Als Deutschland die 70er-Jahre begrüßt, herrscht in der Mittelklasse noch der Muff vergangener Zeiten. Bei VW versuchen sie, die Kundschaft mit dem Käfer-Klon 1600 zu beglücken – immer noch überzeugt, dass die Krone der Schöpfung mit luftgekühltem Heckmotor unterwegs sein muss. Audi hat mit dem 60 zwar einen vergleichsweise modernen Fronttriebler, aber auch der lässt erkennen, dass er, ursprünglich als DKW F 102, unterwegs, schon arg in die Jahre gekommen ist. Und die deutschen Dependancen von Ford und General Motors? Die Kölner kehren nach einem Abenteuer mit dem frontgetriebenen 12M wieder zurück zum Gewohnten, Altbackenen: Antrieb hinten, simple Starrachse. Dazu eine markante Nase, die auf den persönlichen Einfluss des Ford-Managers Semon E. Knudsen, zurückgeht. Auch Opel setzt auf geringen Aufwand und ordentlichen Gewinn, was sich dank gekonnten Designs und guter Qualität prima verkaufen lässt.
Audi 80 GL VW Passat Opel Ascona 1.6 Ford Taunus 1600 GXL
Wie fahren sich Audi 80, Ford Taunus, Opel Ascona und VW Passat als Klassiker? Der Vergleichstest geht der Sache auf den Grund.
Alles beim Alten – bis 1972. Dann kommt der Audi 80, gefolgt von seinem Schrägheck-Schwestermodell VW Passat. Eine Revolution – schon weil das verantwortliche Entwicklungsteam in Ingolstadt das Glück hatte, ein von Grund auf neues Auto konstruieren zu dürfen. Die Bayern beherrschen den modernen Leichtbau, und zwar ohne Zugeständnisse an Qualität und Sicherheit. Der trickreich gezähmte Vorderradantrieb führt im Verbund mit konsequenter Blechdiät zu erfrischend neuer Handlichkeit und Fahrsicherheit. Lauter Voraussetzungen, um die Konkurrenz vom Platz zu pusten. Was dann, wir wissen es heute, doch nicht in so radikaler Form passieren sollte. Ford Taunus und Opel Ascona behalten eine treue Anhängerschaft, die es nicht so mit Umstürzlern hat. Kann denn über Nacht von gestern sein, was sich jahrelang bewährt hat? Na bitte. Doch im heutigen Klassik-Vergleich hat die konservative Partei einen Vorteil: Was schon damals keinen nennenswerten Neuigkeitswert hatte, ist heute womöglich klassischer als die Avantgarde von gestern. Oder?

Autos der 70er: die Deutschen

Audi 80 GL VW Passat Opel Ascona 1.6 Ford Taunus 1600 GXL
Autor Götz Leyrer kennt die Alten seit Langem: "Der Fahreindruck ist genauso wie damals".
Überraschend ist es nicht, was die Abrechnung nach Punkten zeigt. Sie spiegelt exakt wider, was Tester schon zu Jugendzeiten dieser deutschen Mittelklasse-Typen herausfanden. Die beiden Produkte aus dem VW-Konzern, Audi 80 und VW Passat, lassen den Konkurrenten keine Chance. Ihre modernere Konstruktion zahlt sich aus – in bester Raumausnutzung, ausgezeichneten Fahreigenschaften und einem klar überlegenen Fahrkomfort. Dass der Audi seinem technisch weitgehend identischen Schrägheck-Bruder um eine Nasenlänge voraus ist, verdankt er seinem attraktiveren Äußeren – und dem Image-Vorsprung der vier Ringe. Der Sieg der beiden Fronttriebler bedeutet aber beileibe nicht, dass die konventionell konstruierten Ableger der beiden großen US-Konzerne nicht attraktiv wären. Der Ascona macht Fahrfreude, weil er jene kompakte Sportlichkeit zeigt, die vor allem jüngere Oldtimer-Freunde schätzen. Kein Wunder, dass er zu seiner Zeit bei Tunern ein höchst beliebtes Objekt war. Am Taunus vergriffen die sich kaum – dafür war der Capri da. Die Limousine mit der Knudsen-Nase reizte die Kundschaft mit einer beeindruckenden Menge Auto zum attraktiven Preis. Auch das ist bis heute so geblieben.

Fazit

von

Götz Leyrer
Klarer Sieg für Audi 80 und VW Passat: Der deutliche Punktabstand ist ein Beweis dafür, wie souverän die neuen Mittelklasse-Modelle des Volkswagen-Konzerns den bieder konstruierten Konkurrenten der beiden Detroit-Töchter davonfahren konnten. Die US-Ableger wagten den Schritt zum Vorderradantrieb erst Jahre später. Aber wer stört sich bei einem Klassiker schon daran – oder an einer starren Hinterachse?

Von

Götz Leyrer