Die kuriose Geschichte des VW Polo 1
Warum der erste Polo nur ein Back-up war

Bild: Christoph Börries/AUTO BILD
Volkswagen war 1970 wie die Handyfirma Nokia 2011: noch Marktführer, aber dramatisch unter Druck durch modernere Produkte. Die Konkurrenz baute moderne Fronttriebler wie Renault 5, Simca 1100, Autobianchi A112 und Fiat 127/128 – VW hing immer noch am Käfer fest, einem Konzept aus den 30er-Jahren. Käfer und Typ 3 soffen, hatten vergleichsweise üble Fahrwerke, heizten mäßig, der Typ 3 war sogar unzuverlässig.
1971 verkaufte Opel mehr Autos als VW. "Es ging dabei für VW um Leben und Tod", sagte der ab 1982 amtierende VW-Chef Carl H. Hahn einmal über die Zeit.
Hätte ja auch sein können, dass ein großer Teil der Kunden keinen Bock auf Frontantrieb und dünnes Blech gehabt hätte. Und zu Opel oder Ford abgewandert wäre.

Designprototyp von Bertone für den Audi 50 und VW Polo. Zumindest der Aufschwung der Seitenlinie stammt von Bertone-Designchef Marcello Gandini. Auch die runde Zwangsentlüftung in der C-Säule ging in Serie, die großflächigen Stoßfänger im Olivetti-Stil nicht – da war schon 1972 der Renault 5 allen voraus gewesen.
Bild: Bertone
Wenn Audi nicht NSU geschluckt hätte und VW nicht Audi, gäbe es den Polo in dieser Form nicht. Denn seine Wurzel ist das Projekt K 50: NSU-Konstrukteure entwickelten einen Fronttriebler, der die Heckmotor-Typen Prinz 4 bis 1200 C ersetzen sollte. Und auch der Audi 50/VW Polo wurde hauptsächlich am ehemaligen NSU-Standort Neckarsulm entwickelt.

Früher hausinterner Designprototyp mit Rechteckscheinwerfern und zwei unterschiedlichen Frontscheiben. Einer der Designer des Audi 50 und Polo unter Hartmut Warkuß war Claus Luthe. Bertone hatte nur den Auftrag, Details zu verfeinern.
Bild: Audi
Gleichzeitig war es auch für VW keine erfolgversprechende Option, weiter an luftgekühlten Boxermotoren im Heck festzuhalten. Alles über den Haufen zu werfen, nur noch wassergekühlte Reihenmotoren herzustellen, sie immer vorn einzubauen und sie in allen Klassen mit Frontantrieb zu verbinden – das war aber auch nicht alternativlos. Sondern ein heftiges Risiko, siehe oben.
Desto schwieriger ist es, VWs Polo-Entscheidung zu verstehen. Die Situation war: Der erste VW mit Frontantrieb war der K 70, entwickelt von NSU, nach dem Ende der Marke von 1970 an als VW verkauft. Die Wolfsburger mochten ihn aber nicht und ließen ihn ersatzlos auslaufen.

Rationale, trotzdem schwungvolle Form, kurze Überhänge. Ein rechter Außenspiegel kostete Aufpreis, ein Blindstopfen war Serie.
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1972 erschien der eigentliche Gamechanger: der Audi 80 B1, der erste Fronttriebler, den der VAG-Konzern entwickelt hatte. 1973 kam der erste VW Passat – im Grunde ein Audi 80, nur als Schrägheck oder Kombi. 1974 VW Scirocco und Golf.
Das Seltsame: VW-Chef Rudolf Leiding traute dem Golf nicht ganz. Was, wenn er beim Kunden durchfallen würde? Aus dieser Angst nahm er ein weiteres Modell ins Programm – komischerweise eins nach dem gleichen Prinzip: den Audi 50. Interner Codename: EA 885. Der Audi 50 erschien im selben Jahr wie der Golf, 1974, und im Jahr darauf der erste VW Polo als verbilligte Variante des Audi 50.

Der Polo 1 sieht sehr schmal aus, ist aber nur elf Millimeter schmaler als der Golf 1. Bei unserem Foto-Polo in Miamiblau (K2K2) kostete der Heckwischer 187 Mark.
Bild: Christoph Börries/AUTO BILD
Warum erst 1974/75? "1970 war das Modell zwar entwickelt", schrieb Leidings Vorgänger Kurt Lotz in seiner Autobiografie, "wurde aber nicht in die Produktionsvorbereitung genommen, weil zunächst alle Ressourcen auf die anderen Fahrzeuge zur Abdeckung des Käfer-Risikos konzentriert wurden." Erst 1971 beschloss der Konzernvorstand, das Auto für beide Marken serienreif zu machen.

Das Typlogo am Heck zu vereinfachen, sparte VW laut internem Protokoll 80 Pfennig pro Auto.
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Wenn der Golf gefloppt wäre – wäre der Polo nicht auch gefloppt? Hätte passieren können. Aber dass Audi den 50 baut, ohne dass VW den Polo bringt, wäre nicht vernünftig gewesen. "Damals haben wir errechnet", hat Entwicklungschef Ludwig Kraus mal erzählt, "dass ein solches kleines Auto erst ab 2000 Einheiten pro Tag billig herzustellen wäre – bei Audi hatten wir solche Kapazitäten nicht. Wir hätten auch nicht das Geld für Investitionen in dieser Größenordnung gehabt." Wolfsburg entschied: Audi entwickelt das Auto, VW baut es.
Kraus weiter: "Wir haben den Audi 50 in zwei Jahren und zehn Monaten entwickelt, vom ersten Federstrich bis zum Verkaufsstart! Das Auto war schließlich von der ersten bis zur letzten Schraube neu."

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Stolz präsentierten die Konstrukteure zum Beispiel die neue Koppellenker-Hinterachse und betonten, dass der Tank vor dem Achsträger der Hinterachse liege, bei einem Heckaufprall also gut geschützt sei. War beim Golf allerdings auch schon so.
Erst sechs Monate vor seiner Präsentation in Genf am 10. September 1974 kam der Polo zu seinem Namen. "Euros" war einer der Namensvorschläge, "Mini-Golf", "Bonito", "Pony" und eben "Polo".

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Am Markt startete der Polo ein halbes Jahr nach dem Audi als Billigversion des 50, ohne Schließzylinder in der Beifahrertür, ohne Aschenbecher hinten und mit Filzmatten statt Teppich. Im Juli 1975 wurde auch der Audi abgemagert. Legendär: Statt eines Gaspedals hatten die ersten Polo in der einfachsten Ausstattung ("Mager-Polo") eine Drahtschlinge. Die wurde aber schon auf den ersten Presseterminen so harsch kritisiert, dass VW den Polo sehr schnell ausschließlich mit einem richtigen Pedal auslieferte.

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Wenn man schon ein kleineres und ein größeres Auto (den Polo und den Golf) nach dem gleichen Prinzip baut – sollte man dann nicht auch möglichst viele Gleichteile nehmen? So weit waren sie 1975 offenbar noch nicht.
Krabbeln wir mal durch einen frühen Polo und einen frühen Golf, und vergleichen wir sie. Die kleinen runden Lüfterdüsen, die Schaltknäufe ... viel mehr sichtbare gleiche Elemente gibt es nicht. Schon die Manschetten um die Schalthebel unterscheiden sich. Die Instrumente: "Tittentacho" mit Fadenkreuz rechts im Golf, sachlich-flacher Tacho links im Polo. Sichtbare Zeichen der Findungsphase. Es muss ziemlich ineffizient gewesen sein, zwei so ähnliche Autos wie Golf und Audi 50/Polo getrennt zu konstruieren und fast ohne Gleichteile zu produzieren.

Bild: Christoph Börries/AUTO BILD
Mit der VW-Revolution im Antriebskonzept waren die VW-Leute in Brasilien viel vorsichtiger. Sie diskutierten 1974, dem Brasília wassergekühlte Reihenmotoren ins Heck zu pflanzen; tatsächlich machten sie es umgekehrt und brachten den Gol 1980/1981 zwar mit Frontantrieb, aber vorn rauschte anfangs noch der luftgekühlte Käfermotor.
Journalist und VW-Experte Knut Simon nennt die Präsentation des VW Polo 1975 auf dem Genfer Salon den "Schlussseufzer der Erleichterung nach einem Wahnsinns-Kraftakt" (hier sein Artikel über die Polo-Geschichte bis zur dritten Generation). Mit dem Polo war die Selbstumkrempelung des VW-Konzerns vorerst vollendet.
Ja, nach dem Ende des VW-Porsche 914 im Jahr darauf liefen in Deutschland immer noch Käfer-Cabrios, Kübelwagen (Typ 181) und Bullis mit Heckmotoren vom Band – aber die Entwicklung schien nun unumkehrbar.

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Es hat geklappt: Käufer des 1200er Basiskäfers erwärmten sich für den Polo, 1303-Fahrer für den Golf. Beide verkaufen sich seit mehr als 50 Jahren gut, VW wurde wieder Marktführer. Der Audi 50 wurde nach nur 181.000 Stück eingestellt, als VW Polo wurde er ein Millionenerfolg. Im Rückblick wirkt das alles ganz logisch.
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