Mercedes W 123

Pro & Kontra: Auto-Entwicklung in Japan

Müssen wir Japan dankbar sein?

Wenig hat die Autowelt des 20. Jahrhunderts so einschneidend verändert wie der weltweite Siegeszug der japanischen Hersteller. Sollten wir japanischen Autoentwicklern dankbar sein?

"Ohne die Konkurrenz wären Europas Autos teuer, karg und anfällig geblieben"

Ja, bitte: Frank B. Meyer ist froh, dass Toyota & Co die Europäer wachgerüttelt haben.

Es war schon eine Frechheit, was Westeuropas Autoindus­trie Ende der 70er-­Jahre teil­weise anbot. Aus heutiger Sicht liebenswerte Autos, klar – aber damals: rostende, unzuverlässige, karg ausgestattete und teure Ärgernisse. Der VW Passat gammelte kaum weniger als der berüchtigte Skoda 105. Die Zuverlässigkeit der Grana­da-­Wasserpumpe, des Ritmo­-Auspuffs oder des Peugeot­-305-­Keilriemens lassen mich grübeln, wie Europäer es je schafften, fremde Kontinente zu erobern. 1979 half der ADAC mehr als 100.000-­mal bei Autos, die noch keine zwei Jahre alt waren. Ein Basis­-Golf hatte keinen abblendbaren Innenspiegel, kein Verbundglas, keinen Rückfahrscheinwerfer. Selbst Mercedes 450 SEL gab’s auch ohne rechten Außen­spiegel, Drehzahlmesser oder Automatikgurte hinten. Und dann kamen die Japaner.
Sie kamen schon 1967 mit Autos – aber ernst ge­nommen haben die Bosse sie erst, als die Marktanteile stiegen. Als Toyota Corolla und Mitsubishi Colt, Honda Accord und Mazda 626 das Versprechen des VW Käfer einlösten: Sie liefen und liefen und liefen. Noch dazu waren sie modern produziert, günstig und gut ausgestattet. Man darf diese Autos öde fin­den, aber sie haben Geschichte geschrieben: Colt & Co traten Golf & Co in den Hintern. In den 80er-­Jahren berappelten sich die deutschen Hersteller: deutlich bessere Quali­tät, mehr Ausstattung, mehr Innovationen. Ich glaube, die Angst vor Japan hatte daran einen Anteil. Aber was ist mit den Briten, den Franzosen, den Italienern? Deren Autos wurden ja nicht gerade zuverlässiger. Tja: Alle drei Länder hatten den Import japanischer Autos beschränkt. Westdeutschland war nicht abgeschottet. Zum Glück.
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"Funktional und doch banal: Vorsicht vor automobilem Schüttgut"

Nein, danke: Lars Jakumeit hat ein Herz für automobile Verlierertypen.

Warum sucht der Oldtimerfan so oft die Mittel­mäßigkeit als sicheren Hafen? Es wäre doch viel schöner, die Vielfalt des Hobbys zu entdecken! Hundert­tausendfach gebaute automobile Durchschnittsware mag früher Vergleichstests gewonnen und jahrelang die Verkaufscharts angeführt haben. Nur macht sie die pure Alterung in den seltensten Fällen spannender oder erhaltenswerter. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass wir eigentlich eine neue automobilhistorische Kategorie einführen sollten: das "automobile Schüttgut". Dann könnten wir jene funktionalen und zugleich banalen Fahrzeugtypen endlich korrekt verorten, die bereits vor Baubeginn von Ingenieuren tot­ optimiert oder wahlweise von Controllern kaputtgespart wurden und in ihrer Beliebig­keit kaum zu überbieten sind. Dazu gehören Autos wie Toyota Corolla, Ford Mondeo, Mercedes E­-Klasse (W 210) oder VW Passat (Baureihe 35i).
Wo Emotion und Marken-­Identität bis zur Unkenntlich­keit verstümmelt wurden, weil Marketingfachleute meinten, man könne so global eine noch größere Zielgruppe erreichen, wird 30 Jahre später mit einem H­-Kennzeichen keine Autoseele zu retten sein. Schenken wir unsere Aufmerksamkeit lieber den vermeintlichen Fehltrit­ten und Schrulligkeiten, die zwar niemals massentauglich waren, dafür aber unsere Gemüter bereits als Neuwagen bewegten: Alfa 75 und Citroën XM, Volvo 480 oder MG F mögen kaum kalkulierbare Was-­passiert­-dann-­Maschinen sein. Doch gerade ihr überschaubarer Erfolg in Verbindung mit einem durchwachsenen Ruf als Klassiker ist es, was meinen Beschützer­ und Retter-Instinkt weckt. Deshalb sehe ich nicht, wieso wir den Japanern dankbar dafür sein sollten, dass sie der Normierung im Autobau Vorschub geleistet haben. Soweit die Meinung der beiden AUTO BILD KLASSIK-Kollegen. Was meinen Sie? Stimmen Sie ab!

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