Lamborghini Miura SV restauriert
Die fünf deutschen Details an diesem Lambo

1972 wurde dieser Lamborghini Miura SV als Neuwagen nach Deutschland ausgeliefert – das erkennt man an fünf Details!
Bild: Lamborghini
Da waren sie aber stolz: Die Klassikabteilung von Lamborghini hat diesen Miura SV im Werk restauriert – und das fertige Auto jetzt in feierlichem Rahmen enthüllt. AUTO BILD war dabei. Es war auf dem Anantara Concorso Roma, einem elitären Oldtimer-Event in Rom, unter den Augen von Prominenten wie Auto-Historiker Adolfo Orsi, Ex-Pininfarina-Designer Lorenzo Ramaciotti, Ex-Formel-Rallye-Copilot, Ex-Formeml-1-Teamchef, Ex-Ferrari-Chef und Ex-FIA-Präsident Jean Todt und Ex-… nein, nicht Ex, sondern Oldtimerhändler und -präsentator Simon Kidston.

Bild: Lamborghini

Marcello Gandini war 27, als er als Designer bei Bertone die Form des Lamborghini Miura schuf. Die Scheinwerfer klappen, wenn sie angeschaltet werden, hinten ein wenig hoch.
Bild: Lamborghini
Der Lamborghini Miura SV ist frisch restauriert
Drei Jahre lang hatte die Abteilung Lamborghini Polo Storico (hat nichts mit dem VW Polo zu tun, Polo Storico heißt Historisches Zentrum) am Miura gearbeitet. Sie recherchierten viel und versetzten den Lamborghini Miura SV, Baujahr 1972, in den Zustand seiner Auslieferung zurück (siehe dazu auch den Kommentar unten).

Abrissheck, muskulöse Kotflügel, Bertone-Logo, Dachantenne ... den Lamborghini Miura in Ruhe anzusehen, kann ein Genuss sein.
Bild: Lamborghini
Was das Deutschland-Modell von allen anderen Miura unterscheidet
Wir von AUTO BILD als Gäste aus Deutschland haben aber vor allem Augen für fünf Details: Denn dieser Miura SV wurde laut Lamborghini als Neuwagen nach Düsseldorf exportiert. Und der Hersteller musste den Miura SV an mehreren Stellen umrüsten, damit er in Deutschland zugelassen werden konnte. Offenbar haben deutsche Beamte also italienisches Design beeinflusst!
Detail 1: die Lüftungsgitter vorn
Der Ur-Miura hat in der vorderen Haube zwischen den Scheinwerfern zwei Lüftungsgitter mit 54 feinen (also scharfen) Metall-Lamellen. Die könnte man durchaus als Eierschneider benutzen. Man möchte noch nicht mal stolpern und sich mit bloßen Händen darauf abstützen müssen – schon gar nicht möchte man sich vorstellen, was die Gitter bei einem Unfall mit Fußgängern anrichten könnten.

Ursprünglich kam der Lamborghini Miura 1966 mit Wimpern um die Scheinwerfer und mit Gittern aus dünnen Metall-Lamellen auf den Markt. Deutsche Kunden ...
Bild: Roman Rätzke / AUTO BILD

... bekamen bald diese Lüftungsgitter mit 36 eingerahmten Lamellen. Die Wimpern fielen mit dem Facelift zum Miura SV weg.
Bild: Lamborghini
Die deutschen Behörden verlangten von Lamborghini eine weniger schnittige Lösung. Und die sehen wir am restaurierten 1972er Miura SV, der als Neuwagen in Deutschland ausgeliefert wurde: Lüftungsgitter mit 36 eingerahmten, dickeren Lamellen, die an der Oberseite abgerundet sind.
Natürlich blieb die spitze Front des Miura ein Unterschenkelspalter par excellence – aber wir lernen: Schon damals achtete Deutschland auf das Thema Fußgängerschutz. Sicherlich eine Nachwirkung des Skandals um den Chevrolet Corvair, den der Verbraucherschutzanwalt Ralph Nader an die Öffentlichkeit brachte.
Detail 2: die Zentralverschlüsse der Räder
Nicht nur die Lüftungsgitter erinnern uns an ein Küchengerät (den Eierschneider), auch die Zentralverschlüsse auf den Radnaben, die damals üblich waren: Mit ihren drei Flügeln könnten sie auch in einem überdimensionierten Standmixer Dienst tun.
Schon 1927 starb die berühmte Tänzerin und Choreografin Isadora Duncan im offenen Wagen, weil beim Losfahren ihr überlanger Seidenschal sich im hinteren Speichenrad verheddert hatte.

Links der Zentralverschluss am Italien-Modell des Lamborghini Miura, rechts das Deutschland-Modell mit achteckiger Nabenkappe.
Bild: Roman Rätzke / AUTO BILD; Thomas Starck / AUTO BILD
Wir möchten uns nicht weitere finstere Szenarien ausmalen, was so ein Flügelverschluss alles aufwickeln oder schreddern könnte, sondern zeigen die etwas fade, aber praktische Lösung: eine achteckige Kappe ohne hervorstehende Teile, die man einfach ab- und anschrauben kann.
Detail 3: die Lüftungsgitter an den Seiten
Der Lamborghini Miura war nicht allein deshalb aufsehenerregend, weil er als erstes Straßenauto einen quer eingebauten V12-Mittelmotor hatte, sondern auch wegen des spektakulären und ungewöhnlichen Designs vom Marcello Gandini (hier unser Artikel über den legendären Autodesigner Gandini). Eines der typischen Details ist der Aufschwung hinter den Seitenscheiben mit den senkrechten Lufteinlässen für den Motor.
Nicht nur, dass sie messerdünn sind, macht sie potenziell gefährlich; auch die kleine Ecke, die an der Vorderseite jeder Lamelle herausragt, kann einen deutschen TÜV-Prüfer um den Schlaf bringen.

Bild: Roman Rätzke / AUTO BILD; Lamborghini
Ähnlich wie vorn am Miura wurden hier die Lamellen für Deutschland dicker und abgerundet, und auch im Grundriss ragen keine Ecken mehr hervor.
Detail 4: der Warnblinkschalter
Spötter halten einen Warnblinkschalter an einem Lamborghini Miura für überflüssig, denn wenn ein Miura liegen bleibe, sei er ohnehin gut zu sehen – weil ja in der Regel Flammen aus dem Motorraum schlügen.

Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Das wäre allerdings kein Argument, deutsche Sicherheitsingenieure zu beruhigen. Also installierte Lamborghini links im Cockpit, gleich neben dem verchromten Rücksteller für den Tageskilometerzähler, einen faden schwarzen Knopf für die Warnblinkleuchten.
Detail 5: die Katzentreppe
Und wieder mal das Thema scharfe Kanten: Die ursprüngliche Heckjalousie (Branchenjargon: "Katzentreppe") des Lamborghini Miura wäre dazu geeignet, bei einer Vollbremsung in der Stadt aus Vespa-Fahrern Carpaccio herzustellen.

Bild: Roman Rätzke / AUTO BILD; Thomas Starck / AUTO BILD
Wiederum ersetzen für den deutschen Markt dicke Lamellen mit abgerundeten Kanten die scharfkantigen Originale. Es bleibt aber bei sechs Lamellen.
Wie der deutsche Kunde den Lambo bestellte
Lamborghini hat diesen Miura SV so restauriert, dass er möglichst exakt die gleiche Ausstattung und Farbkombination hat wie am Tag seiner Erstauslieferung.

Bild: Lamborghini
Die Farbkombination – Braunmetallic und Bronze draußen, Beige innen – ist grandios typisch für die 70er-Jahre; die Namen, die Lamborghini diesen Farben gab, sind fast übertrieben romantisch und damit typisch italienisch: Der Lackton heißt "Luci del Bosco", "die Lichter des Waldes". Die Farbe des Leders: "Senape". Drinnen sitzt man im Senf, draußen steht man im Wald.
Für den Innenraum bestellte der Kunde ein kleineres Lenkrad und eine Vorbereitung für eine Klimaanlage.

Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Und unter dem Wagen trötet eine ganz besondere Abgasanlage: der Bob-Auspuff – benannt nach Testfahrer und Ingenieur Bob Wallace, der 1970 den Miura Jota mit seinem "Megaphon"-Auspuff mitentwickelt hatte.

Bild: Thomas Starck / AUTO BILD
Wahrscheinlich war das die effektivste Fußgängerschutz-Maßnahme am Miura überhaupt: Bei dem Höllensound liefen die Leute bestimmt schon vor Angst aus dem Weg.

Bild: Lamborghini
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Anantara. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit
Kommentar
Die Klassikabteilung von Lamborghini hat diesen Miura SV so restauriert, dass er wieder genau so aussieht, wie er 1972 aus der Fabrik gerollt ist. Das machen sie praktisch immer so. Klingt ja erst mal auch plausibel. Aber ist die Konfiguration des ersten Tages immer der erstrebenswerteste Zustand?
Oft ist es eben genau nicht der Auslieferungszustand, der am meisten über die Geschichte eines Autos erzählt. Sondern zum Beispiel die Metallstreben, die das Mercedes-Rennteam 1952 vor die Windschutzscheibe des Mercedes 300 SL montierten, nachdem bei der Carrera Panamericana in Mexiko ein Geier eingeschlagen war. Oder der rote Lack, in dem Elvis Presley seinen BMW 507 umspritzen ließ, angeblich, weil Fans auf dem originalen weißen Lack immer wieder Küsse mit Lippenstift hinterlassen hatten. Oder die Einschusslöcher in der DS von Charles de Gaulle, in der er 1962 das Attentat von Petit-Clamart überlebte.
So sehr ich die Arbeit von Auto-Restauratoren schätze und bewundere: Viele Autobesitzer und viele Handwerker schießen übers Ziel hinaus und vernichten durch Überrestaurierungen unwiederbringlich Spuren der Geschichte.
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