VW aus Südamerika: Übersicht
Exotische VW-Modelle – Sonne, Strand und Wasserkühlung

Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD

Auch in der Heckansicht können die Exoten aus Wolfsburg überzeugen.
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Aber nicht in Brasilien. Na gut, auch dort brachte VW 1974 den Passat auf den Markt, produzierte ihn selbst, exportierte sogar eines Tages Motoren und Getriebe nach Deutschland für unseren Passat. Der Kunde jedoch, da fühlten sie sich sicher, wollte beim Boxermotor bleiben. Der Programmausschuss von VW do Brasil unter dem neuen Chef Wolfgang Sauer sah 1974 nicht die geringste Eile, in den nächsten drei oder vier Jahren wassergekühlte Modelle unterhalb des Passat anzubieten: hohe Investitionen, kein Modell, das in eine Lücke des VWB-Programms passte, wenig Erfahrung mit der neuen Technik. Und der Ausschuss bezweifelte, dass die neue Technik "für brasilianische Straßenverhältnisse ueberhaupt robust genug ist". – "Auch in der Zukunft wird ein hoher Teil der VWB-Produktion auf luftgekühlte Fahrzeuge mit Heckantrieb entfallen", steht im Protokoll der Sitzung vom 13.9.1974, getippt in São Bernardo do Campo auf einer Schreibmaschine ohne Umlaute und ß. Wir haben das Protokoll jetzt im Volkswagen-Konzernarchiv ausgegraben.
Neue Philosophie
Offenbar war ihnen aber klar, dass die Wolfsburger Gas geben wollten mit den modernen Reihenmotoren. Seit Juli 1974 wurde diskutiert, dem Brasília einen wassergekühlten Reihenmotor ins Heck zu bauen. In der Kopie des Protokolls, die nach Wolfsburg geschickt wurde, hat jemand an diesen Punkt ein sehr großes Fragezeichen geschrieben. Am Ende kam es genau umgekehrt: mit dem Gol.
Der wurde im Mai 1980 präsentiert, mit Frontmotor und Frontantrieb und MacPherson-Federbeinen und großer Heckklappe, alles ganz modern – nur dass sein Motor immer noch ein käferiger luftgekühlter Boxer war. Das neue Axialgebläse war den VWB-Leuten Fortschritt genug. Dabei war der Passat mit Wasserkühlung schon geschlagene sechs Jahre auf dem brasilianischen Markt unterwegs.
Erst 1981 beschloss VW, eines Tages auch den Gol mit Reihenmotor anzubieten – und 1984, drei Jahre nach dem Schwestermodell Voyage und zehn (!) Jahre nach dem Passat, zog der wassergekühlte 1.6er in den Gol ein.

Als GTi trägt der Gol Nebelleuchten und Zusatzscheinwerfer. Einen längs eingebauten Motor sowieso.
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Dann aber auch mit Macht: Neben dem Basis-1.6er aus dem Passat kam der Gol GT mit 1,8 Litern und 98 oder 99 PS (im Ethanolbetrieb, das ist noch mal ein anderes großes Thema in Brasilien). Die Straßen waren voll von dünnen Ur-Gol, die wegen ihrer fast quadratischen Lämpchen "Quadrado" genannt werden – da trat der Gol GT mit Breitbandscheinwerfern und 14-Zoll-Alus ganz schön fett auf den Plan.
Die nächste Stufe sehen Sie links: den Gol GTi (mit kleinem i) – in Brasilien ein bewundertes Auto wie bei uns der Golf GTI. Die Einspritzung im Gol GTi holt aus dem Zweiliter je nach Variante und Quelle 114, 120 oder 125 PS. Bei knapp einer Tonne ist das Leistungsgewicht ähnlich gut wie beim deutschen Golf 2 GTI 16V mit Kat. Mit 185 km/h war er laut "AutoPapo", der Redaktion des Journalisten Boris Feldman, das schnellste einheimische Auto. 1988 wurde der Gol GTi präsentiert; unser Testwagen wurde nach dem Facelift von 1991 gebaut – unbeeindruckt von Political Correctness nannten sie die Version mit den flacheren Scheinwerfern "Chinesen-Gol". Ganz falsch kann das alles nicht gewesen sein: In Brasilien war der Gol ("Fußballtor") 26 Jahre lang ununterbrochen das meistverkaufte Modell.
Luxus oder Spießertum?
Der Santana galt in Deutschland lange als die spießige Variante des Passat B2 – in Brasilien aber als Aufstieg von VW ins Luxussegment. So eine Art Prä-Phaeton, mindestens eine halbe Liga über dem Passat B1. In dieses Segment, das zwischen 1980 und 1983 von 1,6 auf 7,9 Prozent Marktanteil gewachsen war, stieg VW 1984 ein. 1991 war der Santana das erste Modell Brasiliens mit Kat und aufpreispflichtigem ABS.
Uns hingegen klappt die Kinnlade herunter wegen eines Details, das in Brasilien völlig normal ist: Dieser Santana ist ein Zweitürer. „Damals hatten brasilianische Nutzer keine Viertürer-Kultur“, erklärt Alexander Gromow, VW-Experte bei Auto Entusiastas.

Blick in den Santana: Sportlicher Stil mit straffen Recaro-Sitzen, die einen fast ins Hohlkreuz zwingen, und roten Zierleisten innen und außen.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Michael Lallinger (53), Gründungsmitglied der Passat-Kartei Deutschland und Maschinenbautechniker, importierte den schwarzen Santana 2021 zu sich nach Ingolstadt. "Wenn ich mir die Mühe mache, so ein Modell nach Deutschland zu holen, musste es ein zweitüriger Santana Sport sein und möglichst in sehr gutem Zustand." Wie er es schaffte, das Auto zu finden, zu kaufen, zu verschiffen und hier zuzulassen, ist eine längere Geschichte; jedenfalls hat ein VW-Fan einer brasilianischen Facebook-Gruppe ihm sehr geholfen.
VW mit jeder Menge Raum
Ein Autohersteller hat es da mutmaßlich leichter. Den Saveiro auf diesen Seiten "haben wir direkt aus Brasilien bekommen", berichtet Eckberth von Witzleben, bis vor Kurzem bei der Stiftung AutoMuseum Volkswagen. "Das Exponat wurde hier in Deutschland als Messefahrzeug eingesetzt", bevor es zur Stiftung kam.
Wie bei der ersten Gol-Generation G1 ist auch beim G3 der Saveiro die Pick-up-Variante des Gol. Er sieht aus wie ein Nutzfahrzeug, das Lasten von A nach B bringen soll – fährt sich aber, Überraschung, sportlich wie ein GTI (oder GTi). Direkte Lenkung, Schaltung und Fahrwerk straff wie beim Golf 4 (wobei auch hier der erste Gang nach links strebt wie im Santana), und der 1.8er zieht so kräftig hoch, dass ein Golf 2 GTI gerade noch mitkommt. Dabei ist das noch nicht mal der stärkste Motor, es gibt neben 1.6 und 1.8 auch einen Zweiliter. Auf kurvenreicher Strecke fährt man mit Milchkannen los und kommt mit Butter an. Damals nannte VW das "Crossover", wir nennen es Nutzspaßzeug.

Einerseits ist der Saveiro für deutsche Begriffe exotisch, andererseits ein typischer Vertreter der 2000er-Jahre.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Für Oldtimer-Journalisten ist die Testfahrt in einem 17 Jahre jungen Auto natürlich ungewohnt. Ja, stimmt, so war das neulich (also 2007) noch: Türgriffe und blaue Instrumentenbeleuchtung wie beim Golf 4, silbergraues Plastik wie bei den damals üblichen Heim-Stereo-Anlagen (für CD und MiniDisc!) – das ist inzwischen so aus der Zeit gefallen, dass es bald wieder Nostalgie auslösen wird. Youngtimer der 2000er haben ihre Fans, und viele Jugendliche empfinden jedes Auto ohne großen Bildschirm als Oldie.
Der VW Kombi "Last Edition" ist Oldtimer und Noch-nicht-ganz- Youngtimer in einem: im Kern ein T2 (der bei uns 1967 in Serie ging), aber gebaut erst 2013! Seltsam ist es, ihn zum ersten Mal zu starten: Dann rauscht hinten kein luftgekühlter Boxer, denn der flog Ende 2005 raus – sondern es springt leise ein Reihenmotor an wie in einem aktuellen Polo. Insofern ist er der Wartburg 1.3 des Westens.

Dies ist der erste der 600 geplanten und 1200 gebauten Abschiedsmodellen "Last Edition".
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Moderner Sound, modernes Lenkrad, moderne Sitze … alles neu hier? Oh nein, der Jüngste unter den Alten treibt die Spreizung auf die Spitze: Du löst die Handbremse wie in einem Vorkriegswagen, die Ergonomie ist schräg wie eh und je, die Gänge gnurpseln ähnlich wie bei den Luftgekühlten. Auch der gefürchtete Geradeauslauf ist nicht merklich besser. All das verzeihen wir ihm: Er ist ein Klassiker mit Charakter, der eine Geschichte erzählt.
Fazit
Zugegeben, im direkten Vergleich sind die jüngeren VW mit wassergekühlten Reihen-motoren weniger charismatisch als die Oldies mit ihrem Boxersound. Aber gerade sie als Brasilien- Modelle sind perfekt für Freunde des subtilen Genusses: Nicht jeder Zuschauer reckt den Daumen, sondern nur die, die sich auskennen. VW für Kenner halt. Die Testfahrten zeigen auch: In den 2000er- Jahren war nicht alles toll, aber spannende Autos wachsen weiterhin in die Szene nach.
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