die Restaurierung noch

Der 63-J├Ąhrige mit den tiefen Furchen im Gesicht hat mit vielen der Autos gelebt, hat mitbekommen, wie sie damals in Zeitungsanzeigen, bunten Prospekten und auf den Stra├čen gegl├Ąnzt haben. Brunner hat gesehen, wie der fesche DKW Junior in den 60er-Jahren durch die Stra├čen von Bern geknattert ist. Vielleicht hat er einmal einem der beiden Porsche 356 hinterhergetr├Ąumt, die eintr├Ąchtig und still unter einem Holzdach verrosten. Heute sind alle Motoren verstummt, man├Âvrierunf├Ąhig parken die Wracks im Wald, die R├Ąder zu einem Viertel im Boden versunken. "Nur bei wenigen lohnt sich die Restaurierung", sagt Brunner, der privat einen quicklebendigen Sunbeam Alpine von 1960 pilotiert. Mit den Jahren ist er zum Senior geworden, aber zwischen den eng geparkten Autos turnt der drahtige Mann umher wie ein Junger. Fast alle ruhenden Ruinen haben ihren Grabstein mitgebracht ÔÇô das Typenschild am Heck: Fiat 1100, Ford Taunus 20 M, Chevrolet 500, Rover 12, DKW F 1000, Renault Dauphine, Mercedes 190, Porsche 356, MG Midget. Moos wuchert um die einst gl├Ąnzenden Buchstaben. Doch wenn der pensionierte Postbeamte Brunner mit der flachen Hand ├╝ber ein Namensschild wischt, blitzen Chrom und Vergangenheit wieder auf.

Die Natur erobert sich ihren Platz nach und nach zur├╝ck

"Fr├╝her war das hier ein Paradies f├╝r Kinder, sie haben in den alten Autos gespielt", sagt er l├Ąchelnd. Eine Mauer aus Birken und Buchen ummantelt die am Rand des riesigen Areals zu hohen Wagenburgen aufget├╝rmten Oldtimer. "In irgendeinem Kofferraum lebt eine Fuchsfamilie mit ihren Jungen", sagt Brunner, der die rechte Hand des heutigen Schrottplatzbesitzers Franz Messerli ist. Die Sonne wirft ihre wei├čen Strahlen durch die ├╝ppigen Baumkronen. Bis zum Abend wandert sie ├╝ber den Platz, w├Ąrmt nach und nach das heilige Blech der fr├╝heren Stra├čenstars. Ein paar Wochen ist es her, dass fast die ganze Schweiz nach Gr├╝bingen blickte. Franz Messerli hatte zum Tag der offenen T├╝r geladen. Das Fernsehen schaltete live aus dem Wrackwald, die Kameras drehten bezaubernde Bilder von B├Ąumen die sich zwischen Sto├čstange und Heckklappe gezw├Ąngt hatten. 6500 Menschen reisten in den kleinen Kaufdorfer Autohimmel, der Eintritt war frei. Messerli und Brunner wollten allen zeigen: Dieser Schrottplatz darf nicht sterben, er verdient ewiges Leben. Ein Plan war geboren, der Platz muss zum Museum werden, am besten mit einem Holzsteg f├╝r ausgedehnte Wrackwanderungen.
Eigentlich aber kann Franz Messerli seine Idee schon jetzt begraben. Denn das Schweizer Bundesgericht hat ihm Ende 2006 in letzter Instanz dazu verdonnert, den Boden des historischen Friedhofs zu befestigen sowie Benzin- und ├ľlabscheider zu installieren. Die letzte Frist endet im Oktober 2009. Um den Boden abzudichten, m├╝ssten alle Wracks kostspielig exhumiert werden. "Ich w├Ąre ruiniert", sagt Messerli. Sein treuer Diener Brunner zeigt auf die dicken B├Ąume, die sein Himmelreich nach au├čen abgrenzen. "Sehen Sie", sagt er, "man m├╝sste all die B├Ąume f├Ąllen, um die Autos herauszubekommen. Ist das etwa Umweltschutz?" Dann zeigt er auf den Heckmotor eines K├Ąfer Cabrio. "Die meisten Triebwerke sind nach all den Jahren trocken, da l├Ąuft kein ├ľl mehr raus", spricht das Faktotum vom Friedhof.

Messerli gibt den Kampf um den Schrottplatz nicht auf

Der Schrottplatz liegt am Rand von Kaufdorf. Da, wo L├Ąrm und Gestank gerade noch hinnehmbar sind. Messerli hat einen schweren Stand im Ort, schon sein Vater Walter k├Ąmpfte gegen die Gemeindeverwaltung. Kaum ein Dorf der Welt sehnt sich eben nach einem Schrottplatz. "Nicht gerade als Autofan" bezeichnet sich der Kaufdorfer Gemeindepr├Ąsident Markus Borer. Gegen den Schrottplatz habe er nichts, aber: "F├╝r mich ist wichtig, dass die gesetzlichen Auflagen eingehalten werden und die Umwelt gesch├╝tzt wird." Was bleibt Messerli also? Die Wracks filetieren und brauchbare Ersatzteile verkaufen? "Das kommt nicht infrage", sagt er, "dann w├Ąre das ganze Puzzle zerrissen. Bevor die mir den Laden r├Ąumen, jage ich lieber alles durch den Schredder."
Ewiges Leben f├╝r den Wrackwald fordert auch der bekannte Schweizer K├╝nstler Heinrich Gartentor. Im kommenden Jahr plant er dort eine Ausstellung mit den besten seiner Zunft. Eine Demonstration gegen das drohende Ende, wie er sagt: "G├Ąbe es in der Schweiz nicht nur Umwelt-, sondern auch Kulturvertr├Ąglichkeits-Pr├╝fungen, dann w├╝rde der Autofriedhof mit Sicherheit als absolut sch├╝tzenswert eingestuft werden. Er ist ein Kulturgut von internationaler Bedeutung und muss erhalten bleiben." Der Kampf ums Ruinenreich geht weiter. Symbol hierf├╝r sind vier ausgemusterte Kanonen der Schweizer Armee am Platzrand. Sie zeigen auf Wiesen und W├Ąlder, noch. Messerli aber sagt k├Ąmpferisch: "Mal sehen, vielleicht richte ich sie nach Bern aus", dem Sitz von Kantons- und Bundesregierung.
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