Volvo 240: Jubiläum, Test
50 Jahre Volvo 240: Der kühle Brick mit dem heißen Trick

Brick – das englische Wort für Ziegelstein wurde zum Synonym des legendären Volvo 240. Jetzt wird das "Auto für jedermann" 50 Jahre alt.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Der Türenklang, der laute Viscolüfter, der laut klackende Rückwärtsgang – der Volvo 240 gehört zu den Autos, die sich noch problemlos am Klang zu erkennen geben. Ein Charakterkerl, der sein Heimatland Schweden, in dem er etliche Jahre meistverkauftes Auto war, geprägt hat, wie es hierzulande höchstens dem VW Käfer gelang.
Ein Auto für alle Alters- und Gehaltsklassen. Als braver Familienkombi, alterskonformer Zweitürer oder universelle Limousine auf der einen Seite, als kraftvoller Turbo, exklusives Coupé und Basis für unzählige Sonderkarosserien auf der anderen Seite. Ein Auto wie eine Blue Jeans, mit dem man überall vorfahren kann, das nie unpassend wirkt und sich nie aufdrängt.
Für die Schweden wurde er zum Inbegriff des "Allemansbil", des Autos für jedermann, das schon zu Lebzeiten in unzähligen Clubs verehrt, mit eigenen Songs bedacht und Teil der Identität seines Landes wurde.
Zur Legende wurde der 240 aber auch durch seine unerschütterliche Zuverlässigkeit und große Reparaturfreundlichkeit, die dafür sorgten, dass er bis heute, 31 Jahre nachdem das letzte Exemplar in Torslanda bei Göteborg vom Band gelaufen war, noch fest ins Straßenbild gehört.
Raumökonomie und Sicherheit standen im Vordergrund
Die Ursprünge des 240 gehen auf die 140er-Baureihe und damit auf das Jahr 1966 zurück. Der damalige Chefdesigner Jan Wilsgard wagte einen mutigen Schritt und ordnete beim Nachfolger der Baureihe 120, besser bekannt als Amazon, die Form der Funktion unter. Raumökonomie und Sicherheit standen im Vordergrund. Die Zeit von viel Chrom und eleganten Rundungen war damit vorbei.
Dass er mit seinem Konzept recht behalten sollte, zeigt sich in der beachtlichen Länge der Bauzeit. Zusammen bringen es 140 und 240 auf stattliche 27 Jahre, sind aber trotzdem natürlich kein Fall für den tragischen "Club 27", der durch Musikgrößen wie Janis Joplin, Jimi Hendrix, Kurt Cobain und Amy Winehouse bekannt ist.
Schwedisches Erfolgsrezept
Um seinen Erfolg besser zu verstehen, sind wir nach Schweden gereist und haben uns sechs Meilensteine der Baureihe genauer angeschaut. Zur Einordnung vorab für alle Volvo-Neulinge: Die erste Zahl im Namen steht für die Baureihe, die zweite für die Zylinderzzahl, die dritte für die Anzahl der Türen.

In den ersten Jahren trug der 240er noch die gestreiften Sitze und das klobige Lenkrad des 140 auf.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Hochbeinig, runde Scheinwerfer und grazile, verchromte Außenspiegel. Den Anfang macht ein früher 242 DL von 1975. Komplett in Orange getunkt, spiegelt er optisch perfekt den Zeitgeist der 70er-Jahre wider. Dabei sind die 60er noch an Bord. Als Motor dient beim frühen Einstiegsmodell der "B20"-Vierzylinder aus dem Amazon. Auch das knackige "M40"-Vierganggetriebe rollte schon unterm grazilen Vorgänger durchs Land.
Endgültig Schluss mit der Eleganz vergangener Epochen macht das Armaturenbrett. Die etwas klobige Kunststoffwelt stellt Ergonomie und Sicherheit in den Vordergrund. Zur Maxime der Schweden gehörte lange, dass jeder Schalter auch mit dicken Handschuhen zu bedienen sein musste. Hier klappt das perfekt. Das Lenkrad mit dem großen, aufgeschäumten Pralltopf sollte Verletzungen im Gesicht bei einem Aufprall auf ein Minimum reduzieren. Zwar hatten die Schweden bereits 1972 in der Studie VESC einen Airbag präsentiert, bis zur Serienreife sollte es aber noch dauern.

Zahllose Umbauten dokumentieren den beruflichen Einsatz dieses Feuerwehr-240ers. Besonders auffällig sind Blaulichter und Sirene auf dem Dach.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Auf den schwedischen Landstraßen ist der Zweitürer mit den großen Türen in seinem Element. Der Vierzylinder ist drehunwillig, aber antrittsstark und passt damit perfekt in den durch und durch unsportlichen 240. Die Schweden nennen ihn gern "trevelig", was so viel wie gemütlich heißt. Und damit ist eigentlich schon alles gesagt. Du fühlst dich sofort gut aufgehoben und bist sicher, gut anzukommen.
Zuverlässigkeit und gute Verbindungen nach Schweden dürften auch für das DDR-Regime bei der Bestellung des Feuerwehrbegleitfahrzeugs, das jahrelang in Peißen (Sachsen-Anhalt) seinen Dienst versah, im Vordergrund gestanden haben, als man sich für den 245 Kombi entschied. Es könnte aber auch der riesige Kofferraum gewesen sein, der die Brandschützer überzeugte. Mit Signalhorn, Funkgerät und allem, was er damals zum Einsatz brauchte, ist er heute einer der ganz wenigen überlebenden Arbeiter.
Luxusvariante des Arbeiters
Deutlich weniger Malocher und vom damaligen Volvo-Marketing lieber vor mondänen Herrenhäusern am Meer abgelichtet, ist der 262C. Es war der etwas tollpatschige Versuch, in der Oberklasse Fuß zu fassen, als man den italienischen Karossier Bertone bat, dem trotz Sechszylinder rustikalen 262 Noblesse zu verpassen. Später hieß es, er sähe aus, als sei dem Designer das Tonmodell vom Tisch gefallen.
Tatsächlich schickte Volvo fertige Fahrzeuge nach Italien, wo sie geköpft und mit gechopptem Dach versehen wurden. Etwas Holz und Vinyl hier, gestepptes Leder da, und fertig war das Luxuscoupé. Ärgerlich nur, dass unter der Haube der verschriene PRV-Euro-V6 mit überschaubaren 140 bis 155 PS saß.
Gegner in der eigenen Karosserie ist die weich schaltende, aber kraftraubende Dreistufenautomatik von Borg Warner. Für schnelle Touren auf der Autobahn fehlt die vierte Fahrstufe. Bedächtig bewegt und im sanften Auge des Oldtimerliebhabers ergibt das Paket heute mehr Sinn. Der Automat verfügt über einen strammen Wandler, sorgt so für handfeste Ablegemanöver, und der Motor verbindet Kraft untenrum mit heiser röchelndem Sound. Wer will sich heute noch über mangelnde Drehfreude obenrum aufregen? Sosehr der "Bertone" auch während seiner Bauzeit von 1976 bis 1982 floppte, so extravagant wirkt der nur 6622-mal gebaute Exot heute.

Der Eckige mit zwei Türen ist eine runde Sache: ein früher Bertone mit dem alten Heck, aber schon den großen Türschlössern (ab 1978).
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Ähnlich selten, obwohl deutlich öfter verkauft, ist heute der 244 D6. Entgegen der üblichen Nomenklatur verfügt er zwar über sechs Pötte, lautstarke 82 Diesel-PS aus dem VW LT waren aber Wasser auf die Mühlen aller Selbstzündergegner. Die enorme Lautstärke nach dem Kaltstart holt elektrifizierte Siedlungsbewohner heute ähnlich effektiv aus dem Bett wie eine Feuerwehrsirene. Dennoch: Einmal in Fahrt, tuckert er im Overdrive wie ein gemütlicher Kutter vor sich hin.
Zum Mercedes G sagte mal ein Holländer zu mir: "Great! It goes slow, but if it runs, it will never stop." Zum 240 Diesel passt dieses Zitat mindestens ebenso gut. Dass er mit gut acht Litern nur mittelmäßig sparsam ist und ihm der Turbo, wie es ihn im 740/940 später gab, stets verwehrt blieb, passt ins Bild. Volvo aus der Zeit setzten grundsätzlich mehr auf bewährte als auf moderne Technik. Trotzdem: sehr trevelig.

Den Motor für den 244 GL D6 bezog Volvo seinerzeit mangels eigenem Diesel von VW. Er stammt aus dem Transporter LT. Trotz seiner sechs Zylinder und 82 PS laufen die Maschinen sehr laut und sind nach heutigen Maßstäben unfassbar lahm.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Einen echten Angriff auf die deutsche Oberklasse wagte der 244 Turbo. Zudem war er die direkte Antwort auf den Hauptkonkurrenten Saab, wo der bereits 1978 erschienene 99 Turbo für großes Aufsehen gesorgt hatte. Wie ernst die Schweden es mit dem aufgeladenen Ziegelstein meinten, zeigten sie selbstironisch in einem Werbespot, in dem ein 245 Turbo dynamisch und mit Staubschleppe einen Lamborghini mit Anhänger versägt.
Doch ein knackigeres Fahrwerk, große Alufelgen und 155 PS machen noch keinen BMW. Mit solchen Ambitionen fällt das fehlende sportliche Talent nur unnötig auf. Das Getriebe mag schnelles Schalten nicht, der B21ET-Motor will nicht drehen, bei höherem Tempo zerrt der Wind an der kantigen Hülle. Zudem geht der Verbrauch bei heißer Fahrweise durch die Decke. Fans stören sich an solchen Unzulänglichkeiten nicht. Originale Turbos sind gesucht und ziehen preislich mächtig an.
Unkaputtbarer Riese
Absolut in ihrem Element ist die Baureihe dagegen im 240 GL Kombi. Mit der großen Modellpflege zum Modelljahr 1981 hieß er nur noch 240. Innen am überarbeiteten, altarähnlichen Armaturenbrett, außen u. a. an den herumgezogenen Leuchten an Front und Heck zu erkennen, bildet der Kombi mit bravem Vierzylinder den Kern der Baureihe. Groß, aber einfach, mit dem soliden Charme einer Baumaschine.
Ein 240 schert sich nicht um Spaltmaße, Oberflächen oder aerodynamischen Feinschliff. Er ist weder besonders leise, noch federt die Starrachse gediegen. Sein wahres Talent offenbart er erst Jahre später, wenn er mit 700.000 Kilometern längst unzählige Male den Erdball umrundet hat und immer noch fährt. Dass er hier und da knarzt und klappert, sehen ihm seine Besitzer gern nach. Sie wissen, dass sie ankommen.
Motoren wurden schon weggeworfen, weil sie keiner wollte. Sie gehen einfach nicht kaputt. Beim heute am weitesten verbreiteten B230F, einem Vierzylinder-Eisenschwein mit zähen 115 PS, wird der Zahnriemenwechsel gern übersehen. Was soll's, reißt er wirklich, rollt die Fuhre aus, und es wird für 250 Euro ein neuer draufgeschmissen.
Bis zu 2150 Liter Kofferraumvolumen
Auch der praktische Nutzwert ist gerade beim Kombi gigantisch. Die Kofferraumklappe öffnet tief bis auf den Stoßfänger, selbst mit stehender Bank schluckt das Gewächshaus mehr als die meisten modernen Lifestylekombis maximal. Wird die Bank umgeworfen, entsteht ein lichter Tanzsaal, der mit einem Volumen von 2150 Litern so manche Studentenbude übertrumpft. Zudem verzeihen seine Stoßfänger auch größere Rempeleien, die schmale Form und der Mini-Wendekreis von 9,8 Metern machen das alte Schlachtschiff großstadttauglich.

Als einfacher GL Kombi ist der 240 in seinem Element. Der Kofferraum bietet eine topfebene Ladefläche, darunter ein riesiges Fach. Auf Wunsch gab es gegen die Fahrtrichtung eine Kindersitzbank.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Auch wenn der 2er mit Vorstellung des 740 immer mehr zum antiquierten Sparmobil wurde und die letzten Exemplare 1993 mit absurden Nachlässen verramscht wurden, war damals schon klar, dass da einer das Spielfeld verlässt, den es so nie wieder geben wird. Ein Freund, auf den Verlass ist. Oder: Der wohl sympathischste Ziegelstein der Welt.
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