Mit gleich zwei Fällen gefälschter Mercedes 300 SL Roadster (W 198 II) ging es 2023 los: Sie erschütterten die Oldtimer-Szene. In beiden Fällen ging es um millionenteure Autos, von denen jeweils zwei die gleiche Fahrgestellnummer trugen. Und in beiden Fällen war offenbar die Firma Kienle Automobiltechnik im schwäbischen Heimerdingen involviert, wo es gar eine Razzia gab.
Inzwischen ist noch ein verfälschter 300 SL Roadster aufgetaucht, der ebenfalls eine falsche Fahrgestellnummer (VIN oder vehicle identification number) trägt. Das Auktionshaus RM Sotheby's wollte den Wagen in der Motorworld München für einen Millionenbetrag versteigern.
Die Firma Kienle ist längst liquidiert. Mercedes-Benz Heritage, die Oldtimersparte von Daimler, hat mittlerweile Teile der Firma, den umfangreichen Ersatzteilbestand sowie einen Teil der Belegschaft übernommen. Klaus Kienle selbst, Gründer und langjähriger Chef der Firma, ist überraschend verstorben. Gegen seine Firma und seine Söhne ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart weiter.
Und noch ist die Frage nicht geklärt, wie es überhaupt zu doppelten Fahrgestellnummern kommen kann. Offen bleiben die Methoden der Oldtimerfälscher, hier ein genauer Blick darauf.

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Wie Oldtimer-Fälscher Millionen verdienen können

Für originale Fahrzeuge mit belegbarer Historie werden hohe Summen gezahlt, das war im Fall der zwei 300 SL nicht anders. Das erklärt, warum sich Fälschungen bei so exklusiven Klassikern lohnen.

Der bizarre Fall des phantasiegelben 300 SL

Zwei Mercedes 300 SL, aber nur eine Fahrgestellnummer

Im Zentrum steht ein einstmals im Farbton "Phantasiegelb" lackierter Mercedes 300 SL. Der Käufer des Originals soll für den reimportierten Traum-Benz seinerzeit 1,6 Millionen Euro bezahlt haben. Der Verdacht: Der Wagen wurde nachgebaut und mit der gleichen Fahrgestellnummer versehen: 198 042 10 002 786. Das Original war im Ausland angemeldet. Offen war lange die Frage, welcher der beiden fraglichen SL nun der echte war? Offensichtlich wurde die Fälschung durch einen peinlichen Patzer: Der Erstbesitzer hatte den Wagen 1961 im Original-Lackfarbton "Phantasiegelb" gekauft, ließ ihn aber einige Jahre später in ein knalliges Rot umlackieren. Das wussten die Fälscher offenbar nicht, und so trug der mutmaßliche Fake-Zwilling den Originalfarbton "Phantasiegelb".
Mercedes 300 SL - Geneva Motor Show Fahrkultur - Fälschung Kriminalität
Eine historische Aufnahme vom Genfer Salon: So stand der 300 SL Roadster 1961 in der Schweiz auf dem Stand von Mercedes.
Bild: DPA
Immer wieder kommen Fälle ans Licht. Ein Prozess wegen Porsche-Fake in ganz großem Stil wurde 2019 gegen Uwe N. eröffnet, damals Chef der inzwischen liquidierten Firma Scuderia M66 in Aachen. Er war bei einer Razzia festgenommen und in Untersuchungshaft genommen worden.

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Wie funktionierte der Porsche-Fake der Scuderia M66?

Es geht bei der Scuderia M66 wohl um eine Größenordnung von etwa 100 Millionen Euro. Der Vorwurf: banden- und gewerbsmäßiger Betrug. Eine ganze Personengruppe soll schrottreife Sport- und Rennwagen von Porsche in angebliche Sammlerstücke verwandelt haben.
Dazu, so die Aachener Staatsanwaltschaft, bauten sie die Autos auf und versahen sie zum Beispiel mit falschen Fahrgestellnummern. Der einstige Porsche-Mann Uwe N. half den Vorwürfen zufolge, gefälschte Fahrzeugpapiere anzufertigen, mit Schreibmaschinen der jeweiligen Epochen.
Mercedes 300 SL Roadster Fahrkultur - Fälschung Kriminalität
Dumm für die Fälscher: Der 300 SL Roadster trug die Original-Lackfarbe "Phantasiegelb" nicht allzu lange; der Schweizer Besitzer ließ ihn in ein knalliges Rot umspritzen.
Bild: Robert Kah/Depot3
Aufgeflogen war der Fall nach einem Hinweis aufs Straßenverkehrsamt Düren bei Aachen: Dort soll immer derselbe Mitarbeiter die Autos zugelassen haben. Ohne einen solchen bezahlten Gewährsmann kann die Masche also nicht funktionieren. Das Urteil steht noch aus.

Das sind die beliebtesten Tricks der Oldtimer-Fälscher

Die Neubau-Masche

Eine Fälscherbande baut aus vorhandenen alten und/oder neuen Teilen von Grund auf ein neues Auto. Und die Papiere? Entweder nimmt man echte Fahrzeugbriefe und schlägt die Fahrgestellnummer ins Auto – echte Briefe gibt es massenhaft, viele Schrotthändler sammeln sie, für manche Briefe wird viel Geld bezahlt. Oder man fälscht eben auch die Papiere.

Die Werkswagen-Masche

Eine Variante der Neubau-Masche: dem Auto eine Werksidentität andichten. Fast jeder Hersteller hat Fahrgestellnummern, die nie vergeben wurden, für Prototypen etwa. Gauner nehmen solche Nummern von Autos, die das Werk theoretisch gebaut haben könnte, und behaupten, ihr Auto sei solch ein Original.

Die Replika-Masche

Die Variante für Faulpelze: eine hochwertige Replika kaufen, also einen legalen Nachbau, und diese mit Markenlogos, falschen Motor- und Fahrgestellnummern und gefälschten oder neu ausgestellten Papieren zum angeblichen Original aufbrezeln.

Die Frankenstein-Masche

Gängig ist die Methode "Aus eins mach zwei": Ich habe einen sehr teuren Wagen, zerlege ihn, baue zum Beispiel in den originalen Rahmen und die originale Karosserie einen anderen Motor ein – und rund um den Originalmotor und das Originalgetriebe baue ich ein zweites Auto, das identisch aussieht. Manche stellen so auch drei Autos her. Gutachter Norbert Schroeder vom TÜV Süd Auto Service erzählt von einem Vorkriegs-Mercedes 540 K, der der Länge nach durchgeschnitten wurde. Die jeweils fehlende Seite wurde neu drangebaut. Fahrgestellnummer und Papiere duplizieren, fertig. Wenn ich beide Autos auf unterschiedlichen Kontinenten verkaufe, fällt das vielleicht nie auf.

Die Upgrade-Masche

Ebenfalls gängig: ein Auto hochsupern. Wie zum Beispiel einen vergleichsweise billigen Porsche 911 T in einen Carrera RS 2.7 verwandeln (siehe oben). Auf die Art und Weise werden Mini 850 zu Mini Cooper S, Fiat 600 zu Abarth, BMW 1602 zu 2002 turbo, VW Golf L zu Pirelli-GTI. Jüngeres Beispiel: Mercedes 190 E 2.5-16 Evo II. Aber es geht nicht nur um Sportmodelle: So sind VW T1 schon reihenweise zu Samba-Bussen umgebaut worden. Also aufpassen bei solchen begehrten Modellen!

Die Geschichtsfälscher-Masche

Baujahr oder Geschichte fälschen: Ein Brezelkäfer ist mehr wert als ein (später und in größerer Stückzahl gebauter) Ovali, ein Willys MB aus dem Zweiten Weltkrieg mehr als ein Nachkriegs-Jeep. Beides lässt sich leicht umrüsten. Und ein Rennwagen ist laut Schroeder schnell das Fünf- bis Achtfache wert, wenn er genau das Exemplar zu sein scheint, mit dem ein berühmter Fahrer ein legendäres Rennen bestritten hat. Oder wenn sich ein Sportcoupé als das ehemalige Privatauto eines legendären Hollywoodstars entpuppt.

Die Verschwinde-Masche

Es gibt Gauner, die Autos nur vorübergehend fälschen. Man leiht sich ein Auto, montiert eine falsche Fahrgestellnummer über der echten, lässt das Auto zu, gibt ein Wertgutachten in Auftrag, baut das Blech mit der Fake-FIN danach wieder aus – und meldet das Auto als gestohlen. Die Versicherung zahlt. Journalist und Buchautor Helmut Horn berichtet von so einem Fall mit einem manipulierten Porsche 964.

Die virtuelle Masche

Am wenigsten Aufwand verursacht die Masche mit virtuellen Autos: Ich lege der Bank Papiere eines Autos vor, das gar nicht existiert, zum Beispiel als Kreditsicherheit. Hier wird zumindest kein gutgläubiger Käufer getäuscht.

Werden nur teure Oldtimer gefälscht?

Klar: Typische Kandidaten sind Rennwagen vom Bentley Blower bis zum Porsche 917 und "Ikonen" wie Mercedes-Flügeltürer und 911 Carrera RS 2.7. Aber nicht nur Millionäre sind in Gefahr, betrogen zu werden. Auch Käfer, Enten, Mini, kleine Fiat werden kriminell verändert – potenziell alle Modelle, bei denen es sich rechnet. Denn der Aufwand ist oft niedriger, als viele Laien ahnen.
Bei geklauten Autos reicht es oft, eine neue Fahrgestellnummer einzuschlagen. Oder der Besitzer eines Mercedes /8 hat keine Lust, Gurte nachzurüsten, und fälscht deshalb das Baujahr. Das macht das Auto zwar nicht teurer, aber der ahnungslose nächste Besitzer hat ein Problem, wenn die Fälschung auffliegt.
Jeep Willy's MB Fahrkultur - Fälschung Kriminalität
Geschichtsfälschung inklusive: Ein Willys Jeep aus dem Zweiten Weltkrieg hat einen viel höheren Marktwert als einer aus der Nachkriegszeit. Da reizt es manchen, die Historie anzupassen.
Bild: Christian Herb

Wie fliegt eine Oldtimer-Fälschung auf?

Meistens durch Zufall, wie beim Fall des roten bzw. phantasiegelben 300 SL Roadster. Oder weil jemand misstrauisch ist und einen guten Sachverständigen hinzuzieht. Oft fühlen sich die Fälscher sicher, wenn das Original ihres Fakes als zerstört oder verschwunden gilt. Manche Klassiker, die in der Nachkriegszeit östlich des Eisernen Vorhangs standen, wurden im Westen neu gebaut. Pech für die Besitzer, wenn die Originale nach der Wende wieder auftauchten.
Gefälschter Porsche RS 2.7 Fahrkultur - Fälschung Kriminalität
Dieser Porsche 911 RS 2.7 ist nicht echt. In großem Stil sollen Fälscher in Aachen an diesem und anderen Porsche-Modellen gearbeitet haben, bis hin zu Komplizen bei Porsche und in der Zulassungsstelle.
Bild: Götz von Sternenfels

Ist jeder Klassiker-Nachbau gleich eine Fälschung?

Nein. Hersteller dürfen eigene Modelle neu auflegen. Bentley zum Beispiel tut das gerade wieder – und hält die Bauanleitung für seine Mechaniker ängstlich unter Verschluss. Ob Externe ein Auto originalgetreu nachbauen dürfen, auch wenn sie das offenlegen, kommt auf die jeweilige Rechtslage an: Eine Firma, die Flügeltürer-Nachbauten mit Kunststoffkarosserien herstellte, wurde von Daimler vor Gericht gezerrt (laut Landgericht Stuttgart hat Daimler den Geschmacksmusterschutz an der Karosserieform) und unterlag (Az. 17 O 304/10).
Nach dem Urteil zerstörte Daimler 2012 öffentlichkeitswirksam eine beschlagnahmte GFK-Karosserie. Anders jetzt bei Jaguar: Der Hersteller hat ein Ehepaar aus Schweden verklagt, das eine Replika des C-Type nichtkommerziell für sich privat gebaut hatte – und soeben verloren (am Berufungsgericht Svea in Stockholm).
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Hochsupern: eine beliebte Fälscher-Methode. Dabei wird zum Beispiel ein normaler Fensterbus T1 zur Luxusausführung VW Samba. Ein paar Tage Arbeit, Wert verdreifacht auf über 100.000 Euro!
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Ob es legal ist, mit einem Nachbau zum Beispiel an einer Rallye oder einem Schönheitswettbewerb teilzunehmen, hängt unter anderem von den Teilnahmebedingungen ab. Manch ein reicher Sammler und auch mancher Autohersteller hat ein Original und nutzt einen Nachbau für historischen Motorsport. Das Mercedes-Benz Museum soll in den Neunzigerjahren bei Thyssen eine zweistellige Anzahl an Rahmen des Modells SSK in der originalgetreuen Legierung bestellt haben, um die "originalen SSKs nicht bei der Mille Miglia zu Schrott fahren zu lassen". Die Frage ist, ob jeder der Thyssen-Rahmen legal verwendet und jeder ausgebaute Originalrahmen vernichtet wurde.

Wie schützt man sich vor Betrug durch Oldtimer-Fälscher?

Ob ein und dieselbe Fahrgestellnummer mehrmals vergeben ist, kriegen Besitzer im Idealfall mithilfe des Herstellers, einer Gutachterorganisation, der Zulassungsstelle oder des Clubs heraus. Bei einer Recherche in den USA helfen gegen Geld Firmen wie Carfax, AutoCheck, Classic Car Database und Hagerty. Und das Blech? Oldtimer-Gutachter und Typreferenten von Clubs können plump umgefrickelte Autos entlarven – einer professionellen Fälschung kommt man wohl nur mit professionellen Forensikern auf die Schliche.