Vom weltweit geschätzten Mercedes-Restaurator zum Beschuldigten des Landeskriminalamts: Das Leben des Klaus Kienle aus Heimerdingen bei Stuttgart verlief zuletzt dramatischer als je zuvor. Am Dienstag wurde bekannt, dass der 77-Jährige nun gestorben ist.
Teure Mercedes-Klassiker, das war seine Welt. Seine Hallen in Heimerdingen waren voller 300 SL Flügeltürer und Roadster und anderer feiner Cabrios und Coupés aus den 30er- bis 60er-Jahren. Kunden aus aller Welt ließen ihre Autos nach Europa verschiffen, damit die Firma Kienle Automobiltechnik sie restauriert. Am liebsten besser als neu.

Aufstieg und Fall des Klaus Kienle

Expertise hatte Kienle: Er selbst hatte rund 20 Jahre "beim Daimler g'schafft", gründete seine Firma 1984, hatte jede Menge Datenkarten und hoch qualifizierte Handwerker.
Finanziell allerdings, berichten ehemalige Mitarbeiter, war es oft knapp bei Kienle Automobiltechnik. 2011 verkaufte die Firma einen schwarzen Mercedes 300 SL nach Belgien. Laut eines Gutachtens war die Fahrgestellnummer an der falschen Stelle eingeschlagen.
Nach einem Zivilprozess nahm Kienle das manipulierte Auto 2020 zurück. 2022 – das wirft die Staatsanwaltschaft Stuttgart ihm vor – bot Kienle dieses Auto als Original mit angeblich einwandfreien Nummern an. Die Fahrgestellnummer war zwischenzeitlich an der richtigen Stelle eingeschlagen worden.

Musste Kienle von der Fälschung wissen?

In einem Interview für die SWR-Doku "Skandal um Oldtimer – der tiefe Fall des Klaus Kienle" sagte der Restaurator 2024 zu Redakteur Thorsten Link: Ja, seine Firma habe die Nummer am richtigen Ort eingeschlagen. Warum saß die Nummer vorher falsch? Kienle fragt rhetorisch zurück: "Wer weiß das nach 70 Jahren?"

Razzia in Heimerdingen

Öffentlich bekannt wurden Vorwürfe gegen Kienle erst am 31. Mai 2023: Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg ließ Kienles Büro, Werkstatt und Privathaus in einer Razzia durchsuchen. AUTO BILD war vor Ort.
Drei Flaggen vor Kienles Autohaus, darunter eine Kienle-Flagge
Am Tag der Razzia wehte noch Kienles Flagge über seinem Showroom in Heimerdingen.
Bild: Götz von Sternenfels/AUTO BILD
Die Beamten beschlagnahmten zwei Mercedes 300 SL, einen Motor, ein Chassis und einen Gitterrohrrahmen, alles vom 300 SL. "Umfangreich" sackten sie digitale Speichermedien und schriftliche Unterlagen ein.
Fassade der Firma Kienle mit geschlossenem Rolltor
Ebenfalls am Tag der Razzia: Hier stellten Beamte Beweismaterial sicher.
Bild: Frank B. Meyer/AUTO BILD
Teure Autos wie der Mercedes 300 SL sind deutlich weniger wert, wenn die Identität nicht eindeutig festgestellt werden kann – auch deshalb werden Oldtimer verfälscht.
Anlass der Razzia war ein Mercedes 300 SL Roadster, den Kienle als angeblich echt verkauft hatte. Er trug die gleiche Fahrgestellnummer wie ein 1961er 300 SL Roadster, der Zeit seines Lebens in der Schweiz war.

Der gelbe SL ist nachweislich verfälscht

Ein Gutachten von Frank Steinacker (Steinacker Institut für Fahrzeugtechnik und Unfallanalyse) zeigt, dass der phantasiegelbe Roadster aus Kienles Sortiment recht plump mit falschen Nummern versehen worden war. Das Auto war vermutlich 1983 in Frankfurt/Main gestohlen worden – das schließt Steinacker aus den wohl originalen Nummern an Hinterachse und Handschuhfach. Nachher wurde es umlackiert und offenbar gefälscht, damit es sich wieder verkaufen lässt.
Gelber Mercedes 300 SL auf einer Hebebühne
Diesen Mercedes 300 SL Roadster von 1961 verkaufte Kienles Firma – sie zeigte ihn sogar auf dem hauseigenen Kalender (Foto ganz oben). Eine Untersuchung bewies: Das Auto wurde verfälscht.
Bild: Steinacker Ingenieurgesellschaft
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart warf Kienle vor, seine Werkstatt hätte das Auto verfälscht. Kienle wies das zurück, und es ist nach AUTO BILD-Einschätzung auch nicht sehr wahrscheinlich.
Womöglich glaubten die Fälscher, das auffällige Original existiere nicht mehr – tatsächlich war es immer noch in der Schweiz und inzwischen rot, der Besitzer hatte es umlackieren lassen.
Roter Mercedes 300 SL Roadster.
Die Sache mit dem gelben SL kam heraus, weil die Händlerfirma Depot3 dieses früher mal gelbe, dann rot umlackierte Exemplar in der Schweiz fand – mit der gleichen Fahrgestellnummer.
Bild: Robert Kah/Depot3
Steinackers Gutachten wirft Kienle vor, die Firma hätte die Fälschungen erkennen müssen: "Für eine fachkundige Person mit Kenntnissen zu dem Modell W 198" – ein klarer Seitenhieb auf Geschäftsführer Klaus Kienle – "sind die Manipulationen ... mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszumachen."
Auf Metall eingehämmerte Fahrgestellnummer
Die Fahrgestellnummer am gelben SL stimmt offenbar nicht: Die letzten vier Ziffern sind in einer Mercedes-untypischen Schrift eingeschlagen, das Rohr darunter ist verbeult.
Bild: Steinacker Ingenieurgesellschaft
Kienles Anwalt Dr. Ruben Engel konterte: Der gelbe SL sei jahrzehntelang durch die Hände mehrerer Sammler und Fachwerkstätten gegangen, und niemandem sei eine Manipulation aufgefallen.
An dieser Stelle der Armaturentafel ist normalerweise ab Werk die Aufbaunummer eingeschlagen – beim gelben 300 SL fehlt sie.
Bild: Steinacker Ingenieurgesellschaft

Kienles Firma rutscht in Insolvenz

Im Oktober 2023 meldete die Kienle Automobiltechnik GmbH Insolvenz an. Das lag wohl nicht ausschließlich an dem Skandal: Die Geschäftsberichte für 2020 und 2021 weisen Fehlbeträge von jeweils rund 1,1 Millionen Euro aus.

Daimler kauft Teile der Firma

2024 kaufte Daimlers Oldtimersparte, die Mercedes-Benz Heritage GmbH, alles aus der Insolvenzmasse raus, was sie gebrauchen konnte, vor allem das riesige Ersatzteillager und jede Menge Werkzeuge. Und sie übernahm erfahrene Mitarbeiter.
AUTO BILD liegt ein Bericht eines Anwaltsbüros für das Insolvenzgericht Ludwigsburg vom Februar 2024 vor. Er listet Verbindlichkeiten von ca. 16,7 Millionen Euro auf, von denen 700.000 "nachrangig" seien. Abzüglich eines Vermögens von ca. 4,2 Millionen betrage die Überschuldung der Firma ca. 11,8 Millionen Euro.

Was wird aus den Ermittlungen?

Klaus Kienles wurde nun tot in seinem Haus aufgefunden. Die Website kfz-betrieb.vogel.de zitiert "in den Fall Kienle involvierte Personen" mit den Worten: "Der Totenschein enthält den Eintrag 'natürliche Todesursache'. Gründe, daran zu zweifeln, sind nicht erkennbar."
Klaus Kienle gibt ein Interview.
Klaus Kienle in der SWR-Doku, die im Herbst 2024 ausgestrahlt wurde: "Wenn jemand Auto bringt und ein Teil falsch ist, dann mache ich auch kein falsches daran, sondern da wurde die Nummer dann richtig eingeschlagen."
Bild: SWR
Sein Tod hat nun Auswirkungen auf die Ermittlungen: Denn gegen Tote kann keine Klage erhoben werden. Damit dürften die Ermittlungen gegen Klaus Kienle persönlich jetzt abbrechen – die gegen seine Firma und seine Söhne dürfen aber weitergehen.