Kleiner Opel auf Abwegen

— 18.07.2012

Mit dem Opel Kadett durch Wolfsburg

Zum 50. Geburtstag machen wir dem Opel Kadett eine zweifelhafte Freude: Wir fahren in die Stadt seines Erzfeindes, allerdings rein touristisch. Eine beeindruckende Tour. Doch, wirklich.



Wolfsburg steht auf der Liste der Touristenziele nicht gerade auf der Poleposition, aber unterschätzt diese kleine Großstadt in der norddeutschen Kartoffelebene nicht! Denn sie hat ja von allem etwas zu bieten: Die höchste Erhebung weit und breit heißt zwar nicht Corcovado, sondern nur Klieversberg, doch Aussicht bietet sie auch. Als Eiffelturm stehen vier Fabrikschornsteine herum, das Colosseum nennt sich VfL-Arena, statt Neuschwanstein gibt’s Schloss Wolfsburg, der Mississippi wäre der Mittellandkanal, der Louvre heißt schlicht Kunstmuseum, die Scala noch schlichter Theater, und Lyon hat zwar seinen Bocuse, Wolfsburg aber Sven Elverfeld. Und dann wäre da noch die Fabrik, wo täglich 50.000 Menschen das Bruttosozialprodukt steigern. Angeschlossen ist eine Extra-Stadt, die Auto heißt. Schon deswegen ist das ja ein geradezu ideales Reiseziel für uns.

Um ihn herum wuchs eine Stadt: Der Käfer

Kleiner Opel auf großer Fahrt in unbekannte Gefilde. Soviel Industrie – in Wolfsburg sieht's ja aus wie in der Bochumer Heimat des Kadett.

© M. Heimbach

Aber womit reisen wir? In einer der Legenden dieses Wolfsburger Werkes? Also im VW KäferGolf? Phaeton? Womöglich 411? Nix da, im Opel Kadett natürlich, dem Typ A wie Angriff gegen Volkswagen! Unser Angreifer sieht sehr schüchtern und harmlos aus. Kaum vorstellbar, dass ganz Wolfsburg einst vor diesem niedlichen Wagen im Kühlschrankdesign erzitterte. Nach amerikanischem Erfolgsrezept gebacken, war er 1962 viel praktischer und moderner als der Käfer. Er hatte einen riesigen Kofferraum, eine richtig funktionierende Heizung, er war schneller, fahrsicherer, er war tatsächlich so etwas wie ein Käfer-Killer. Aber heute hofft er insgeheim, an Wolfsburg vorbeifahren zu dürfen, denn seine einst so glorreiche Sippe hat ein Problem. Sie wird in der deutschen Auto-Hauptstadt inzwischen, nun ja, belächelt. Und das ist noch die gnädige Version der Ablehnung. Wir hören von Passanten, die vor dem gewaltigen Kunstmuseum unseren Angreifer betrachten, dass einem lokalen Fotografen der Ford Fiesta demoliert wurde – auf dem Werksgelände. So etwas komme gelegentlich vor, bestätigen andere. Ich seh’s ihm schon an, unser schmächtiger Kadett fürchtet sich. Wir wollen ihm daher in der Höhle des Wolfs eine Freude bereiten und machen ihn in einer Waschanlage hübsch. Dort treffen wir einen Mann im dunklen Anzug mit dem neuesten Passat. Er freut sich merklich, mal wieder einen Kadett zu sehen, denn er ist ein ehemaliger Opelaner. "Ich arbeite erst ein paar Monate in Wolfsburg", berichtet er, da es mit Opel ja ständig bergab gehe. Opel sei zu klein für den Weltmarkt. "In Zukunft sollen die Autos Chevrolet heißen." Wie bitte? Opel ade? Unser Kadett beginnt spontan zu husten.

Käfers Widersacher: Opel Kadett A und Taunus 12 M

Aha, schon besser: das Schloss Wolfsburg. Es ist Namensgeber der Stadt, müsste also eigentlich Wolfsschloss heißen.

© M. Heimbach

Nach dem Waschen spotzt und keucht er, als hätte sein letztes Stündlein geschlagen. Aber kurz vor dem Ende aller seiner sechs Volt berappelt er sich wieder. Zum Trost besuchen wir das Autohaus Dürkop, den lokalen Opel-Händler. Da stehen allerdings mehr Chevrolet herum, Vettern aus Korea, die den Kadett wirklich nicht trösten können. O.K. (das stand in der Werbung damals für Opel Kadett), erkunden wir nun endlich Wolfsburg. Und schnurren – der kleine Vierzylinder pflegt die Nähmaschinensprache – auf den Klieversberg, mit 109 Metern höchste Erhebung der Gemeinde. 1938 wollten die Nazis hier die "Stadtkrone" hinsetzen, mit einschüchternden Parteibauten, dazu kam’s aber zum Glück nicht mehr. Von hier haben wir einen prächtigen Blick auf das Urstromtal der Aller, das aber verdeckt wird von der Fabrik der Fabriken. Wir sehen die 1,2 Kilometer lange, backsteinerne "Schaufront" des Werks, so hieß das damals in Architekt Peter Kollers Plänen. Mitten im Wald am Klieversberg versteckt sich auch die Porsche-Hütte, eine Holzbaracke für die Planung des Werks in jener finsteren und fernen Zeit. Ferdinand Porsche, der Konstrukteur des Käfers, war wohl auch ein paarmal hier und guckte, was der Baufortschritt machte. Er kam meist in einem Fieseler-Storch-Hochdecker angereist und landete einfach auf der Wiese am Hang. Heute werkelt in der Porsche-Hütte ein Künstlerehepaar. Sie geben zum Beispiel Kurse in meditativem Malen, was dem Auto-Entwickler vermutlich sehr fremd gewesen wäre.

Stadt des KdF-Wagens

Siedlung Steimker Berg: Grüner und denkmalgeschützter Stadtteil mit gehobener Wohnbebauung im typischen Heimatschutzstil der 30er-Jahre.

© M. Heimbach

Wolfsburg ist eine der jüngsten Städte Deutschlands. Vor 1938 gab’s hier bloß Sumpf, der Mittellandkanal war noch im Bau, rechts lag das Schloss Wolfsburg, links das Städtchen Fallersleben, vor uns die kleinen Dörfer Heßlingen und Sandkamp. Dann aber kam Hitlers Plan, den "Kraft-durch- Freude-Wagen" bauen zu lassen, und all das, was von hier oben zu sehen ist, begann langsam aus dem Boden zu wachsen. Der offizielle Name der Industriegemeinde lautete "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben". Das ist kein böser Scherz, wie ältere Wolfsburger wissen, die den Namen als Geburtsort im Pass tragen. Noch im Krieg entstanden erste Behausungen für die Arbeiter und leitenden Angestellten, beispielsweise in Steimker Berg, einer Nazi-Mustersiedlung im Heimatstil. Es ist ein irritierender Anblick in dieser künstlichen Stadt: eine Parklandschaft mit weißen Reihenhäusern, Doppelhäusern, Mietshäusern und auch Villen, alle mit einheitlichen Fenstern und dunklen Fensterläden, als wär’s zum Beispiel Österreich. In einer Villa wohnte Heinrich Nordhoff, der Vater des VW-Welterfolgs nach dem Krieg. Die Wolfsburger nannten ihn ehrfurchtsvoll "General". Heute ist hier der Bürgermeister zu Hause. Unser Kadett quietscht mal kurz mit den Blattfedern, denn er freut sich. Nordhoff war mal einer der Seinigen. Er leitete im Krieg das Opel-Werk in Brandenburg. Auch unten, in der eigentlichen "Stadt des Kdf-Wagens bei Fallersleben", zogen sie einige Mietshäuser im Heimatstil hoch, aber dann verzichteten die Nazis auf weitere architektonische Ergüsse. Der Krieg war zu teuer, Baracken mussten es tun. Das Werk stellte von Anfang an nur Rüstungsgerät her, Kübelwagen, Schwimmwagen, Teile der V1-Raketen, bis der Bombenhagel von 1944 alles verwüstete. Die flugs in Wolfsburg umgetaufte, zuvor nur rudimentär existierende Stadt wurde nach dem Krieg zunächst repariert und danach eigentlich erst aus dem Boden gestampft, angetrieben vom unvorhergesehenen Erfolg des kleinen Heckmotor-Wagens. Sie entstand dabei am Reißbrett und nicht in Zeitläufen – menschlichen Maßes. So bauten sie billig im typisch leichten Stil der 50er, was eben so ging. Manches davon ist ansehnlich geblieben wie ein Oval-Käfer mit stratoblauem Einschicht-Metalliclack und Faltschiebedach.

Lastesel aus Wolfsburg: VW Bus T1

Unser kleiner Opel staunt über das Phaeno, ein technisch-wissenschaftliches Experimentiermuseum von Star-Architektin Zaha Hadid.

© M. Heimbach

Die Wolfsburger Architektur der Folgejahre: Besser wurde sie nicht. Mithilfe der guten Beziehungen Nordhoffs zum Papst kamen die ersten italienischen Arbeiter, alles Männer, nach Wolfsburg. Wieder reichte es nur für hastig errichtete Barackenlager; erst später wuchs die Stadt weiter im Brutalismus-Stil der 70er. Es entstand ein Wolfsburg der Werktätigen, für ästhetischen Feinsinn war keine Zeit und offenbar auch kein Bewusstsein vorhanden. Doch eines lag den Stadtoberen am Herzen: Erholung für die VW-Werker, denn die sollten sich entspannen können. Wolfsburg war immer sehr grün, parkreich, wasserdurchwachsen, und dann besannen sich Stadt und Werk endlich auch auf solche Sachen wie Kultur. Das Planetarium zum Beispiel, es trudelte ein, weil die DDR keine Devisen besaß, um die Lieferung von 10.000 Golf I nach drüben zu zahlen. Also dealten Honeckers Strategen in Naturalien. VW bekam einen Carl-Zeiss-Projektor aus Jena und reichte ihn gleich an die Stadt weiter, als Geschenk zum 40. Geburtstag. Das kubische Theater des Architekten Hans Scharoun, 1973 eröffnet, ist eine wohltuende Ausnahme in der architektonischen Einfallslosigkeit jener Zeit. Doch geschmacklicher Fortschritt ist im Grunde erst in den 90ern zu erkennen. Das gläserne Kunstmuseum mit bemerkenswerten Ausstellungen eröffnete 1994, und dann kam im Jahr 2000 das Piëch-Projekt Autostadt. Sie gehört zu den best besuchten Freizeitparks Deutschlands. Hier geht es nur ums Auto, und zwar dankenswerterweise nicht nur um die aus dem VW-Konzern. Zwei Millionen Besucher zählt die Autostadt pro Jahr. Ein großer Teil davon sind Abholer ihres neuen Autos, das aus den gläsernen Doppeltürmen, einem Hochregallager für Neuwagen, automatisch bis zum freudig erregten Kunden befördert wird. Die Türme sind für Nichtängstliche zu besichtigen.

VW für Aufsteiger: VW 1600 Typ 3

Es gibt viele schöne Sachen in der Autostadt Wolfsburg zu sehen, die der Opel Kadett nicht an einem Tag schafft.

© M. Heimbach

Es gibt so viele schöne Sachen zu sehen in der Autostadt, dass es an einem Tag kaum zu schaffen ist. Unser Liebling ist das Zeithaus mit den Ikonen der Autogeschichte. Aber auch diverse wechselnde Sonderausstellungen zum Thema Auto und Mobilität werden durchaus originell und hochwertig präsentiert, wenn auch manchmal ein bisschen abgehoben. Am Ende des Besuchs in der Autostadt bleibt die überraschende Erkenntnis, wie angenehm sinnlich Autokultur sein kann. Gut sind zudem der Buchladen, das Essen, das alljährliche Movimentos-Festival, und über das mondäne Ritz-Carlton-Hotel hab’ ich auch noch nichts Schlechtes gehört. Sein Restaurant Aqua mit Koch Sven Elverfeld gehört zu den größten Gourmetadressen der Welt, jawohl. Kostet allerdings. Probehalber steuern wir den Kadett mal hin, vorbei an den Glastürmen, Ententeichen und dem Dufttunnel, vor uns schmaucht das alte Kraftwerk malerisch in der Morgenkälte, und der kleine Opel ist schwer beeindruckt. So etwas gibt’s in Rüsselsheim nicht, und auch in seiner Geburtsstadt Bochum ist industrielle Eleganz Fehlanzeige, wie überhaupt Wolfsburg einen blitzblanken, wohlstandsverwöhnten Eindruck macht. Daher bittet mich am Ende mein Kadett ganz inständig: "Fahr’ jetzt bloß nicht als Gegengeschichte mit einem Käfer nach Bochum. Ich müsste mich ja schämen. Dort heißt der Fußballklub auch VfL, aber der spielt inzwischen in der zweiten Liga. Du verstehst, was ich meine?" Keine Angst, Kumpel, ich hab’s begriffen.

Autor: Bernhard Schmidt

Fotos: M. Heimbach

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