Es ist weit nach Mitternacht, und am Loch Ness ist die Hölle los. Nein, es sind keine Monsterjäger, die hier durch den schottischen Wald streifen, sondern eine Horde Oldtimerfans, die mehr oder minder orientierungslos und dafür umso eiliger auf den wenigen Sträßchen durch die stockschwarze Nacht irren und nach vermeintlichen Wegmarken suchen.
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Das muss man ihnen nachsehen. Denn erstens sind sie jetzt seit drei Tagen unterwegs und haben in dieser Zeit zwar über 1500 Kilometer auf kleinsten Sträßchen kreuz und quer durchs Vereinigte Königreich abgespult, aber kaum mehr als acht, zehn Stunden geschlafen. Und zwar insgesamt und nicht pro Nacht.
Hefte raus, Klassenarbeit! Die Navigation ist eine schwere Prüfung auf dieser Rallye.
Bild: Thomas Geiger
Und zweitens folgen sie keinem normalen Roadbook wie sonst bei solchen Klassiker-Ausfahrten, sondern einem Rätselbuch mit fast sadistischen Streckenumschreibungen. Während der Fahrer irgendwie versucht, das Auto auf der Straße zu halten – oder auf dem, was sie hier großzügig Straße nennen –, hängt der Co-Pilot mit einer riesigen Lupe über der Karte.
Herzlich willkommen bei Le Jog, herzlich willkommen bei der wahrscheinlich härtesten Oldtimer-Rallye der Welt.

Le Jog: 2500 Kilometer bis ans Ende der Welt

Los geht die Härteprüfung in Land's End, am südwestlichsten Zipfel des Königreichs. Vier Tage und 2500 Kilometer später soll sie in John O'Groats enden, ganz oben im Norden, wo nicht nur Schottland, sondern tatsächlich die Welt zu Ende ist. Zumindest die Welt, wie sie die Briten definieren.
Mittendrin zwischen alten Volvos, Audi Quattro, Porsche 924, Minis, Morgan, MG und Jaguar steht mit der Startnummer 45 ein schwarzer Golf 1 GTI, den wir aus der VW-Sammlung in Wolfsburg entführt haben.
Start ist im Morgengrauen in Land's End, dann wird vier Tage fast am Stück gefahren.
Bild: Thomas Geiger
Schließlich feiert die bürgerliche Alternative zum Porsche 911 im Vollgasbewusstsein der Bundesrepublik in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Sollen ihn andere doch polieren und zum Jubiläum auf eine Bühne rollen. Wir feiern ihn so, wie ihn ein paar VW-Ingenieure vor 50 Jahren gedacht und gemacht haben – mit Vollgas auf der Landstraße. Nur dass man diesmal halt links fährt.
Doch Linksverkehr ist das kleinste Problem. Die Organisatoren suchen monatelang die fiesesten Feldwege, verwinkeltsten Kreuzungen und abgelegensten Abkürzungen. Manchmal führt die Strecke sogar mitten durch Scheunen und Ställe.

Schlamm, Mauern und Vollgas-Tests

Einen ersten Vorgeschmack gibt es gleich nach dem Start. Während sich der Vierzylinder hinter den knopfrunden Scheinwerfern noch warm läuft, scheuchen uns die Organisatoren über Treckerpisten. Schlamm kann genauso rutschig sein wie Schnee, und von Rosamunde-Pilcher-Romantik bleibt wenig, wenn links und rechts die Spiegel fast Funken schlagen.
Spektakuläre Streckenabschnitte gehören natürlich dazu. Nur zum Genießen bleibt keine Zeit.
Bild: Thomas Geiger
Und als wären Rätsel und Routen nicht schwer genug, gibt es noch die "Tests": kurze Etappen auf Privatgelände, die allein gegen die Uhr gefahren werden. Mal im Schlossgarten, mal im Steinbruch, auf dem Golfplatz oder nachts auf einer unbeleuchteten Kartbahn. Das kommt dem GTI gelegen.

112 PS treffen auf nur 840 Kilo

Wenn es um Handling, Agilität und Beschleunigung geht, ist der GTI in seinem Element. Gierig dreht der 1,8-Liter unseres Baujahres 1984 bis kurz vor den Begrenzer, der Golfball auf dem Schaltknauf liegt perfekt in der Hand, und die fünf Gänge fliegen durchs Getriebe.
112 PS treffen auf lächerliche 840 Kilo. Null auf hundert in 9,0 Sekunden, Spitze 182 km/h.
In den Highlands wird es einsam und die Müdigkeit gefährlich, kein Wunder nach Etappen von teilweise mehr als 20 Stunden.
Bild: Thomas Geiger
Die Stoppuhr kommt kaum hinterher, so schnell schwirrt der schwarze Ritter über die Strecke, wirbelt um die Pylonen und kratzt die Kurven. Hach, 50 Jahre GTI, und jeder Sprint fühlt sich an wie beim ersten Mal.
Hätte das Auto doch nur Apple CarPlay, dann würde jetzt ganz sicher "Forever Young" aus den Blaupunkt-Boxen dudeln.

Der Golf GTI machte den Sportwagen bezahlbar

Für Sentimentalitäten bleibt trotzdem keine Zeit. Dabei gäbe es genug davon. Ab 1976 erfüllte der GTI den Traum vom Sportwagen plötzlich auch für Menschen, die sich keinen Porsche leisten konnten.
Für 13.850 D-Mark gab es den neuen Volks-Sportler. Aus einer zunächst geplanten Kleinserie von 5000 Exemplaren wurde eine Erfolgsgeschichte mit mittlerweile mehr als 2,5 Millionen Autos in acht Generationen.
Doch bevor darüber nachgedacht werden kann, wartet Schottland. Mit Highlands, Wäldern, dem ersten Schnee der Saison – und natürlich dem "Monster von Loch Ness".

Das Monster von Loch Ness wartet

So nennen die Veranstalter die schwerste Prüfung der Rallye. Drei Stunden dauert sie, zwei Dutzend Seiten füllt sie im Roadbook – und sie beginnt erst, nachdem die Teilnehmer bereits 16 Stunden unterwegs sind.
Klassiker im Morgengrauen: Nach nächtelangem Rallye-Marathon stehen die Oldtimer am Meer.
Bild: Thomas Geiger
Also noch einmal Ölstand prüfen, Scheiben putzen und das mobile Büro rund um den improvisierten Kartentisch sortieren. Dann geht es bei Nacht und Nebel in den Kampf mit dem Monster.
Schon möglich, dass "Nessie" sonst ein Phantom ist. Im Roadbook der Le Jog wird daraus eine Herkulesaufgabe, die nicht nur den Tank des Autos nah an die Reserve bringt, sondern auch den von Fahrer und Navigator.

Zwei Radlager und mehr als 2500 Kilometer später

Wer das übersteht, fährt den Rest der Rallye wie in Trance. Der Tripmaster klackert monoton die Kilometer hoch, die Stoppuhr tickt, Fahrer und Navigator verstehen sich irgendwann ohne große Worte.
Als die Startnummer 45 am vierten Tag nach mehr als 60 Stunden reiner Fahrzeit und über 2500 Kilometern durchs Ziel rollt, liegen zwei bei Nacht und Nebel gewechselte Radlager, zwei Dutzend Tankstopps und zahllose Prüfungen hinter uns.
Nur zwei Sachen müssen vorher noch erledigt werden: das Auto volltanken. Und in den Kalender gucken. Denn nächstes Jahr wird die Le Jog zum 30. Mal ausgetragen. Und bevor der nächste Startplatz nicht gesichert ist, klappt das mit dem Schlafen ohnehin nicht.