Der Greif ist ein Fabelwesen der Antike, halb Löwe, halb Raubvogel. Das passt zu diesem Typ, denn der Grifo vereint das Beste aus zwei Welten: sehniges Styling aus Italien und grizzlybärige V8-Power aus Amerika. Unter seiner Haube, auf der kein fettes Penthouse thront wie beim Siebenliter-Topmodell, bollert ein Massenmotor von Chevrolet: 5,4 Liter Hubraum, nur eine Nockenwelle, aber 350 PS. Leider ist die Iso-Geschichte viel zu schnell erzählt. Unternehmer Renzo Rivolta träumt von Sportwagen, die seinen Namen tragen. Im norditalienischen Bresso baut seine Firma Heizungen und Kühlschränke und entwickelt in den 50ern ein kugeliges Kleinstwägelchen, das BMW später den Hals rettet: die Isetta. Das frische Kapital fließt in den schönen Erstling Iso Rivolta 300, an dem Ex-Ferrari-Mann Giotto Bizzarrini maßgeblich beteiligt ist. Als Rivolta 1966 mit 55 Jahren stirbt, übernimmt sein Sohn Piero die Firma. Der verzettelt sich mit weiteren Modellen wie dem kantigen Lele und dem glücklosen Viertürer Fidia. 1974 dann: die Insolvenz.
Iso Grifo GL 350
Das elegante Design des Iso Grifo mit dem hinteren Panoramafenster schuf der junge Giorgetto Giugiaro bei Bertone.
Bild: Roman Raetzke
Doch zurück zu den schönen Dingen des Lebens. Anders als die Großkaliber 7 Litri und CanAm genießt der Basis-Grifo den Ruf, zur seltenen Sorte der robusten Supersportler zu gehören. Viele Grifo, sagt man, überlebten nur, weil sie auch wenig Pflege aushalten. Als der Greif seine preisliche Talsohle durchflattert, kann ihn jede Hinterhofwerkstatt reparieren. Wer heute am großen Holzlenkrad dreht, lernt seinen erdigen Charme schnell schätzen: Der Grifo, den der junge Giorgetto Giugiaro für Bertone entwarf, hat ordentlich Punch, veranstaltet aber kein Drehzahl-Drama, sondern holt seine Kraft aus der Tiefe des Hubraums. Schon bei 3600 Touren wuppt er mit sanftem Hämmern 489 Newtonmeter auf die Kurbelwelle. Die kurzwegige Schaltung und die Lenkung verlangen Kraft, und doch wirkt das Muscle Car im Maßanzug bei Weitem nicht so sperrig wie der Ferrari oder so unfertig wie der Lamborghini. Mit dem Iso könnte man spontan von Hamburg nach Rom aufbrechen, keine kapriziöse Technik stört den Reiz der Exotik. Der Fahrer fläzt sich lässig im langstreckentauglichen Ledersessel und blickt über edle Hölzer auf den langen Vorderwagen, während er dem Achtzylinder-Wummern lauscht. Es ist wie Harley fahren in Brioni-Klamotten: Wer auf Konventionen pfeift, ist im Iso richtig.

Fazit

von

Lukas Hambrecht
Unbekannter Name, das Styling hier und da ein wenig unentschlossen – und doch: Der Iso ist DIE Überraschung. Ami-Power im italienischen Maßanzug, ein Fahrwerk, das sich vor dem des Ferrari Daytona nicht verstecken muss, dazu beste Alltagstauglichkeit: So holt der Grifo mit entspanntem Grollen viele Punkte.