Eigentlich dürfte es dieses Auto gar nicht geben. Ein Golf 2 GTI 16V, Erstzulassung 1990 und mit 139 PS – weil ohne Katalysator und somit nicht die abgasbereinigte Version mit Kat und "nur" 129 PS. Nee, dieses Auto wäre zu dieser Zeit in Deutschland nicht zugelassen worden. Denn die Bundesregierung beschloss im September 1984 die Kat-Pflicht für Neufahrzeuge.
Und weil es damals nur 100 Tankstellen gab, die bleifreies Benzin im Angebot hatten und das europäische Ausland so etwas eher nicht kannte und man um deutsche Urlauber bangte, verschob die Kohl-Regierung das Ganze auf den 1. Januar 1989. Wie gesagt: Eigentlich hätte unser 16V-GTI 129 PS haben müssen – wenn der Golf von AUTO BILD KLASSIK-Leser Dr. Jürgen Dettke nicht 1990 in Bella Italia zugelassen worden wäre.

Zum Glück ohne Kat

Heute sagen wir: Zum Glück hat der 16V seine ersten Jahre im sonnigen Süden verbracht, denn gefühlt atmet der GTI ohne Kat viel freier, gemessen auch. Mit 8,5 Sekunden eine halbe Sekunde fixer auf Tempo 100 als der Kat-16V, mit 208 km/h Spitze ganze 8 km/h schneller als die um 10 PS gedrosselte Variante. Dass der 139-PS-GTI mehr Drehzahl braucht als der mit Kat, vergessen wir an dieser Stelle, denn so einen Zweier-GTI musst du eigentlich immer treten, auch wenn du ihn lieber streicheln möchtest.
VW Golf 2 GTI 16V
Bewährter 1781-ccm-Motor, ergänzt um einen Vierventilkopf, fertig ist der Golf GTI 16V. Die Fahrleistungen waren endlich wieder GTI-like.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Rückblick. Wir schreiben das Jahr 1984, VW ist in Sachen GTI eher schwach auf der Brust. Der neue hat wie der letzte Golf 1 GTI den 1,8-Liter-Motor mit 112 PS, bringt aber bei 920 Kilo Leergewicht 60 Kilo mehr auf die Waage. Wenn der Kunde dann auch noch 1825 Mark Extra-Moneten in die Umwelt investiert und den GTI mit Kat ordert, fallen noch mal 5 PS weg, also noch weniger Leistung pro Kilo. Die Konkurrenz von Ford (Escort XR3i), Opel (Kadett E GSi) und Peugeot (205 GTI) freut das, VW sieht ein, dass irgendetwas zu tun ist. Also bauen sie die schnellste Dachantenne von Wolfsburg.

Vier Ventile für mehr Leistung

Aber lasst uns erst über die Technik reden. Bewährter 1781-cm³-Motor, aber nicht mehr als Achtventiler, sondern mit vier Ventilen pro Zylinder, also 16V. VW hat da einen Leckerbissen konstruiert: Der Zylinderkopf ist aus wärmegehärtetem Leichtmetallguss; je zwei Einlass- und Auslassventile pro Zylinder werden von zwei oben liegenden Nockenwellen über hydraulische Tassenstößel betätigt. Die Gemischaufbereitung besorgt eine Bosch-KA-Jetronic-Einspritzanlage (Kat-Variante: KE-Jetronic), für den richtigen Zündfunken sorgt in beiden Fällen eine elektronische Kennfeldzündung.
VW Golf 2 GTI 16V
Doppelrohr beim 16V. Vorbei die Zeiten des kleinen GTI-Röhrchens beim Einser. Der 16V zeigt Stärke. Bei vielen anderen Gölfen blickte das Endrohr scheu nach unten.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Klingt komplizierter, als es auf der Straße ist. Der 16V ist ein Golf im Schafspelz, ein feiner Whisky, umgefüllt in einen Wanderflachmann: Du merkst von außen nicht, was in ihm steckt. Es ist 1986, du siehst im Rückspiegel einen alpinweißen Golf, denkst kurz an die Fahrschule mit 55-PS-Diesel und wunderst dich, dass du nur noch das Doppelendrohr und die leicht flatternde Dachantenne hinter der Fata Morgana der Landstraße siehst.

Mehr Sein als Schein

Mehr Sein als Schein! Vielleicht ist es genau dieses Lebensmotto, das den Golf GTI seit seiner Erfindung so begehrenswert macht. Er schreit dich nicht an, und wenn, dann nur ganz leise und sehr kontrolliert. Dafür zeigt er an anderer Stelle, was er kann.
Machen wir uns nichts vor: Auch die zweite GTI-Generation trägt das Cockpit von Mamas 72-PS-Golf, Sondermodell "Flair" oder "Memphis". Versprüht dabei aber eine Portion Extra-Charme. Zum Beispiel durch den serienmäßigen Drehzahlmesser, für den VW bis zum Schluss bei den unsportlichen Modellen noch 204 Mark Aufpreis kassierte.
VW Golf 2 GTI 16V
Alles klar in der Kommandozentrale? Hier wird das Tempo digital angezeigt. Das System nennt sich Digifiz, steht für "Digitales Fahrer Informations Zentrum" und kostete 420 Mark extra.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Der Italo-16V hat sogar das volldigitale Cockpit namens Digifiz, das einst 420 Mark extra kostete und das die Wolfsburger ihren Verkäufern intern auf diese Art schmackhaft machten: "Gegenüber den bisher von Opel für einige Modelle angebotenen LCD-Instrumenten stellt die neue Volkswagen-Entwicklung einen nochmaligen Fortschritt in der Informationsqualität dar", heißt es in einer Verkaufsunterlage von 1986.
Um dann noch ein wenig mehr über den Mitbewerber herzufallen: Der GSi-Tacho zeige 130 km/h an, obwohl das Auto in Wahrheit nur 118 fahre. Ursache sei ein wenig exaktes Geberteil.
Heute wissen wir: Das war die Vorstufe zum Blitzerwarner!

Die schnellste Dachantenne von Wolfsburg

Spaß beiseite, den müssen wir im 139-PS-Golf nicht machen, um ihn zu haben. Neben dem flotten Motor, dem exzellenten, schön straffen Fahrwerk und dem leicht heiseren, stets sonoren Sound haben wir eine Zutat fast vergessen, die ganz ungeplant stilbildend für die wilden 90er-Jahre der Dorfjugend wurde.
VW Golf 2 GTI 16V
Dr. Jürgen Dettke, ehemaliger Zahnarzt aus Dortmund und jetzt auf Norderney zu Hause, kaufte diesen Golf GTI 16V mit italienischer Erstauslieferung. Danke für Deinen Einsatz, Jürgen!
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Gucken wir ganz nach hinten aufs Dach und reden über die Antenne. VW hat sie beim 16V serienmäßig leicht schräg und hinten angebaut. In den fest montierten Antennenfuß wird ein schwarzer, kurzer Stab eingedreht.
Weil sich die Dachantenne – etwa für die Waschstraße – leicht herausschrauben ließ, war sie in den 90ern ein gern geklautes Teil, das es entweder für 30 Mark zu ersetzen galt – oder man hat sich andernorts "bedient".

Der GTI brennt wieder

Aber das ist kriminell. Und kriminell sollte hier nur das Auto sein. Das ist es wirklich. Solch großen Spaß machten in den 90ern 139 PS ganz ohne Turbo, nur mit Drehzahl. Der 16V hat das GTI-Feuer komplett neu entfacht.