BMW 318is Baur Topcabrio

— 24.09.2012

Der Perfektionistische

Coupé? Targa? Landaulet? Cabriolet? Das BMW E30 Baur Cabrio beherrscht die Kunst der Entblätterung so perfekt wie Salome den Schleiertanz. Vier Autos in einem, geht das gut? Jetzt aber bitte der Reihe nach!



Lieben Sie Zahlen? Dann lesen Sie hier genau richtig. Nur 97 sogenannte Topcabriolets werden laut Baur-Produktionslisten auf BMW-318is-Basis gebaut, davon 29 Rechtslenker. Neun ihrer Besitzer gönnen sich schwarzes Bison-Leder. Lediglich zwei dieser neun wählen für ihren E30 außerdem das auffällige Brillantrot. Womit wir bei unserem Foto-Auto sind: dem einzigen Linkslenker in dieser Konfiguration, Erstzulassung am 22. Januar 1991. Aber Baur Topcabrio? Sind das nicht die BMW, die neben dem komplett offenen Werks-Cabrio so sexy wirken wie weiße Tennissocken in Ledersandalen?

Ein E30 Baur Cabrio ist alltagstauglich und flexibel, bietet fünf Sitzplätze und einen großen Kofferraum.

© S. Krieger

Zugegeben, ein E30 TC2 – so die Kurzbezeichnung – gibt sich hochgeschlossener als die Konkurrenz aus dem eigenen Stall. Doch dafür beherrschen die Bügel-Beaus aus dem Stuttgarter Stadtteil Berg die Kunst der Verführung gleich in mehreren fein dosierten Abstufungen – und können auf Wunsch sogar einen Dachgepäckträger für das Surfbrett oder die Skier schultern. Wenn bayerische Automobilbaukunst auf schwäbisches Karosseriebau-Können trifft, ist das Ergebnis in der Tat frappierend. Nehmen wir zunächst die Basis aus München, den E30. Ein Auto, so typisch 80er wie Turnschuhe mit Klettverschluss. Schnörkellos, kantig, kompakt, ein Höhepunkt im Schaffen des großen BMW-Designchefs Claus Luthe. Und dann der Coup von Baur, aus der zweitürigen E30-Limousine "vier Autos in einem" (O-Ton) zu machen: Coupé. Targa. Landaulet. Cabriolet. Im Grunde sind es sogar viereinhalb, denn das Targa-Dach lässt sich wie manche Schiebedächer auch einen Spalt nach hinten aufstellen. Wer viel im Winter unterwegs ist, kann als Alternative zum hinteren Softtop-Verdeck auch einen Hardtop-Aufsatz mit beheizbarer Glasscheibe ordern, was nur 195 Kunden tun.

Bügel-Falter: Cabrios der 80er

Auch als Landaulet umgibt das Baur Cabrio der Reiz des Unverwechselbaren. Front- und Heckspoiler waren beim 318is Serie.

© S. Krieger

Die Sicherheitszelle lässt Baur beim Umbau praktisch unangetastet. Und um die rotbraune Gefahr von vornherein in die Schranken zu weisen, wird der verwendete Dachrahmen voll verzinkt. Dass die verschiedenen Komponenten sich so perfekt ineinander fügen wie die Rädchen in einem Schweizer Uhrwerk, ist bei einem Baur Cabrio bis heute das Faszinierendste. Verzeihung, liebe Zahlenfreunde, wir waren unaufmerksam. Also: Zwischen 1982 und 1991 entstehen 10.865 BMW E30 Baur Topcabriolets. Wer will, kann sein Bügel-Cabrio beim BMW-Händler bestellen – mit voller Werksgarantie. Ganz frühe TC2 rollen noch als Komplett-Limousine in Stuttgart-Berg vor, doch schon kurz nach der Markteinführung erhalten bei BMW bestellte Neuwagen den Sonderausstattungs-Code SA 829 "Vorbereitung Cabrio-Umbau". Dabei handelt es sich um gestrippte Limousinen ohne Heckscheibe, Seitenscheiben und Dachhimmel, die anschließend bei Baur in ein Topcabrio verwandelt werden. Wer dem Reiz des Bügels erst später erliegt, muss ebenfalls nicht auf das Baur-Konzept verzichten. Die Stuttgarter legen auch nachträglich Hand an E30-Zweitürer. Der Preis variiert im Laufe der Zeit, Kostenpunkt Ende 1990: 7770 Mark. Ob milder Buchhalter-316 oder wilder 325iX mit Allradantrieb und Vollausstattung: Ein Baur Topcabrio gibt sich bewusst klassenlos, wobei Umbauten auf 324d- und -td-Basis nicht bekannt sind. Dabei verweigert BMW nur für den M3 die Flex-Freigabe.

Heiße Cabrio-Klassiker: Sportcabrios aus fünf Jahrzehnten

Sportsitze vorn und schlankes M-Lenkrad lassen Rundstrecken-Flair durchs geöffnete Sicherheits-Cabriolet wehen. 

© S. Krieger

Ein Schuft, wer Schlechtes dabei denkt, mag BMW der solventen Kundschaft doch später das M3-Werkscabrio nicht vorenthalten. Einer der M3-Käufer lässt sich allerdings nicht abschrecken und gibt den Umbau bei Baur privat in Auftrag. Das Auto ist heute ein Star der Szene. Die Zeitenwende für den Baur TC2 kommt schon drei Jahre nach seinem Debüt. 1985 entschließt sich BMW, den Stuttgartern das Cabrio-Geschäft nicht mehr solo zu überlassen, und präsentiert auf der IAA das 325i Werkscabrio. Es setzt Schönheit und Sex-Appeal gegen nüchterne bayerisch-schwäbische Ingenieurkunst – und das vollkommen bügelfrei. Ironie des Schicksals: 1984 hatte Baur für das Werkscabrio noch das Musterverdeck konstruiert. Die Folgen sind fatal: Nach 1985 purzeln die Baur-Verkaufszahlen wie Dominosteine bei einem Weltrekordversuch, während die Interessenten für ein Werkscabrio bei BMW Schlange stehen. Lieferte Baur 1985 noch 2327 TC2 aus, sind es 1986 gerade 1584. 1987 stürzen die Zahlen noch dramatischer in den Keller: Nur 815 TC2 verzeichnet die Baur-Statistik für dieses Jahr.

Liebling der Dynamiker: BMW 2002

Der Vierventil-Vierzylinder mit zwei oben liegenden Nockenwellen ist ein echter Sportmotor. Die Domstrebe wurde nachgerüstet

© S. Krieger

Im Vergleich dazu surft das über 40.000 Mark teure und damit auch preislich ungeniert im Baur-Revier wildernde Werkscabrio auf einer Erfolgswelle. Und das, obwohl es nur als 325i und 320i sowie ab 1990 auch als 318i lieferbar ist. Von 1986 bis 1993 setzen über 140.000 Kunden ihre Unterschrift unter einen Kaufvertrag – fast 13-mal so viele wie bei einem Baur TC2. Genug Zahlenspiele? Gut, fahren wir lieber noch ein bisschen. Mit dem 136 PS starken Triebwerk namens M42B18 und serienmäßigem M-Sportfahrwerk des 318is geht das nämlich besonders gut. Mit Vierventiltechnik, fast quadratischem Bohrung-Hub-Verhältnis und zwei oben liegenden, über Duplexkette angetriebenen Nockenwellen bietet er Sportmotorenbau vom Feinsten. Vor allem oberhalb von 4000 Touren stürmt dieser TC2 voran, als hetzte ihn eine ganze Meute Golf GTI und 190er-16V-Mercedes – und wirkt dabei kaum weniger verwindungssteif als die Limousine. Lust bekommen? Dann viel Spaß bei der Suche. Sie wird nicht ganz einfach werden, denn gut erhaltene Baur TC2 sind mittlerweile selten wie vierblättrige Kleeblätter. Aber dieses Bügel-Cabrio ist die Mühe wert.

Technische Daten

BMW 318is Baur Topcabrio Motor: Reihenvierzylinder, vorn längs • zwei oben liegende Nockenwellen, über Duplexkette angetrieben, vier Ventile pro Zylinder • elektronische Benzineinspritzung • Bohrung x Hub 81 x 84 mm • Hubraum 1796 ccm • Verdichtung 10,0:1 • 100 kW (136 PS) bei 6000/min, maximales Drehmoment 172 Nm bei 4600/min • Antrieb/Fahrwerk: Fünfgang-Schaltgetriebe • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorne McPherson-Federbeine, Schraubenfedern, Drehstab-Stabilisator, hinten Schräglenker, Minibloc-Schraubenfedern, Drehstab-Stabilisator • Reifen 195/65 HR 14 (auf Wunsch 205/55 R 15) • Maße: Radstand 2570 mm, L/B/H 4325/1645/1380 mm • Leergewicht 1125 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 10 s • Spitze 205 km/h • Verbrauch 11,5 l Super pro 100 km • Neupreis (1990): 41.550 Mark (318is Baur Topcabrio).

Historie

Zwischen 1982 und 1991 entstehen 10.865 BMW E30 Baur Topcabriolets.

© S. Krieger

Die Karosseriebaufirma Baur wird 1910 im Stuttgarter Stadtteil Berg gegründet. Schon 1912 meldet das Unternehmen ein erstes Patent für ein "umlegbares Verdeck für Luxuskraftwagen" an. In der Zeit zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg lassen so illustre Hersteller wie Maybach und Horch bei Baur fertigen. Auch nach 1945 zählt die schwäbische Firma zu den ersten Adressen für anspruchsvolle Karosserie-Konfektion und baut zum Beispiel vier- und zweitürige Cabrios auf Basis des BMW 501/502, später auch das 02er-Cabrio. Der Auto Union 1000 Sp wird Ende der 1950er bis Mitte der 1960er ebenso bei Baur gebaut wie in den 1970ern der Bitter CD und der Opel Kadett Aero. Die Liste lässt sich vor allem mit scharfem Blick auf die BMW-Modellchronik erweitern, unter anderem um den BMW M1 oder – Ende der 1980er – um den BMW Z1. Mitte der 1980er baut Baur außerdem die Rohkarosserien für den Porsche 959. Einem breiteren Publikum wird die Karosserieschmiede vor allem durch ihre sogenannten Topcabriolets auf Basis der BMW-Baureihen E21, E30 und E36 bekannt. Bis zur Insolvenz Ende 1998 bleibt die Traditionsfirma in Familienbesitz.

Plus/Minus

Die Vorteile überwiegen: Ein E30 Baur Cabrio ist alltagstauglich und flexibel, bietet fünf Sitzplätze und einen großen Kofferraum. Die stehenden Fensterrahmen und der Überrollbügel machen die Karosserie sicher und verwindungssteif. Auch Seltenheit und Motorenvielfalt sprechen für die Baur-Kreation. Der Dachrahmen ist zwar verzinkt, allerdings neigt ein TC2 an den Übergängen vom Bügel zur Karosserie zum Rosten. Interessante Kuriosität: In den Papieren sind E30 Baur Cabrios als Limousinen geschlüsselt. Wie viele Exemplare noch existieren, ist deshalb extrem schwierig zu ermitteln.

Ersatzteile

Die Baur-Topcabrios basieren auf der E30 Limousine, Anbauteile und Türen entsprechen dem Serienstand, Gleiches gilt für die Technik. Deshalb bereitet die Ersatzteilversorgung in diesem Bereich keine Probleme. Auch viele wichtige Komponenten für den Dachrahmen (Dichtungen, hintere Seitenscheiben, Zierleisten, Hardtop-Deckel, Drehverschlüsse) gibt es noch direkt von BMW, allerdings nicht in unbegrenzter Stückzahl – oder die Baur TC IG kann bei der Vermittlung behilflich sein. Innenausstattungsteile sind teils nicht mehr lieferbar, Nachfertigungen gehen ins Geld. Nicht mehr erhältlich sind der Hauptspriegel des Verdecks und einige Anbauteile. In Zusammenarbeit mit ehemaligen Baur-Mitarbeitern hat die MB-Autowerkstatt im schwäbischen Renningen spezielle Verstärkungen entwickelt, die TC2 und TC4 (E36) an neuralgischen Punkten stabilisieren. Der Umbau kostet rund 2000 Euro.

Marktlage

Unverschlissene Sechszylinder ohne Sanierungsstau sind Mangelware. Aktuell werden viele späte 316i und 318i angeboten – hier sind noch gute Exemplare zu bekommen. Doch die Preise ziehen an, auch im Hinblick auf das nahende H-Kennzeichen für frühe Jahrgänge. Wichtig für Puristen: Die Baur TC IG kennt den Auslieferungszustand jedes Exemplars und gibt Auskunft darüber.

Empfehlung

Kenner unterscheiden zwischen Vor-Facelift-Modellen (VFL) mit Chromstoßstangen und schmaleren Rückleuchten und Nach-Facelift-Modellen (NFL) mit Kunststoffstoßstangen und breiteren Rückleuchten. Wichtig ist ein guter Zustand von Karosserie und Innenraum – und eine nachvollziehbare Historie.

Autor: Peter Michaely

Fotos: S. Krieger


Diesen Beitrag empfehlen

Artikel bewerten

Bewerte diesen Artikel

Fremde Bewertungen

Weitere interessante Artikel

Weitere interessante Videos

Anzeige

Neuwagen

NEUWAGEN zu Top-
Konditionen, mit voller
Herstellergarantie
und zu attraktiven
Zinsen finanziert.

Hier klicken zu den Top-Angeboten

Gebrauchtwagen

Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen.

Günstige Klassiker-Angebote
Anzeige