Einen Fiat 127 anzusehen und zu fahren ist ein wenig, wie die Erfolge von Borussia Mönchengladbach zu verfolgen: Du fragst dich, wieso die Heldentaten der 70er heute nur noch ferne, undeutliche Erinnerungen sind. Der kompakte Fiat löste ab 1971 den heckmotorigen 850 ab, und er läutete eine neue Ära ein. Ja, wissen wir, Austin Mini und Autobianchi Primula waren vorher da. Aber der Fiat zeigte erst so richtig die Überlegenheit des Konzepts: Frontmotor, am besten quer, Frontantrieb, Heckklappe, wenig Gewicht, klare Formen. Einer der letzten großen Geniestreiche aus Turin – heute werden die Trends woanders gesetzt. Das darf durchaus bedauert werden. Der 127 zeigt all jene Stärken, die italienische Autos früher auszeichneten, vom kleinen Fiat bis zum großen Ferrari: Er hat ein Herz. Es ist nur 903 Kubikzentimeter groß, leistet 45 PS, und es fordert den Fahrer mehr als die Triebwerke im Audi 50 oder Ford Fiesta.
Fiat 127
Etwas nervös umkurvt der Fiat 127 die Pylonen, Heckschwenks sind nicht ausgeschlossen.
Wie ein großer Sportwagen aus Arese oder Maranello will auch der kleine Fiat mit fein abgestimmten Handreichungen gestartet werden. Erst das korrekte Dosieren von Choke und Gas entlockt dem kleinen Vierzylinder einen anstandslosen Kaltstart samt anschließendem Leerlauf. So waren sie damals, die Italiener. Sie trauten jedem 127-Käufer den Sachverstand eines Werksfahrers zu. Mit dem 127 bist du heute noch gefühlt rasanter unterwegs als mit den braven Konkurrenten aus Valencia (Ford Fiesta) oder Wolfsburg (Audi 50). Der Motor dreht schneller und lockerer hoch, heult sich durch die Gänge, bis nach langen 21,6 Sekunden 100 km/h auf dem Tacho stehen. Du sitzt dabei wie ein Frosch vor dem kleinen, viel zu flach stehenden Lenkrad, bemühst dich mit grobem Schuhwerk, die richtigen Pedale zu treffen, und wünschst dir auf einmal italienische Slipperchen.

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Wertungspunkte sammelt der Fiat nicht allzu viele: Er hat den kleinsten Innenraum, die Sitze sind für heutige Verhältnisse gnadenlos unterdimensioniert, und die Bremsen entsprechen etwa Straßenbahnniveau. Dafür biegt er am lustvollsten um die Ecken, lenkt fast wie ein Mittelmotor-Ferrari ein, lässt sich auch gern mal zu einem Heckschwenk überreden. Und zeigt dabei: Temperament und Fahrfreude haben wenig mit PS zu tun.

Von

Heinrich Lingner