Hyundai-SUV der 90er- und 2000er-Jahre
Die vergessenen Allrad-Studien aus Korea

Bild: Hyundai
SUV, das heißt: sehr unterschiedliche Vehikel. Ein Suzuki Ignis gilt als SUV, ein Rolls-Royce Cullinan auch. Es gibt SUV ohne Heckklappe, ohne viel Bodenfreiheit, sogar ohne Allradantrieb. Eine Wahnsinns-Bandbreite, quer durch alle Klassen und Konzepte! Und dennoch sehen sich die meisten SUV, die heute über die Straßen rollen, im Großen und Ganzen ähnlich: vier bis fünf Meter lang, fünf Türen, Pkw-artiges Design.
Die große Findungsphase, aus der sich der heutige SUV-Markt herauskristallisiert hat, waren die 90er- und 2000er-Jahre. Von den meisten Europäern unbemerkt, mischte Hyundai damals kräftig mit im Kreativwettbewerb. Die Wahnsinns-Bandbreite zeichnete sich hier schon ab: Hyundai entwarf Studien vom sportlichen kleinen Pick-up-Coupé über einen alltagstauglichen Fünftürer, ein klassisches SUV mit Geländewagenoptik, einen viertürigen Pick-up oder "Sport Utility Truck" (SUT) und einen eleganten Schlitten in SUV-Coupé-Optik bis hin zum großen Luxus-Fünftürer.
Höchste Zeit für eine Rückschau. Denn diese Entwürfe, liebe Leser, haben Sie damals wahrscheinlich verpasst:
Hyundai HCD-3 Gila

Studie Hyundai HCD-III Gila, 1995. Die Front sieht aus wie das halbwüchsige Kind von Honda Civic und Jaguar XK8, aber darunter steckt clevere Technik, um die Bodenfreiheit zu erhöhen.
Bild: Hyundai
Das soll ein SUV sein? Na ja, es gibt ja kein Gesetz, keine Richtlinie oder Verordnung, die auf wissenschaftlicher Basis den Begriff "Sport Utility Vehicle" definiert. Letztlich geht es um Autos, die hauptsächlich für den Gebrauch auf der Straße konzipiert sind (anders als reine Geländewagen), aber Merkmale haben, die den Anspruch "irgendwas mit Gelände" durchscheinen lassen.
Und das hat der Hyundai HCD-III Gila: Allradantrieb und die Formulierung "Allrad-Crossover-Fahrzeug mit Geländetauglichkeit und Pkw-ähnlichem Fahrverhalten" in der damaligen Pressemitteilung zur Präsentation auf der Detroit Motor Show 1995. Das würde uns schon genügen – aber laut Hyundai konnte sich der Wagen auf Knopfdruck rund 7,5 Zentimeter (!) hochpumpen, um die Bodenfreiheit zu erhöhen. Die flache Karosserielinie konnte er trotzdem halten, weil die vorderen Stoßdämpfer nicht steil, sondern waagerecht eingebaut sind.
Wenn man Limousinen mit Stoffdächern, die bis unter die Frontscheibe reichen, "Cabriolimousinen" nennt, muss man den Hyundai HCD-3 wohl "Cabriocoupé" nennen: Das Softtop kann man ganz schließen, ganz bis zum Kofferraumdeckel öffnen oder Pick-up-mäßig nur hinten offen lassen. Es gibt sogar Rücksitze, die sich vorklappen lassen.
Angetrieben wird der Hyundai HCD-3 Gila vom damals neuen Vierzylinder "Beta" – nach den Mitsubishi-Derivaten der erste Motor dieser Klasse, den Hyundai selbst entwickelt hatte. Kurios: Der Vierventiler hat zwei oben liegende Nockenwellen, eine davon wird per Zahnriemen von der Kurbelwelle angetrieben, die andere per Steuerkette von der ersten Nockenwelle. So erschien er 1995 im Hyundai Lantra. Im HCD-3 Gila hat er zwei Liter, Turbo und 240 oder 243 PS.

Fotofahrt durch kalifornisches Salzwasser. Im Pick-up-Modus spielt selbst die Heckklappe des HCD-3 mit: Sie lässt sich von oben herunterklappen oder wie beim Coupé von unten hochschwenken.
Bild: Hyundai
Die lustigen Rahmen oben am Gila sind offenbar Dachgepäckträger – wo sonst schließlich sollte man die in Kalifornien unverzichtbaren Surfbretter transportieren?
Wie kommen wir jetzt auf Kalifornien? Na: Die USA-Zentrale von Hyundai war 1990 innerhalb der Metropolregion Los Angeles umgezogen, etwa zehn Kilometer von Garden Grove nach Fountain Valley. Dort richteten sie ihr "Hyundai California Design"-Center ein. Deshalb tragen die Studien, die von dort kommen, das Kürzel HCD; analog zu HED (Hyundai Europe Design in Rüsselsheim) und HND (Hyundai Namyang Design in Korea). Dahinter kommt eine Zahl, inkonsequent mal als römische oder als arabische Ziffer (III oder 3) und dann ein richtiger Name, in diesem Falle Gila.
Hyundai HCD-5 Crosstour

Studie Hyundai HCD-V Crosstour: Das sind doch mal kreative Fenster-Umrisse.
Bild: Hyundai
Und so heißt auch dieses Auto HCD: Der Hyundai HCD-5 (oder HCD-V) Crosstour ist laut Hyundai eine Mehrzwecklimousine, keine Kombination aus SUV, Sportwagen (wirklich!), Kombi und Minivan. "Es strahlt sowohl ein Retro- als auch ein sportliches Gefühl aus", schrieben sie anno 2000. Dann muss es ja stimmen.
Jedenfalls klappen beim Crosstour die hinteren Türen nach vorn auf, und es gibt keine B-Säule, etwa wie 2003 beim Mazda RX-8.
Im Jahr 2000 bemerkenswert: Der Fahrersitz bot "mobile Bürofunktionen mit Online-Zugang"! Hyundai betonte, wie bequem die beiden einzelnen Rücksitze seien.

"Die A- und C-Säulen sind möglichst schlank gestaltet, um dem Fahrer eine ungehinderte Sicht zu ermöglichen", rühmte Hyundai sich. Nicht "schlank", sondern "möglichst schlank".
Bild: Hyundai
Den 2,7-Liter-V6 erwähnte Hyundai noch, die Anzahl der angetriebenen Räder war kein großes Thema.
Hyundai Santa Fe Mountaineer

Studie Hyundai Santa Fe Mountaineer von 2002 – das hier ist das einzige offizielle Foto, das davon im Umlauf ist. Außenspiegel mit Blinkern waren der letzte Schrei.
Bild: Hyundai
Hui, sieht der bedrohlich aus, so schwarz und mit den senkrechten Scheinwerfern! Aber halten Sie die Front mal zu, denken Sie sich die kleinen Außenspiegel weg, und stellen Sie sich die Seite mit normaler Bodenfreiheit vor ... na? Genau: Dann sehen Sie den ersten Hyundai Santa Fe, der im Jahr 2000 vorgestellt wurde!
Also: Was Hyundai hier 2002 präsentiert hat, ist eine Design-Fingerübung, die zeigt, wie verschieden Autos wirken können, wenn man nur ein paar wichtige Details verändert.
Ein Mountaineer ist übrigens ein Bergsteiger oder Bergbewohner.
Hyundai OLV

Bild: Hyundai
Noch so ein Beispiel, wie lange Koreas Autoindustrie schon neue, eigene Ideen hat: der OLV, 2003 in Detroit präsentiert, ein Gegenentwurf zu den gängigen SUV. "Mit dem OLV wollten wir uns vom SUV-Image riesiger, klobig wirkender Kisten lösen und etwas völlig Einzigartiges schaffen", schrieb Hyundai.
Das ist ihnen gelungen. Allein das Dach: drei gläserne Module hintereinander, die man einzeln herausnehmen und in einer Halterung befestigen kann. Das gibt es so sonst nirgends.
Die Halterung besteht aus den mattsilbernen Bügeln am Heck, die optisch darüber hinwegtäuschen, dass der OLV ein Stufenheck hat. Aber das ist genau die Idee: Denn Einkäufe zum Beispiel sind in einem Kofferraum sicherer aufgehoben als auf der Ladefläche eines Pick-ups (wir wissen das, aber erklären Sie das mal einem Amerikaner).
Wenn der US-Kunde eine offene Ladefläche will, kann er einfach den Kofferraumdeckel zurückklappen – schwupps, ist das Auto länger, und man kann bestimmte Ladung an der frischen Luft transportieren. Nicht unbedingt die Einkäufe, die könnten dann seitlich hinauspurzeln, aber zum Beispiel Fahrräder ohne Vorderräder.
Die Ladefläche lässt sich abkärchern, das schwarze Heckteil ist aus unlackiertem Urethan-Kunststoff.
Produktplaner Doug Mottram von Hyundai Nordamerika sagte, ein OLV wäre in Serie so günstig wie eine Kompaktlimousine. In schönstem Amerikanisch nannte Hyundai den OLV ein "low-cost, high-fun" Auto.

Bild: Hyundai
Einen Motor hat es auch: vier Zylinder, zwei Liter, Kompressor von Borg-Warner, bis zu 200 PS.
OLV steht für Outdoor Lifestyle Vehicle. Eigentlich müsste er HND HCD OLV heißen, denn der OLV wurde mit Forschungs- und Entwicklungszentrum Namyang in Korea gestaltet, und das Designzentrum in Kalifornien unter Dragan Vukadinovic hat sich am Außendesign beteiligt.
Hyundai HCD-9 Talus

Bild: Hyundai
Nach dem lustigen OLV, der ein bisschen wie ein Bausatz aussieht, hier wiederum ein Gegenentwurf: der elegante, luxuriöse HCD-9 (immer mit arabischer Ziffer, nie HCD-IX), Beiname Talus, wie der Bronzemann in der griechischen Mythologie, der Kreta vor Piraten und Invasoren schützte.

Bild: Hyundai
Erstmals zu sehen war der Viersitzer 2005, drei Jahre vorm BMW X6, und mehr als der BMW verkörpert er den Begriff SUV-Coupé. Der HCD-9 Talus hat fünf Türen, aber die hinten angeschlagenen Seitentüren (ähnlich wie beim HCD-5 Crosstour) fallen optisch kaum auf. Eric Stoddard ist für das Außendesign verantwortlich, den Innenraum (schon mit 10-Zoll-LCD-Bildschirm, Nachtsichtgerät und Internet) stellte Designer Dragan Vukadinovic vor.

Bild: Hyundai
Der 4,6-Liter-V8 passt zum imposanten Auftritt. Allradantrieb plante Hyundai gegen Aufpreis anzubieten. Designer Joel Piaskowski dichtete folgenden Satz: Der HCD-9 Talus sei "für eine Person, die sich an die Bedürfnisse und Vorteile eines SUV gewöhnt hat, aber die emotionale Befriedigung der Leistung eines Sportwagens wünscht".
Und ist das nicht der gemeinsame Nenner aller SUV: dass die Kunden von allem ein bisschen haben möchten? Platz, Power, Plüsch und Praxisnutzen?
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