AUTO BILD ist beim Anantara Concorso Roma – einem elitären Schönheitswettbewerb mit vielen der feinsten, seltensten und teuersten Autos, die Italiens Geschichte je hervorgebracht hat. Prototypen, Rennwagen und Sonderkarosserien aus zehn Jahrzehnten.
Und doch wuseln wir sofort um diesen Ferrari Testarossa von 1986 herum. Ja, ein Testarossa ist ein Wahnsinnsauto; aber mit mehr als 7000 gebauten Exemplaren wirkt er zwischen diesen Preziosen fast so schnöde wie ein VW Golf.

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1986 ließ Gianni Agnelli das Einzelstück bauen

Dieses Exemplar aber ist der vielleicht speziellste Testarossa von allen: der Ferrari Testarossa Spider, das Einzelstück, das Gianni Agnelli – unternehmerischer Leiter des Fiat-Konzerns von 1966 bis 1996 – sich bauen ließ. Nicht der einzige Testarossa Spider, aber der einzige, der vom Werk konstruiert und gebaut wurde.
Ferrari Testarossa Spider stehend gerade von hinten oben
Beim Ferrari Testarossa Spider wird nicht nur der Motorraum effektiv entlüftet, sondern auch der Fahrgastraum.
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Er ist ein weltberühmtes Auto, das meist gut beschützt in der Halle des aktuellen Besitzers steht. Heute aber, bei 23 Grad und Sonne, darf es für den Anantara Concorso Roma an die frische Luft.

Geschenk zu Agnellis 20. Chef-Jubiläum

Anlass für den Bau des Ferrari Testarossa Spider: 1986 feierte Gianni Agnelli den 20. Jahrestag als Präsident der Fiat-Gruppe. Da musste ein Geschenk her. Und da manche Geschenke dem Beschenkten dann doch nicht gefallen, ist es sicherer, wenn er sich selbst etwas aussucht.
So beauftragte Agnelli seine Ingenieure, aus dem Testarossa Coupé einen Roadster zu schneidern, in Italien traditionell Spider genannt.

Mechanisches Verdeck, elektrisch gespannt

Heraus kam ein begehrenswertes, wenn auch nicht sehr überraschendes Auto: helles Stoffverdeck, von Hand zu öffnen und zu schließen, mit einem festen Deckel dahinter. Ungewöhnlich ist nur der Bügel hinter den Sitzen, der nach dem Schließen des Dachs elektrisch hochgefahren wird, um den Verdeckstoff zu straffen.
Dachbügel des Ferrari Testarossa Spider
Der Spannbügel wird bei geschlossenem Dach hochgestellt, er hält das Verdeck über den Köpfen der Insassen. Das fast weiße Stoffverdeck liegt unter einem festen Deckel.
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD

Kuppeln oder nicht? Das konnte Agnelli sich aussuchen

Der eigentliche Clou des Ferrari Testarossa Spider aber ist fast gar nicht zu sehen: Die Kupplung des Fünfgang-Schaltgetriebes lässt sich normal per Fußtritt bedienen – auf Wunsch aber schaltet die Kupplung auf Automatikmodus um!
Und das geht so: Man drückt einen Knopf, dann schwenkt das Kupplungspedal weg, und ein elektromechanisches System kuppelt automatisch aus und ein. Zulieferer Valeo hatte das System entwickelt.
Cockpit des Ferrari Testarossa Spider
Das Cockpit des Spider gleicht dem des normalen Ferrari Testarossa, bis auf ...
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Nachrüst-Schalter im Cockpit des Ferrari Testarossa Spider
... den nachgerüsteten Schalter für den Verdeck-Spannbügel (eingekreist) und ...
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Fußstütze, Kupplungspedal und Bremspedal des Ferrari Testarossa Spider
... das Kupplungspedal (links), das auf Wunsch verschwindet.
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Das wollten wir natürlich im Video zeigen. Als wir allerdings am Auto waren, war die Batterie platt – als der Testarossa dann endlich lief, musste er sofort an den Start der Ausfahrt durch Rom.
Classic & Sports Car schreibt, ohne Quellenangabe, das System wäre ursprünglich für Lancia-Rallyeautos entwickelt worden.
Hintergrund im Testarossa: Seit seinem schweren Autounfall Anfang der 50er-Jahre hatte Agnelli Schmerzen im Bein. Auch der Ferrari F40, den er später bekam, hatte so ein Kupplungssystem, und wohl mehrere Exemplare des Ferrari Mondial.
In Großserie ging so ein System unseres Wissens aber nie. Die Zielgruppe, die sich wünscht, mal kuppeln zu können und mal nicht, dürfte halt ziemlich klein sein.

Der Motor: zwölf Zylinder, 4,9 Liter, mindestens 390 PS

Ob der 4,9-Liter-Zwölfzylinder die serienmäßigen 390 PS hat oder – als freundliche Geste an den Chef – etwas mehr, ist nicht überliefert.
Motor des Ferrari Testarossa
"Testa Rossa" bedeutet roter Kopf – in diesem Falle geht es um die beiden roten Zylinderköpfe des V12-Motors mit 180-Grad-Zylinderwinkel. Der Testarossa von 1984 erbte den Namen vom Rennwagen Ferrari 250 Testa Rossa von 1957.
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD

Wunschkennzeichen waren verboten – eigentlich

Der Wagen ist im Farbton "Argento 101/C" lackiert, die Zierstreifen sind "Blu 3282".
Detail des Ferrari Testarossa Spider rund um den Beifahrer-Außenspiegel
Beim Spider-Einzelstück laufen blaue Kontraststreifen vorn um die Fahrgastzelle herum. Der Windschutzscheibenrahmen ist verstärkt.
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Flanke des Ferrari Testarossa Spider
Auch unter den Lufteinlass-Lamellen und dem Pininfarina-Logo verläuft ein blauer Streifen.
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Wunschkennzeichen waren in Italien damals eigentlich verboten. Für Gianni Agnelli aber, der auch mal "der wahre König von Italien" genannt wurde, machte die Zulassungsstelle eine Ausnahme – so kam der Ferrari Testarossa Spider zu Schildern mit der Nummer TO 00000G.
Front des Ferrari Testarossa Spider mit Nummernschild
TO steht für Torino (Turin), G für Gianni, wie Giovanni Agnelli genannt wurde – zur Unterscheidung von seinem Großvater, dem Fiat-Gründer Giovanni Agnelli.
Bild: Thomas Starck / AUTO BILD

Wert: über eine Million Euro

Wie viel ist so ein berühmtes Einzelstück wert? 2016 wurde der Ferrari Testarossa Spider bei Artcurial für gut 1,2 Millionen Euro versteigert. Falls der Besitzer ihn heute anböte, dürfte man mit dem Betrag wohl nicht mehr auskommen.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Anantara. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit