Die Alpine A110 ist ein hochkarätiger Sportwagen mit lautem, aber herrlichem Klang und sensationellem Fahrverhalten. Fans können mit ihr glücklich werden – falls sie klein genug sind, um hinters Steuer zu passen.
Bild: C. Bittmann
Stefan Voswinkel
Das passt doch nie. Zwei Meter Redakteur – Porsche-914-erprobt und damit Kummer gewohnt – sollen in einen RenaultAlpine A110 reinpassen? Das geht doch nicht, oder? Es geht, doch nur mit Mühe gelingt es ausgewachsenen Mitteleuropäern, sich hinter das kleine Dreispeichenlenkrad zu klemmen. Die Pedale stehen so eng beieinander, dass jeder Fuß ab Schuhgröße 43 aufwärts fast zwangsläufig Gas und Bremse gleichzeitig betätigt. Die Schalter und Bedienhebel verteilten die Konstrukteure wahllos und scheinbar ohne System übers Armaturenbrett. Okay, allmählich verstehen wir: Die Flunder aus Dieppe ist ein Wettbewerbswagen, der nur eine Straßenzulassung bekam, weil man die zum Rallyefahren halt brauchte. Der Lohn für Renault: 1971 dominierte die Alpine A110 mit Ove Andersson die Rallye-Markenmeisterschaft, zwei Jahre später gewann sie die erste Rallye-WM mit Piloten wie Bernard Darniche und Jean-Pierre Nicolas.
Die Alpine A110 spurtet in weniger als zehn Sekunden von 0 auf 100. 75 PS reichen dafür aus.
Bild: Christian Bittmann
Und so fährt sich die Alpine auch. Kompromisslos, hart, laut. Schon beim Start brüllt der kleine Stoßstangenmotor so zornig, als wolle er seine 1,3 Liter Hubraum und 75 PS Leistung noch mal grundsätzlich infrage stellen. Runder Leerlauf? Ach. Der Gasfuß muss das nervöse Motörchen bei Laune halten. Erst wenn sie fährt, zeigt die alte Diva ihren Charme. Die Herkunft vom Renault 8 – inklusive Pendelachse und weit herausragendem Heckmotor – verleugnet sie. Der extrem negative Sturz an der Hinterachse und die günstige Gewichtsverteilung sichern Kurvengeschwindigkeiten, von denen Fahrer früher 911er nur träumen können – vorausgesetzt, der Alpine-Liebhaber bleibt tapfer auf dem Gas stehen. Dank des kurz gestuften Getriebes schnellt die Tachonadel schnell bis zur 180er-Markierung und weiter. Selbst im fünften Gang dreht der Motor dann in den roten Bereich. Wenn er dreht. Denn ebenso legendär wie die Leistung auf der Straße ist die Ausfallquote von Mechanik und Elektrik. Auch wenn der Testwagen während Messfahrten und Fotoproduktion ganz unprätentiös durchgehalten hat – vielen ihrer Bewunderer hat es die französische Sportlerin im Alltag nicht leicht gemacht. Nicht nur beim Einsteigen.