VW Golf 1 GTI – der Start einer Legende: Test
Der Ur-GTI fährt noch immer direkt ins Herz

Vor 50 Jahren entstand der Golf GTI als geheimes Feierabendprojekt. Heute zeigt die Ikone, warum sie bis heute Kultstatus genießt.
Bild: Ronald Sassen
Hätten sie bei VW damals Dienst nach Vorschrift gemacht, wäre der GTI nie erfunden worden. Hätten sie bei VW damals vor jeder Überstunde beim Betriebsrat um Erlaubnis gefragt, wäre es wohl nie zu dieser "Geheimoperation" im Wohnzimmer gekommen.
Wir gucken kurz in den Rückspiegel einer irren Zeit. Es ist 1974, Golf und sein sportlicher Bruder Scirocco laufen seit ein paar Monaten und kommen derart gut an, dass einige im Konzern schon wieder Lust auf mehr haben. Der Pressesprecher Anton Konrad zum Beispiel hat da so eine Idee und bringt die passenden Typen zusammen. Gemeinsam mit seinem PR-Kollegen Gunter Kühl, Motorenexperte Franz Hauk, Konstrukteur Jürgen Adler, Fahrwerksexperte Herbert Schuster, Projektleiter Hermann Hablitzel und Marketing-Mann Horst-Dieter Schwittlinsky gründet er das streng geheime Team "Sport-Golf", das sich in konspirativer Runde privat in einem Wohnzimmer trifft und groß denkt: Lasst uns einen schnellen, aber bezahlbaren Golf bauen!

Wie schrauberfreundlich war damals bitte schön der Motorraum des GTI? 1.6er-Motor mit 110 PS und Bosch K-Jetronic. 182 km/h Spitze und 9,2 Sekunden auf Tempo 100 waren damals Top-Werte.
Bild: Sven Krieger
Auf Scirocco-Basis entsteht ein 100-PS-Prototyp, der aber derart laut herumbrüllt, dass Entwicklungsvorstand Ernst Fiala lapidar entgegnet: "Ihr spinnt wohl!"
Vom Wohnzimmerprojekt zur Vorstandsvorlage
Natürlich spinnen sie weiter, bis zum Frühjahr 1975. Da stellt der Geheimbund dem Vorstand auf dem Testgelände in Ehra-Lessien nahe Wolfsburg die fertig entwickelte Version des "Sport-Golf" im Scirocco-Outfit vor. Jetzt ist auch Professor Fiala begeistert. Und da VW zu diesem Zeitpunkt noch ein Sportboot ist und kein Dampfer mit Beamtenapparat, geht alles ganz schnell: Entwicklungsauftrag EA 195 im Mai 1975, erster Einsatz eines von sechs Prototypen als Pace Car auf dem Nürburgring, Vorstellung des Golf GTI im September 1975 auf der IAA. Wie gesagt: VW steht gerade mit beiden Beinen auf dem Gas.
Der Rest ist Geschichte: Die Messebesucher sind derart aus dem Häuschen, dass VW sein erklärtes Ziel, 5000 Exemplare dieser Sonderserie verkaufen zu wollen, rasch über Bord wirft. Zu cool ist das Design, zu zeitgeistig die Optik, zu gut der Preis. 1976 verkaufen sie 6067 GTI, Ziel erreicht.
Sie bieten den "Einser-GTI" für 13.850 Mark an, das sind nicht mal 2500 Mark mehr als für ein 75-PS-Gölfchen mit GL-Ausstattung, das mit 11.420 Mark in der Liste steht. Was es fürs Geld gibt? Klar, 110 PS bei 780 Kilogramm Lebendgewicht. Aber auch Details, die sich damals eine gewisse Gunhild Liljequist mit ausgedacht hat.

Links Drehzahlmesser, rechts Tacho, davor Spucknapflenkrad, mittig Anzeigen für Uhr und Öl – Sport à la GTI.
Bild: Sven Krieger
Die Designerin sagte rückblickend: "Ich war damals oft in der Carnaby Street im Swinging London, und ich liebte diese Schottenkaros, die ich schon für die Westfalia-Camper benutzt hatte. Dieses Mal durfte es kräftiger sein." Eigentlich könnte Gunhild Liljequist gemeinsam mit dem GTI feiern. Das Auto 50, sie selbst 90. Leider ist sie 2022 im Alter von 86 Jahren in Hamburg verstorben. Ihr Erbe fährt in jedem GTI mit (wenn er nicht getunt oder sonst wie verhunzt ist).
Neben den Schottenkaros wäre da der Golfball, der mal ihr und mal VW-Designchef Herbert Schäfer zugeschrieben wird. Oder das Dreispeichen-Sportlenkrad mit dem tiefen Hupendeckel und der Wolfsburg, das in Fankreisen "Spucknapf-Lenkrad" genannt wird. Das mit Tacho und Drehzahlmesser, die beide in tiefen Höhlen eingefasst sind und deren Tuben spitze Wölbungen haben, wollen wir an dieser Stelle nicht weiter ausführen ...
Unterwegs im Klassiker von Volkswagen Classic
Ausführen müssen wir aber den Golf 1 GTI, ein 78er-Modell von Volkswagen Classic, das sie "demnächst mal überarbeiten wollen", wie sie sagen, damit aus einer guten Zwei wieder eine Eins wird.

3,71 Meter sind nicht viel, aber damals ist das viel fürs Herz. Der erste Golf ist Kurzware, als GTI eher Spaßware mit Radlauf-Verbreiterungen, Doppelstreifen über den Seitenschwellern und schwarzen Stoßfängern.
Bild: Sven Krieger
Der Typ steht so unschuldig da mit seinem "alpinweißen" Lack und den 13-Zoll-Stahlrädchen mit 175/70er-Gummis, dass du denkst: Das soll mal ein sportlicher Kompakter gewesen sein? Heute sind schon die Kleinen größer und haben mehr Chichi und Bling-Bling.
Der Wolf im Golfspelz
Erster Eindruck: Früher hat uns der Sound mehr angeschrien. Der GTI ist im Originalzustand ein Wolf im Golfspelz, der gedreht werden will, der gefordert werden will, der bespielt werden will. Das goutiert er mit Vortrieb, der gemessen an seiner Zeit brachial ist für so ein Autochen.
Mit seinen gerade einmal 3,71 Metern wieselt der GTI nur so durch die Kurven, seine Schaltung wirkt zwar etwas labberig, aber: Hey, ist ja auch etwas in die Jahre gekommen. Was ihn von seinen damaligen Eignern und Fans für immer trennen wird: Er hat sich seine Figur bewahrt, er ist mit 780 Kilogramm Lebendgewicht der Athlet geblieben, der er schon damals war.
Viel straffer als ein Normalo-Golf, vorn 10 und hinten 20 Millimeter tiefergelegt, Stabis an beiden Achsen für mehr Sport und weniger Wank, angetrieben vom tollen EA827-Motor mit K-Jetronic aus dem Audi 80 GTE und zu jener Zeit der Inbegriff des bezahlbaren Familiensportlers, der Sportwagen für den kleinen Mann.
Eine Legende bleibt eine Legende
Heute ist der alte weiße Mann (also ich) ein bisschen enttäuscht, wenn er seine Jugendliebe wiedertrifft. Der Einser-GTI hat sich früher irgendwie agiler angefühlt, als die turboaufgeladenen Kleinstwagen uns noch nicht derart versaut haben. Aber in unseren Träumen bleibt der Golf 1 GTI eine Legende.
Service-Links
- Kfz-Versicherung
- Leasing-Tipps
- THG-Quote: So funktionierts
- THG-Quoten-Vergleich
- E-Auto oder Verbrenner?










