Das waren magere Zeiten. Nicht A7 oder A8, sondern Audi 100 hieß bis 1979 das stärkste Stück aus Ingolstadt – eine schlichte Limousine der oberen Mittelklasse. Geräumig, aber nichts für die verwöhnte Mercedes S-Klasse- oder BMW 7er-Klientel. Doch die ehrgeizigen Audi-Macher hatten große Pläne: Sie wollten auch oben mitmischen. Mit einem Auto, das anders ist als die etablierten Luxus-Schlitten. Schlank im Auftritt, leicht im Umgang und schnell auf der Bahn. Alu-Spaceframe und quattro-Antrieb waren noch in weiter Ferne, also blieb nur Bewährtes. Als Schnellschuss schnappten sich die Entwickler um Ferdinand Piëch den 100er, verpassten ihm Doppelscheinwerfer, Frontspoiler und größere Rückleuchten. Im Innenraum sorgten ein neues Armaturenbrett, bessere Sitze mit Rahmen-Kopfstützen und hochwertige Polsterung von Türtafeln und Dach für Wohlfühl-Atmosphäre.
Audi 200 5T
Dank geringem Gewicht und feinfühliger Lenkung ist der Audi 200 ausgesprochen agil.
Doch das reichte nicht zum Luxus-Revoluzzer. Auch technisch hatte Audi Nachholbedarf. Heckantrieb (damals bei Komfort-Limousinen obligatorisch) gab es bei Audi nicht, Allrad war noch nicht spruchreif. Also musste der Vorderradantrieb reichen. Erstaunlich, wie gut sie das hingekriegt haben. Denn was die Vorderräder des Audi 200 neben den Lenkkräften übertragen müssen, ist allerhand. 170 PS mobilisiert der Fünfzylinder-Turbo, und die treten nicht immer schön gleichmäßig an. Bis 3000 Touren reagiert der Benziner träge, aber dann beißt er ordentlich zu. Kerniger Klang, leises Turbo-Pfeifen – der Audi spielt seine ganz eigene Melodie im Konzert der schnurrenden Sechszylinder. Und schnell ist er: Gegen seine 9,5 Sekunden für den Spurt auf 100 km/h ist in diesem Test kein Kraut gewachsen. 198 km/h Spitze können sich ebenfalls sehen lassen. Was beweist: Der damals taufrische Audi-Spruch "Vorsprung durch Technik" hatte durchaus schon seine Berechtigung.

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Audi 200 5T
Frontspoiler und der Doppelscheinwerfer weisen den Audi im Rückspiegel als 200er aus.
Die Ursache für den Temperamentsausbruch zeigt die Waage. Okay, der Motor geht oben gut, aber bei nur 1326 Kilo hat jedes Pferdchen auch weniger zu tun. Ein BMW 728i ist knapp 200 Kilo schwerer, der Mercedes 280 SE sogar fast 400 – was sich natürlich auch im Verbrauch niederschlägt. Zwei Liter Ersparnis gegenüber der S-Klasse sind schon eine Ansage. Denn richtig billig war der Sprit auch schon Ende der 70er nicht mehr. Zur athletischen Topform passt die Fahrdynamik. Keiner wedelt so souverän durch die Pylonengasse wie der Audi 200. Schnelle Richtungswechsel lassen ihn kalt, die Lenkung arbeitet präzise, die Karosserie liegt ruhig – so soll es sein. Zumal auch der Komfort nicht auf der Strecke bleibt. Klar, der Audi ist eher sportlich-straff abgestimmt, aber auch lange Strecken sind durchaus ein Vergnügen. Ein Siegertyp? Nicht ganz. Denn die schlanke Karosserie bietet nur ein durchschnittliches Raumangebot. Auch Material und Finish sind eher Mittelklasse – und die Form ist kein Design-Kunstwerk.

Von

Jürgen von Gosen