Bei Mercedes sagten Wagen- und Hubraumgröße stets etwas über den Status des Besitzers aus. Damit war es 1986 plötzlich vorbei, denn da war bei Mercedes der kleinste Sechszylinder in drei unterschiedlichen Baureihen verfügbar: für den kompakten 190 E 2.6 (W 201), als 260 E in der mittleren Baureihe W 124 und in der großen Sonderklasse W 126 als 260 SE.
Vergleich Mercedes 190 E 2.6 Mercedes 260 E Mercedes 260 SE
S-Klasse und 190er haben noch rechteckige Heckleuchten, beim konstruktiv jüngsten W 124 weisen angeschrägte Heckleuchten auf die niedrige Ladekante hin. Viele Kunden fanden das wenig ästhetisch und fügten solche Blenden wie hier hinzu.
Bild: Toni Bader
2,6 Liter Hubraum und 160 PS für alle! Für Daimler und seine Kunden war das eine Revolution von oben.
Heute sind die finanziellen Unterschiede beinahe eingeebnet. Die Klassikerpreise bewegen sich auf ähnlichem Niveau. Auch daher lassen sich die drei verwandten Benze vergleichen. Welches Modell bietet am meisten Mercedes fürs Geld?

Mercedes 190 E 2.6: der Sechszylinder für den Spaß

Einfache Radkappen, gedecktes Silber, Sitze in kariertem Praktischgrau – sahen nicht neun von zehn 190 E so aus? Mit günstigem Materialmix und der bekannten Innenraum-Architektur kaschiert ein 190 E 2.6 seinen Sonderstatus.
Mercedes-Benz 190 E 2.6 W201
Mercedes 190 E 2.6: Aus der kompakten Limousine wird in der Sechszylinder-Version fast ein viertüriger GT.
Bild: Toni Bader
Den Käufern des Sechszylinders war das wohl ganz recht; wer sich daran störte, nahm zum Schnellfahren eher den verspoilerten Sechzehn-Vau-Vierzylinder 190 E 2.3-16 (über den wir hier berichten).
Der große Unterschied zum normalen 190 E steckt beim 2.6 vorn drin: Wer die Haube öffnet, wundert sich erst mal, dass sie nicht bei jedem Bremsvorgang aufplatzt. Vorn stößt der lange Sechszylinder aus der großen S-Klasse fast an die Kühlermaske, hinten reicht er beinahe bis zur Schottwand.
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Baby-Benz mit Bums

Bei der Testfahrt erwarteten wir schweres Untersteuern. Doch der 190 E 2.6 lässt sich den halben Zentner mehr Motor beim Slalom nicht anmerken. Leicht und deutlich präziser als die großen Typen schwänzelt er durch den Parcours.
Motor und Motorraum des Mercedes 190 E 2.6 (W 201)
Der schlanke Reihensechser passt gerade so unter die Haube. Der Motorraum ist makellos, weil dieses Auto 1993 direkt vom Band ins Museum rollte.
Bild: Toni Bader
Auch beim Spurt von null auf 100 km/h (9,9 Sekunden) in der Elastizitätswertung und beim Bremsen liegt er vorn. So geht die Fahrdynamikwertung ganz klar an den mild sportlichen Baby-Benz.
Hinzu kommt, wie lässig und leise der Reihensechser arbeitet. Er summt nur still und zieht den 190er mit 220 Newtonmeter Drehmoment und Gummibandgefühl nach vorn. Dazu passt die sanfte Automatik.
So ergibt sich im Zusammenspiel mit Handlichkeit und entspannter Kraftentfaltung ein völlig neues Bild vom 190 E. Das ist großes Kino im kleinen Benz, auch wenn er an allen Ecken etwas kneift.
Kurz gesagt: Es fehlt ihm an Raum, aber der 190 E 2.6 hat andere Qualitäten. Dank Sechszylinder stecken tatsächlich etwas Sport und ein wenig Muscle Car im Baby-Benz. So gewinnt der stille 190er neue Sympathien.

Mercedes 260 E (W 124): der Sechszylinder für den Alltag

Ein kleiner Sechszylinder in der mittleren Baureihe? Das klingt nach Idealbesetzung. Im Vergleich zum Vierzylinder bietet er verhaltenen Luxus, ohne zu übertreiben, und ein Plus an Prestige und Leistung, das noch neidlos akzeptiert wird. Ein 300 E wäre vielleicht zu viel des Guten.
Mercedes-Benz 260 E W124
Mercedes 260 E: Das Hufeisen als Glücksbringer wurde an diesem Auto schon vor 20 Jahren montiert.
Bild: Toni Bader
Zu dieser Art des Denkens passt der Testwagen der Baureihe W 124 in "Rauchsilber" mit elektrischem Schiebedach und abnehmbarer Anhängerkupplung. 1986 hat ihn ein Firmenchef aus dem Mittelstand so zusammengestellt und – was selten der Fall war – die Fünfgangschaltung dazu geordert.
Wie es sich für die mittlere Baureihe gehört, liegen Platzangebot und Fahrleistungen im Mittelfeld.

Dieser Mercedes W 124 ist ein Athlet

Zwischen kraftvollem 190 E und üppigem 260 SE wirkt der 260 E keinesfalls blass und reizarm. Das knubbelig zu schaltende Getriebe reißt es raus. Es verändert den Charakter des Autos derart nachhaltig, dass der 260 E in der Spaßwertung mächtig aufholt!
Während wir im 190 E 2.6 einfach genießen, wie das Drehmoment den Vortrieb bestimmt und der Vierstufenautomat sanft durch die Gangstufen ruckt, lassen wir im 260 E gleich die Hand am Schalthebel und ein Auge auf dem Drehzahlmesser.
Motor und Motorraum des Mercedes 260 E (W 124)
Im Vorderwagen der mittleren Mercedes-Baureihe W 124 hat der Sechszylinder Luft.
Bild: Toni Bader
Zu Recht, denn der Zweiventil-Reihensechser kann herrlich drehen. Bis 6200/min darf er, bei 5800/min liefert er volle Leistung. Dabei klingt er entspannt, leicht kernig. So fühlt sich der gesittete Mercedes ganz stark nach BMW an!
Begehrter noch als die Limousine ist das Coupé C 124. Hier haben wir ein spannendes Exemplar gefunden.
Kurz gesagt: Die Kombination aus Sechszylinder und Fünfgangschaltung sorgt für ungeahnten Fahrspaß im ansonsten gesitteten Mercedes 260 E. Der punktet nebenbei mit gutem Platzangebot und hoher Alltagstauglichkeit.

Mercedes 260 SE (W 126): sechs Zylinder für den Genuss

Kann die Kombination aus großer S-Klasse und kleinem M-103-Motor überzeugen? Wenn uns der 190 E 2.6 mit seiner sanften Kraft beeindruckt und der 260 E mit Handschaltung durch Drehfreude begeistert, wie will dann der 260 SE punkten?
Mercedes 260 SE
Mercedes 260 SE: kein Auto für enge Kurven. Lack in "Barolorot" bringt Farbe ins Spiel.
Bild: Toni Bader
Er setzt voll auf Komfort. Einsteigen, whoap, Tür schließen, Armlehne runter, es sich bequem machen. Willkommen daheim! Da ist es, das beruhigende S-Klasse-Gefühl lichter Weite und humorloser Fertigungs-Pedanterie.
In der Baureihe W 126 ist es am stärksten. Bei Materialanmutung und Raumangebot beträgt der Abstand zum merklich günstigeren 190er mehr als zwei Fahrzeugklassen. Der weder knappe noch sparsam gemachte 260 E bleibt ebenfalls auf Distanz.

Diese Oberklasse beweist Augenmaß

Dazu passt, wie unauffällig und perfekt der Motor in der S-Klasse seine Rolle spielt. Akustische und mechanische Laufruhe kommen im 260 SE mustergültig zum Tragen. Selbst unter Last murmelt er nur leise und weit entfernt, obwohl eine kurze Übersetzung und hohe Drehzahlen nötig sind, um 1,6 Tonnen S-Klasse auf Tempo zu bringen. 11,4 Sekunden, eineinhalb mehr als der 190 E 2.6, benötigt der 260 SE, um auf 100 km/h zu beschleunigen.
Motor und Motorraum des Mercedes 260 E (W 124)
Im Vorderwagen der mittleren Mercedes-Baureihe W 124 hat der Sechszylinder Luft.
Bild: Toni Bader
Dessen Stärken liegen eher auf der Langstrecke. Das große Gleiten bei Tempo 150 beherrscht der 260 SE mühelos. Der Eindruck, mit dem 260 SE das konstruktiv ältere und altmodischere Auto zu bewegen, bleibt aber hängen. Es ist eben alles deutlich gesetzter hier.
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Als Kombi gab es die 126er-S-Klasse übrigens auch: Hier berichten wir über das Einzelstück.
Kurz gesagt: Auch mit dem kleinen Sechszylinder ist der W 126 eine vollwertige S-Klasse. Ruhe, Komfort und Gelassenheit sind die Stärken des 260 SE. Wem das wichtiger ist als Kraft und Image, der wird hier glücklich.
Die Entdeckung dieses Vergleichs unter verwandten Oldtimern ist das kleine Multitalent M 103: Dem Reihensechszylinder gelingt es, in drei unterschiedlichen Wagenklassen immer genau das Richtige zu tun.
Dem stets etwas spröden Mercedes W 201 verleihen die sechs Zylinder Kraft und Würde, die den 190er über dessen Klasse hinausheben. Das Ergebnis ist ein Kompakt-Mercedes, der sich gleich größer anfühlt; wenn es kein sportlicher Mercedes 190 E 2.3-16 sein muss, ist der 190 E 2.6 genau der Richtige.
Dem W 124, dessen Wesen von Vernunft und Präzision bestimmt ist, schenkt der Sechszylinder M 103 eine sportliche Leichtigkeit, die sich völlig neu anfühlt.
Und aus der Verbindung kleiner Sechszylinder und W 126 erwächst die Erkenntnis, dass eine S-Klasse mehr gar nicht braucht.
Schließlich siegt der 260 E: Er bietet genug Platz und Komfort, ist bezahl- und erreichbar und bereitet dank sechs Zylindern und fünf Gängen Spaß.
Natürlich – am Ende entscheidet beim Mercedes-Kauf der persönliche Geschmack. Wir meinen aber: Ein Sechszylinder ist nie falsch.