Mercedes Landaulet selber bauen
Im Mercedes 600 Landaulet saßen einst nur die wichtigen Personen. Im MB 100 Landaulet tut es der Redakteur.
Kaiser, Könige, Diktatoren und Papst Paul VI. fuhren einst in einem ganz besonderen Mercedes umher. Der war zur Präsentation 1963 das höchste der Komfortgefühle, ein rollender Technik-Meilenstein, keiner auf der Welt konnte es exklusiver. Klar: Es geht um den Mercedes 600 (W 100). Die besonders hoheitliche Variante davon war das Landaulet, 3,90 Meter langer Radstand, vier Türen und sechs Seitenfenster, ein Staatskreuzer mit Oberdeck. Der Chauffeur unter Stahldach, die Promi-Passagiere ganz hinten auf der dachfreien Rückbank, darüber ein Verdeck.

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Mercedes 600 Pullman W 100
Bilder: Klassiker-Gigant Mercedes 600
Mercedes 600 Pullman W 100
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Bilder: Klassiker-Gigant Mercedes 600
Klassiker-Gigant: Mercedes 600 Pullman

AUTO BILD träumt vom Mercedes-Landaulet

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Video: Mercedes Pullman-Landaulet (2017)

Königsklasse für jedermann

Genau so wollte sich AUTO BILD auch fühlen. Problem: Eins der nur 59 gebauten "Halbcabriolets" kostet – sofern überhaupt mal im Angebot – mindestens siebenstellig. Einen MB 100 dagegen gibt es fast geschenkt. Schrottreif sind diese zwischen 1988 und 1995 verkauften Transporter eh fast alle – da tut eine ruppige Behandlung nicht so weh. Wir trimmen den Kasten auf Landaulet-Optik! Müssen wir auch, denn an der Technik ist nichts zu machen. Das Landaulet-Vorbild hat ein feines V8-Herz mit 6,3 Litern Hubraum und 250 PS unter der Haube, während im MB 100 ein derber Vorkammer-Diesel mit 75 PS ackert. Bürgerliche Benz-Benutzer kennen ihn aus dem 240D/8. Der Transporter bietet leider nur eine scheppernde Schiebetür und knarzende Kurbeln statt Hydraulik für alles. Eine Starrachse an Blattfedern übernimmt die Aufgabe, die im W 100 eine vierfache Luftfederung inklusive verstellbarer Stoßdämpfer leistet. Ganz klar: Wir sollten uns mit einer gewissen optischen Nähe zum Original zufrieden geben!

Operation mit Flex und Farbe

Mercedes Landaulet selber bauen
Dank der Flex wurde aus einem runtergerockten MB 100 in ein paar Stunden ein Traumgefährt.
Die Operation geht in großen Schritten voran. Das Dach ist ab, sechs Schnitte durch Seitenteile und Hecktüren mit der dünnen Trennscheibe reichen. Dann tiefes Mattschwarz auf den Wagen, und "Chrom" von der Küchenrolle für Stoßfänger, Radläufe, Schweller und sogar für den seitlichen Lufteinlass. Ein Super-Ergebnis! Sogenannte Abziehfarbe auf den Reifen ersetzt die Weißwand des Originals. Noch besser im Innenraum: Brauner Theaterstoff imitiert feinstes Mercedes-Leder, statt des aufgeklappten Verdecks thront hinten eine Attrappe aus Holzlatten, einem alten Schlafsack und quadratmeterweise schwarzem Vorhang. Den herrschaftlichen Fondsitz des Mercedes 600 – auch er hydraulisch verstellbar – ersetzt eine per Handkreissäge zurechtgestutzte Zweiercouch aus dem Secondhand- Möbelladen. Muss reichen!

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Karmann Mercedes MB 100
Karmann Mercedes MB 100
Karmann Mercedes MB 100
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Karmann auf Mercedes MB 100: Gebrauchtwagen-Test
Gebrauchtwagentest: Mercedes MB 100 als Reisemobil

Die Optik des Mercedes-Transporters stimmt

Schwarz, stattlich, elegant, vorne geschlossen und hinten offen – die kosmetische Operation des MB 100 ist durchaus gelungen, finden wir! Standarten (Dithmarschen, die Heimat des Autors) flattern, ein Stern ziert die Front und eine 100 prangt im Logo – wer kann da noch Original und Imitat auseinanderhalten? Das Fahrerlebnis? Okay, die Fuhre knarzt, bockt und scheppert durchs Gewerbegebiet. Vom vollendeten Gleiten des 600ers hat der qualmende 250.000-Kilometer-Diesel nichts. Schlimmer aber: Niemand ist in der Nähe, dem hoheitlich zugewinkt werden kann.

Landaulet fahren im Hamburger Wetter

Mercedes Landaulet selber bauen
Auch die Kulisse ein Traum: Der offene MB 100 Landaulet in der Hamburger Speicherstadt.
Das Abnehmen der Parade macht im nächtlichen Hamburg keinen Spaß. Außerdem betrübt die Sorge, dass eine Polizeistreife nach dem Sinn des Treibens fragen könnte – so ganz astrein im Sinne einer TÜV-Abnahme ist der Umbau nämlich zumindest auf den ersten Metern (noch) nicht. Und: Eine kalte November-Brise wirbelt durch den Innenraum. Da muss der Staatsmann im Fond schon ein echter Kerl sein!