VW Golf gegen Wartburg 353
— 02.10.2010
Deutsch-deutsches Duell
Endlich: Im Januar 1978 kommen die ersten VW Golf in der DDR an. Für viele Autofans des Arbeiter- und Bauern-Staats ist der Wartburg 353 out, sie träumen vom Volkswagen. Zu Recht? Das klärt der klassische AUTO BILD-Vergleich.
"Fleißig, fleißig, fleißig! Die DDR wird 30. Manche kaufen sich 'nen
Golf, andre laufen sich 'nen Wolf ..." 30 Jahre DDR, das war am 7. Oktober 1979. Die Bonzen feierten, das Volk spottete. Mehr als ein Jahr zuvor, am 13. Januar 1978, rollt von Wolfsburg ein Güterzug in Richtung Osten, Ziel DDR. Ladung: 200 neue
VW Golf. 9800 folgen in den nächsten Wochen. Für die Bürger im Ostteil Deuschlands erfüllt sich ein Traum: der erste Westwagen. Für einige zumindest. Denn 10.000 Golf, in Wolfsburg in nur drei Werktagen produziert, reichen den autohungrigen DDR-Bürgern nicht. Vor den IFA-Verkaufsbetrieben bilden sich Schlangen, 500, 600, 700 Menschen lang. Obwohl der
VW ein Vermögen kostet: je nach Motor und Ausstattung 27.000 bis 31.500 Ost-Mark, auf dem Schwarzmarkt sind es 10.000 mehr.
Viele DDR-Bürger konnten vom Golf nur träumen
Einst trennte sie nicht nur die Berliner Mauer, sondern auch ihr technisches Konzept: Stufenheck versus Schrägheck.
Klarer Fall: Die meisten DDR-Bürger müssen sich den
VW sparen, können für rund 18.000 Ost-Mark Wartburg fahren. Vor allem Bewohner der Provinz gehen leer aus. Denn zwei Drittel der Gölfe rollen nach Berlin. Die Bonzen wollen der Hauptstadt einen Anstrich in internationalen Farben verpassen: in Manilagrün, Miamiblau, Panamabraun und Malagarot. In anderen Farben gibt es den Ost-Golf nicht. Manila, Panama – so international war der Wartburg 353 nie. Rahmenbauweise, Zweitaktmotor und Freilauf sind typische Zutaten für
DDR-Autos, für den Rest der Welt ist es Technik von gestern. Ein Viertaktmotor, vielleicht von
Dacia, eine selbsttragende Karosserie, vielleicht zusammen mit
Skoda – die Wartburg-Entwickler erträumen und konstruieren modernere Autos, die DDR-Oberen verwerfen sie alle. Kein Geld.
DDR bezahlte 10.000 Golf mit Thüringer Rostbratwurst
Fragt sich, womit der oberste DDR-Devisen-Bonze, Alexander Schalck-Golodkowski, seine automobilen Pläne finanzieren will: "Man sollte überlegen, die Lieferung von VW über 10.000 Stück hinaus fortzuführen. Es sollte außerdem ernsthaft geprüft werden, ob die DDR bei VW eine Lizenz für den Bau von Pkw nehmen sollte." Es kommt nie dazu. Schon im Tausch gegen die ersten 10.000 Golf erhält VW Naturalien statt Geld: Werkzeugmaschinen, ein Planetarium von Carl Zeiss Jena, das VW der Stadt Wolfsburg schenkt. Und wie gut informierte Kreise berichten, gibt es in der VW-Kantine Ende der 70er auffallend viele Thüringer Rostbratwürste. Alle aufgegessen. Vom Gewinn aus dem Tauschgeschäft Autos gegen Würstchen blieb nichts übrig.
Vergleich der Systeme
Für solide Gefühle hatten Volkswagens Weight Watcher kein Gramm übrig. Der Golf I ist magersüchtig. Bleche und Scheiben der Marke Extradünn, Türen wie ein Stück Pappmaschee, Blinker- und Scheibenwischerhebel rückseitig hohl. Ergebnis: 808 Kilogramm Golf light. Ist der erste Eindruck noch erschütternd, folgt bald eine überraschende Erkenntnis: gar nicht so übel, das Lebensgefühl im ersten Golf. Mit der großzügigen Verglasung, den harten schwarzen Plastik-Armaturen und dem lackierten Blech an den Türen fühlt man sich wie im Gartenpavillon. Hell, luftig, fröhlich, sympathisch provisorisch. Elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung, Klimaanlage – was Autos heute fett macht, fehlt. Und wird nicht mal vermisst.
Der Wartburg zeigt Größe
Um mit den 525 Litern Kofferraumvolumen des Wartburg zu konkurrieren, muss beim Golf die Bank umgeklappt werden.
Schlank ist auch das Raumangebot: gefühlt bestenfalls
Polo. Und doch kneift der Golf I nicht unter den Achseln. Zumindest vorn, wo man auf gut geformten Vollschaumsesseln Platz nimmt. Hinten reicht der Platz nur für Kinderbeine. Erwachsene bohren ihre Knie durch die Vordersitze ins Rückgrat von Fahrer oder Beifahrer. Außerdem drückt die kurze Lehne. Zumindest in diesem Punkt gibt es keinen Ost-West-Konflikt. Kurze Lehnen nerven auch im Wartburg-Fond. Und lange Beine müssen ebenfalls bohren. Dahinter zeigt der Osten Größe: 525 Liter Kofferraum (Golf 350). Eine Erweiterung über diese Grenzen hinaus ist – anders als im VW – nicht vorgesehen. Wozu auch? Schließlich trägt fast jeder Wartburg eine Kupplung für den DDR-Klaufix Marke IFA HP 300 am Heck. Der kleine Anhänger hat noch einen Vorteil: Das Ladegut muss nicht mühsam über die fast einen Meter hohe 353-Ladekante gestemmt werden.
Jeder Dorfschmied konnte den Wartburg reparieren
Kanten und riesige Fugen, in die man ganze Hände stecken kann, sind völlig normal für eine Wartburg-Karosserie.
Darüber hinaus sind Kanten und riesige Fugen, in die man ganze Hände stecken kann, völlig normal für eine Wartburg-Karosserie. Schlamperei? Nein. Eher Teil des Systems DDR. Den Wartburg musste jeder Hinterhof-Schrauber reparieren können. Nahezu alle Karosserieteile sind deshalb angeschraubt, halten Abstand zum Nachbarteil. So fällt das Einpassen mit Hammer und Sichel leichter. Zum DDR-Straßenzustand passt das 353-Fahrwerk exzellent. Etwas hochbeinig und
französisch weich gespült, saugt es Bodenwellen geradezu auf, verwandelt sie in
sanfte Schaukelbewegungen. Was bleibt, schlucken die dicken Federkern-Sitze. Nur in diesem Punkt kann der straffer federnde Volkswagen nicht ganz mithalten. Sonst gewinnt er fast alle Kapitelpunkte für sich: Er fährt leiser, ist genauso übersichtlich, viel leichter bedienbar. Das ist das
System Golf. Bis heute erfolgreich.
| Nutz & Wert |
VW GOLF |
WARTBURG |
| Platzangebot* |
10 |
8 |
| Kofferraum/Variabilität* |
8 |
10 |
| Sitze* |
10 |
7 |
| Federung* |
9 |
10 |
| Innengeräusch* |
10 |
8 |
| Bedienbarkeit* |
10 |
4 |
| Rundumsicht* |
9 |
10 |
| Qualität* |
10 |
9 |
| Zwischenergebnis |
76 |
66 |
| *Der jeweils Beste im Test erhält zehn Punkte |
| Fazit: VW Golf – der ist quadratisch, praktisch, gut. Dieser Volkswagen passt immer, notfalls passt er sich an. Da kommt der Wartburg 353 nicht mit. Im Gegenteil: Er sieht moderner aus, als er unter dem Blech ist. |
Fahr & Spaß: der technische Ost-West-Konflikt
Rein in die gute Stube: Chrom schmückt die Rundinstrumente, ein topfebener Boden schafft Raum für große Füße.
Hän-dä-dä-dä – so klingt Motorsound made in DDR. Immer dem Zweitakt nach, im Verein mit Freilauf und blauer Fahne, die stinkend aus dem Auspuff weht. Ein Tag unterwegs im Wartburg – und dieses Geheule geht mit ins Bett. Der Zweitakter, im Prinzip eine DKW-Vorkriegskonstruktion, vermiest einem die Tour im 353-Oldie. Erst lächelt man noch über die lustigen, kindlich quengelnden Töne. Doch schon nach wenigen Metern wandern die Mundwinkel nach unten. Ist er noch kalt, will der Dreizylinder mühsam mit Choke und Gaspedal bei Laune gehalten werden. Er stottert, spuckt, läuft unrund, quält sich von Loch zu Loch und raucht aus dem Auspuff wie der Vesuv kurz vor dem Untergang von Pompeji.
| Fahrzeugdaten |
VW |
WARTBURG |
| Motor Bauart/Zylinder/Einbaulage |
Reihe/4 Zylinder/vorn quer |
Reihe/3 Zylinder/vorn längs |
| Ventile/Nockenwellen |
2 pro Zylinder/1 |
2-Takt, Dreikanal mit Umkehrspülung |
| Nockenwellenantrieb |
Zahnriemen |
- |
| Hubraum |
1093 ccm |
993 ccm |
| kW (PS) bei U/min |
37 (50)/6000 |
37 (50)/4250 |
| Nm bei U/min |
78/3000 |
98/3000 |
| Höchstgeschwindigkeit |
145 km/h |
131 km/h |
| Getriebe |
4-Gang manuell |
4-Gang manuell |
| Antrieb |
Vorderradantrieb |
Vorderradantrieb |
| Bremsen vorn/hinten |
Scheiben/Trommel |
Trommel/Trommel |
| Testwagenbereifung |
145/80 R 13 T |
165 SR 13 |
| Radgröße |
4,5 x 13 Zoll |
4,5 x 13 Zoll |
| Abgas CO2 |
213 g/km |
249 g/km |
| Verbrauch |
9,0 Liter |
10,5 Liter |
| Tankinhalt/Kraftstoffsorte |
44 Liter/Normal |
44 Liter/Gemisch 1:50 |
| Länge/Breite/Höhe |
3725/1610/1410 mm |
4220/1642/1495 mm |
| Zulässiges Gesamtgewicht |
1180 kg |
1300 kg |
| Kofferraumvolumen |
350 Liter |
525 Liter |
Der Wartburg-Dreizylinder ist nur etwas für Zweitakt-Fans
Ist der Motor falsch herum eingebaut? Nein, das gehört so. Der Kühler sitzt tatsächlich an der Spritzwand.
Hat AWE 353/1 – so hieß der Motor bei IFA intern – endlich Betriebstemperatur erreicht, läuft er zumindest bei hohen Drehzahlen rund und stopft die Beschleunigungslöcher. Der Qualm bleibt. Aus dem Motorraum wird das Hän-dä-dä-dä nun vom dumpfen, dreizylindrigen Rumpeln übertönt. Stellen Sie sich den Kosmonauten Juri Alexejewitsch Gagarin beim Gurgeln mit Wodka vor – dann hören Sie einen Wartburg: grrrrrrrr. Keine Frage: Wer ein Quantum Spaß im Wartburg will, der gibt Gas, lässt den Motor arbeiten, zieht und schiebt wie besessen am Schalthebel, der als Riesenspaghetti aus der Lenksäule ragt, durch die vier Gänge. Keine Angst: Zum rasenden Schuhkarton wird der Wartburg nicht. Über 21 Sekunden vergehen bis 100 km/h, die einst versprochenen 130 Spitze erreicht er kaum.
| Messwerte |
VW |
WARTBURG |
| Beschleunigung 0 bis 50 km/h |
4,9 s |
5,8 s |
| 0 bis 100 km/h |
18,0 s |
21,2 s |
| 0 bis 120 km/h |
29,6 s |
35,4 s |
| Elastizität 60 bis 100 km/h |
14,3 s (3.Gang) |
17,6 s (3. Gang) |
| 80 bis 120 km/h |
21,8 s (4. Gang) |
23,8 s (4. Gang) |
| Leergewicht/Zuladung |
808/372 kg |
926/374 kg |
| Gewichtsverteilung vorn/hinten |
59/41 % |
57/43 % |
| Wendekreis links/rechts |
10,3/10,8 m |
10,6/10,5 m |
| Bremsweg aus 100 km/h |
55,1 m |
63,8 m |
| Innengeräusch bei 50 km/h |
70 dB (A) |
69 dB (A) |
| bei 100 km/h |
76 dB (A) |
80 dB (A) |
| Testverbrauch |
9,3 Liter/Normal |
12,1 Liter Gemisch 1:50 |
| Reichweite |
473 km |
364 km |
Jedes Wartburg-Rad schlägt eine andere Richtung ein
Sieht irgendwie merkwürdig aus: Wartburg beim Ausweichtest. Er benimmt sich, als sei die Fahrbahn mit Florena eingecremt.
Doch bei allem Phlegma ist Nervenkitzel garantiert. Ellenlange Bremswege, gewürzt mit dem Fahrverhalten einer Walzerbahn. Elch oder Slalom – der Wartburg benimmt sich im Grenzbereich, als sei die Fahrbahn mit Florena eingecremt. Übersteuern, untersteuern, wohin steuern? Jedes der einzeln aufgehängten Räder schlägt einen anderen Kurs ein. Der Chauffeur dreht hilflos am Steuerrad und lässt sich in Zukunft nur noch auf eine Kurvendiskussion ein: die Gerade. Der Vergleich mag an dieser Stelle unfair erscheinen, denn der VW trägt bereits alle Gene modernen Automobilbaus in sich.
Im Golf jederzeit Herr der Lage
Bei scharfen Ausweichmanövern hebt das kurveninnere Hinterrad de Golf ab. Beim Elchtest bleibt er trotzdem sicher.
Wo ein Wartburg hilflos durch die Gegend eiert, folgt der Golf der Hand seines Fahrers so exakt wie ein Hund der Wurst. Es ist sogar aus heutiger Sicht erstaunlich, wie genau der Volkswagen um Pylonen zirkelt. Einzig hohe Lenkkräfte, das Zerren der Antriebsräder und das hakelige Vierganggetriebe signalisieren dem Fahrer: Dieser Typ hat über 30 Jahre deutsch-deutscher Geschichte auf dem Buckel. Der Golf-Motor im Vierzylinder-Viertakt lässt den Fahrer sogar fast am Fortschritt der letzten Jahrzehnte zweifeln. 1,1 Liter klein, 50 PS schwach, dreht und ackert er, brummt kernig-fröhlich seine Melodie, vom typisch metallisch schnarzenden Auspuff untermalt. Dabei ist er spritzig wie Bolle jüngst zu Pfingsten. Wer diesen Golf I erfährt, der weiß: Magersucht hat doch Zukunft – im Automobil.
| Fahr & Spaß |
VW GOLF |
WARTBURG |
| Motoreigenschaften* |
10 |
5 |
| Beschleunigung* |
10 |
7 |
| Getriebe* |
10 |
10 |
| Fahrverhalten* |
10 |
5 |
| Lenkung* |
10 |
8 |
| Bremsen* |
10 |
3 |
| Zwischenergebnis |
60 |
38 |
| *Der jeweils Beste im Test erhält zehn Punkte |
| Fazit: Der VW Golf fährt einfach besser als der Wartburg 353. Sein Motor ist ruhiger und schneller, sein Fahrwerk bietet sogar aus heutiger Sicht ausreichende Sicherheitsreserven. Ein Wartburg will vorsichtig gefahren werden. Vor allem wegen seiner schlechten Bremsen. |
Preis und Wert: Vor dem Euro sind beide vereint
Überholen ohne einzuholen: Der Bremsweg des Wartburg aus 100 km/h von 63,80 Metern erfordert eine vorausschauende Fahrweise.
Man mag es kaum glauben: Aber wer heute einen guten Golf I findet, muss dafür nicht mehr bezahlen als für einen kerngesunden Wartburg. In Zustandsnote 2-3 kosten beide zwischen 3000 und 4000 Euro. Damit bieten die Kontrahenten einen preiswerten Einstieg ins Oldtimer-Hobby. Und da sie bereits über 30 sind, gibt es für sie das H-Kennzeichen. Heißt: 192 Euro Steuern, 79 Euro Haftpflicht und freie Fahrt in Umweltzonen jeder Farbe. An der Tankstelle zeigt der Leichtbau des Golf noch heute Wirkung: acht bis zehn Liter Normal reichen. Beim Wartburg sind es elf bis 13 – Gemisch (1:50). Und weil man das kaum noch fertig tanken kann, muss jedes Mal etwas Öl in den Benzintank.
| Preis & Geld |
VW GOLF |
WARTBURG |
| Steuer/Versicherung* |
10 |
10 |
| Verbrauch* |
10 |
8 |
| Preis/Wertentwicklung* |
10 |
10 |
| Zwischenergebnis |
30 |
28 |
| *Der jeweils Beste im Test erhält zehn Punkte |
| Fazit: Knapper Sieg für den VW. Den verdankt er dem günstigen Verbrauch. Wertverlust ist für beide Vergangenheit. Golf wie Wartburg haben längst ihre Fans gefunden. |
Beide Autos trennt mehr als eine Mauer
Beide Autos trennte mehr als nur eine Mauer. Der Wartburg ist ein Kind der 50er, der VW fährt sich erheblich agiler.
Auch wenn mich alle Ossis als Besser-Wessi beschimpfen – gegen den
VW Golf I kommt der Wartburg 353 nicht an. Konstruktiv trennt die beiden Autos mehr als eine Mauer. Der Volkswagen ist ein Kind der 70er, seine Konstruktion der Zukunft zugewandt. Der Golf legte die technische Basis für alle Volkswagen der Neuzeit. Und so fährt er auch: modern, fast wie ein Auto von heute. Der Wartburg 353 ist konstruktiv im Rückwärtsgang unterwegs. Schon bei seinem Debüt 1966 war er technisch ein alter Hut. Den Zweitakter wollte auch in der DDR kein Mensch mehr riechen und hören, der Kastenprofilrahmen war ein Relikt aus der Vorkriegszeit. Aber auch das hat heute charmante Seiten: Der Wartburg fährt sich nostalgisch –wie ein Auto der 50er-Jahre.
| Endergebnis |
VW GOLF |
WARTBURG |
| Nutz & Wert |
76 |
66 |
| Fahr & Spaß |
60 |
38 |
| Preis & Geld |
30 |
28 |
| Gesamtergebnis |
166 |
132 |
Andreas Borchmann
Fazit
Auch wenn mich alle Ossis als Besser-Wessi beschimpfen – gegen den VW Golf I kommt der Wartburg 353 nicht an. Konstruktiv trennt die beiden Autos mehr als eine Mauer. Der Volkswagen ist ein Kind der 70er, seine Konstruktion der Zukunft zugewandt. Der Golf legte die technische Basis für alle Volkswagen der Neuzeit. Und so fährt er auch: modern, fast wie ein Auto von heute. Der Wartburg 353 ist konstruktiv im Rückwärtsgang unterwegs. Schon bei seinem Debüt 1966 war er technisch ein alter Hut. Den Zweitakter wollte auch in der DDR kein Mensch mehr riechen und hören, der Kastenprofilrahmen war ein Relikt aus der Vorkriegszeit. Aber auch das hat heute charmante Seiten: Der Wartburg fährt sich nostalgisch –wie ein Auto der 50er-Jahre.
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Kurz, das passende Auto zum Land (beides Güteklasse B) in der damaligen Zeit. Aber Weltniveau war das nicht. Das hatte nur der Golf. Seine Besitzer wußten das, hielten aber trotzdem lieber den Mund. Denn bei den Ersatzteilpreisen wurden sie wiederum ordentlich zur Kasse gebeten (+ Wartezeit !). Da konnten dann die Wartburgfahrer wenigstens schmunzeln. Heimlich, denn verscherzen wollte man sich´s zu DDR-Zeiten mit keinem.
Denn zu transportieren gab´s immer und aufgrund eklatant defizitären Transportraums sah man damals manch gewagte Konstruktion auf den Straßen.In Polen, hat man mir erzählt, diente er bevorzugt dazu, um in seinem Kofferraum schwarz geschlachtete Schweine (in den 80ern mit ihrer Lebensmittel-, v.a. Fleischknappheit) zu transportieren. Und er hatte ein Radio, dessen Klang man (im Gegenzug zum Trabant) auch bei höheren Geschwindigkeiten genießen konnte.
Er steckte schlechte Straßen, Schlaglöcher, Kopfsteinfpflaster, Gullideckel locker weg bzw. verwandelte sie in angenehme Wippbewegungen. Schnell mußte er nicht sein, denn 100 km/ waren eh die gesetzliche Grenze und die Wege damals kurz (durchschnittlich 10.000 km Fahrleistung / Jahr). Er war "was Besseres" als z.B. der Armeleutewagen Trabant (70 % des DDR-Pkw-Parks) aber noch nicht in der Angeberfraktion (Lada, später Mazda) angesiedelt, DAS Auto (v.a . der Kombi) für den Händler, Handwerker und Gewerbetreibenden.
Ich habe mal 2 von 4 Passagieren eines Wartburgs 353 das letzte Stück zum Inselsberg aus diesem Grund herauflaufen sehen. Ansonsten war er an die DDR-Verhältnisse recht gut angepaßt: leicht auch von Laien zu reparieren, da alles verschraubt war (das dazugehörige Universalschraubenset gab´s im Handel). Teile verschiedener Baujahre paßten zusammen, so daß man die Kisten immer irgendwie komplettieren oder "wieder aufbauen" konnte, wenn nicht viel mehr als die Papiere, z.B. nach einem Unfall mit Totalschaden, übriggeblieben waren.
Der Zweitaktgeruch, auf den (gesetzmäßig, wie´s scheint) in absolut jedem Artikel über Zweitakter ausgiebigst eingegangen wird (werden muß ?), hat mich als Kind (Jahrgang 1972, O-Berlin) nie gestört, ich war eher süchtig danach, schnüffelte den Autos hinterher.
Schlechter war da schon, daß es in den Autos innen bisweilen zog, daß die Heizung ein Witz war (auch im "neuen" Wartburg 1.3) und daher im Winter erst bei langen Fahrten (durch die Körperwärme der Mitreisenden) Gemütlichkeit aufkam, daß der 5. Gang fehlte und daß - im Gebirge - die Motorleistung einfach zu schwach war.