Die Pagoden sind schon unbezahlbar, nun schießen auch die Preise für den SL-Nachfolger R 107 nach oben. Ein Blick auf das Preisniveau bei der Retro Classics Stuttgart.
Raus aus dem Schatten der Pagode: Mercedes 300 SL (R 107) mit 8000 km auf dem Tacho und einem Preisschild über 140.000 Euro.
Auf der Retro Classics Stuttgart 2016 trat der Mercedes-SL-Roadster vom Typ R 107 endgültig aus dem Schatten der Pagode. Das glamouröse Auto, das in der US-Serie "Dallas" aus den 80ern das Spaßmobil von Bobby Ewing war, erklimmt ein neues Preisniveau: Nur Autos in US-Version kosten noch um 30.000 Euro. Für Roadster mit europäischer Herkunft sind dagegen meist 50.000 Euro fällig, das teuerste wurde zum Preis einer vollrestaurierten Pagode gehandelt, für 140.000 Euro! Natürlich wurde auch bei Pagoden wieder zugelangt: Die teuerste, ein 230 SL von 1963, sollte 250.000 Euro kosten! Mittlerweile fliegen auch die Preise des S-Klassen-Vorgängers W 111 hoch: Ein 71er 280 SE 3.5 war für astronomische 379.500 Euro im Angebot.
911 von günstig bis teuer
Wer viele 911er sehen will, ist in Stuttgart richtig. Hier der allerteuerste für 357.000 Euro.
Messestars in der Stadt mit dem "S" im Kennzeichen waren, wie könnte es anders sein, wieder die 911er. Es gab sie in allen möglichen Baujahren, Farben und Zuständen. Wie es sich für eine Messe gehört, bewegten sich die Preise insgesamt auf hohem Niveau. Die Angebotspalette reichte von moderat für einen 1976er 2.7 S mit Austauschmotor (350.000 km) für 37.500 Euro. Das obere Ende der Fahnenstange markierte ein 911 von 1966, immerhin mit einem Preisschild statt dem Hinweis "auf Anfrage". Der blaue Porsche wurde für stolze 357.000 Euro angeboten! Gefühlt lagen die Preise aber nicht über denen des Vorjahres.
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Kaufberatung Mercedes SL (R 107)
Liebhaberstücke für 10.000 bis 20.000 Euro
Wohltuenderweise war förderte der Rundgang auch viele bezahlbare Oldies zu Tage. Auch Käufer mit einem Budget um die 10.000 Euro konnten in Stuttgart fündig werden. Zum Beispiel in Halle 6: Dort standen Klassiker wie ein Simca 1000 GLS Baujahr 1978 mit 45.000 Kilometern und sehr schöner brauner Innenausstattung für 6900 Euro. Ob orangefarbiger Audi 100 von 1971 für 11.900 oder schilfgrüner BMW 525 (E12) von '77 für 9777 Euro: In den Hallen, im Bosch-Parkhaus und vor allem draußen auf dem Parkplatz war Oldie gucken und Oldie kaufen nicht immer eine teure Angelegenheit. Der Veranstalter freute sich über eine Rekordzahl von 90.000 Besuchern – von denen sich die meisten allerdings mit Stöbern und Fotografieren begnügten.
Des Kaisers letzter Benz
Der Mercedes 500 des letzten deutschen Kaisers faszinierte viele Besucher.
Im Atrium präsentierte das Louwman Museum einzigartige Karossen wie den gepanzerten Mercedes des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II. Dessen Auto Typ Nürburg 500 von 1933 verfügt unter anderem über eine Unterbodenheizung. Mittels einer im Fond angebrachten Konsole konnte der Monarch dem Fahrer Anweisungen geben, ohne mit ihm zu sprechen. Die entsprechenden Befehle ("Links, Rechts, Schnell, Kehrt, Haus, Halt, Langsam") wurden per Knopfdruck auf die Armaturen übertragen.
Den Heckflügel vom Plymouth Superbird überragte der GM Futurliner bei weitem.
Erneut war die Retro Classics ein Paradies für US-Car-Fans. Halle 5 war ganz den Amerikanern gewidmet. Alles überragte (sogar den Mega-Heckflügel des Plymouth Superbird) diesmal der GM Futurliner, ein Showtruck aus den 40er Jahren. Hingucker in Halle 8: ein mit echtem Blattgold überzogener Neoplan-Bus. Überhaupt bot die nach eigenen Angaben größte Oldtimer-Messe Deutschlands vom verrotteten Scheunenfund bis zum Hochglanzklassiker von allem etwas. Kein Wunder also, das die Stimmung gut war und viele Aussteller zufrieden mit der Messe. S hat sich gelohnt.
Kaufberatung Mercedes SL (R 107)
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18 Jahre lang wurde der Mercedes SL R 107 gebaut, technisch nahezu unverändert. Im April 1971 erschien die dritte Auflage des "Super Leicht" (nach 300 SL, 190 SL und Pagode), und als am 26. Juli 1989 das letzte von 237.287 Exemplare vom Band lief, war es quasi schon als Neuwagen ein Youngtimer! Gebrauchtwagenkäufer haben (noch) die Wahl: Soll es ein Young- oder ein Oldtimer sein? Und: Was taugen die?
Bild: Frank Stange / AUTO BILD
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Ab Werk besitzt der R/C 107 massive innere Werte. Sicherheitsfahrgastzelle, verstärkter Scheibenrahmen mit eingeklebter Frontscheibe, Lenkgetriebe hinter der Vorderachse, beste Verarbeitung. Harter Alltagseinsatz blieb ihm oft erspart. Mängel wie Rost, Technikprobleme und verschlissene Interieurs sind meist die Folge unzureichender Wartung und Pflege.
Bild: Frank Stange / AUTO BILD
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Der macht auf der Bühne immer noch eine gute Figur. Sogar auf der Hebebühne: Exakt 3448 Fahrzeuge vom Typ R/C 107 untersuchte der TÜV im Jahr 2017. Über die Hälfte (55,7 Prozent) bestand die HU ohne Mängel, 25,9 Prozent wiesen geringe, 18,3 Prozent erhebliche Mängel auf. Hier kommen ...
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... die größten Schwachstellen. Heckleuchten: Korrodierte Kabel, von eingedrungener Feuchtigkeit in Aquarien verwandelte Heckleuchten und durch Alterung ausgeblichene oder gerissene Heckleuchtengläser sind typische TÜV-Mängel der Baureihe 107.
Bild: Frank Stange / AUTO BILD
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Lenkgelenke: Ausgeschlagene Lenkgelenke verzeichnete der TÜV 2017 bei 1,8 Prozent aller geprüften Mercedes R/C 107. Im Jahr 1976 war dieser Mangel bei 1,5 Prozent aller untersuchten 107er festgestellt worden.
Bild: Frank Stange / AUTO BILD
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Ölverlust: Regelmäßig sind die Differenziale beim Mercedes R/C 107 nicht ganz dicht. Mit einer Quote von 28,7 Prozent war dies bei den 2017 geprüften Autos der mit Abstand häufigste TÜV-Mangel der Baureihe.
Bild: Frank Stange / AUTO BILD
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Lenkungsspiel: Der klassische "Zwei-Finger-breit-Test": Die Rechte bewegt das Lenkrad, die Linke zeigt an, wie es um das Spiel im Lenkgetriebe bestellt ist. Ein typischer Mangel bei vielen klassischen Mercedes-Modellen.
Bild: Frank Stange / AUTO BILD
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Beleuchtung vorn: Aufgrund ihrer Größe bieten Streuscheiben der Frontscheinwerfer viel Angriffsfläche. 1976 lag die Mängelquote bei 4,4 Prozent, 2017 hatte der TÜV bei 6,5 Prozent aller Fahrzeuge Grund zur Beanstandung.
Bild: Frank Stange / AUTO BILD
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Alter oder junger Mercedes SL? Als die Baureihe R 107 ganz frisch war, standen noch neue Pagoden beim Händler. Als sie auslief, stand schon der moderne R 129 bereit. Die Entscheidung ist Geschmackssache. Frühe V8-Modelle spiegeln den Zeitgeist der Oberklasse am besten wider, ein handgeschalteter 280 SL ...
Bild: Jens Mönnich
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... fühlt sich sogar ein bisschen nach Sportroadster an, und die späten Typen haben schon ABS und G-Kat. Irgendwo dazwischen kristallisiert sich der 300 SL (Foto) als Idealbesetzung heraus.
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Erst 1985 gab es das erste (und einzige) größere Facelift, der SL R bekam einen Frontspoiler, 16-Loch-Alus, neue Schalter und neue Motoren. Der Vergleich eines 1971er (rechts) und eines 1986er Modells zeigt: Die beiden Exemplare sehen fast identisch aus.
Bild: Jens Mönnich
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Die Frühzeit tritt als 350 SL mit 3,5-Liter-V8 und 200 PS an. Dieser Vorserienwagen ist das älteste bekannte Exemplar der R-107-Baureihe.
Bild: Jens Mönnich
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Die Spätphase wird durch einen 420 SL mit 4,2-Liter-V8 und 204 Kat-PS vertreten. Als gut ausgestatteter Achtzylinder steht er für die goldene Mitte der SL-Generation im Spitzenjahr 1986.
Bild: Jens Mönnich
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Älter als der zum Vergleich angetretene 350 SL kann ein R 107 gar nicht sein. Am 29. Oktober 1970 wurde der Wagen mit der Chassisnummer 000008 und der Motornummer 000001 "dem Versuch zugeliefert" und anschließend (als Muster für das V8-Modell mit 3499 Kubikzentimetern, 200 PS sowie Vierstufenautomatik) dem TÜV zur Prüfung und Typisierung übergeben.
Bild: Jens Mönnich
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Sowohl die Farbgebung als auch die ziselierten 14-Zoll-Aluräder sprechen die Sprache der siebziger Jahre. Die modernen 15-Zoll-Felgen lassen den 420 SL später stämmiger wirken.
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Ein 420 SL in kühlem Arcticweiß und mit rotem Leder ist ein typisches Kind dieser Zeit, ein Symbol für puren Luxus. 92.443,30 Mark kostete der 420 SL im Jahr 1986. Der SL-Käufer erwartete vom Guten das Beste, gewiss – aber hat jemand mal gefragt, wie der Grundpreis für den kleinen V8 binnen 15 Jahren um 50.000 Mark steigen konnte? Zumal der R 107 da doch schon etwas altmodisch war.
Bild: Jens Mönnich
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Die karge Ausstattung geht nicht mit der Erwartung an einen 350 SL der wohlgenährten Siebziger einher. Das Klaviertasten-Lenkrad wird nur bis Ende 1972 verbaut, die verchromte Schaltkulisse ist noch aus dem Pagoden-SL bekannt.
Bild: Jens Mönnich
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Mercedes lieferte seine mondäne SL-Baureihe auf Wunsch mit MB-Tex aus, auf gut Deutsch: Kunstleder. Das ist original, aber Mittelarmlehne, Kopfstützen und Automatikgurte wurden zugunsten des Nutzwerts nachgerüstet.
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Mit ABS, Alarmanlage, elektrischen Fensterhebern und Außenspiegeln, Tempomat, Mittelarmlehne, Sitzheizung, Colorglas, Zentralverriegelung, Wurzelholz, Mittelarmlehne, Katalysator und weiteren Nettigkeiten ist der 420 SL aufgerüstet bis zum Anschlag.
Bild: Jens Mönnich
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Sieht doch gleich ganz anders aus: festes Leder in Mittelrot, altmodisch gesteppt, dazu reichlich Chrom. Solch ein später R 107 fasziniert durch sein perfektes Finish, wirkt aber trotz seines jugendliches Alters schon ein wenig tantig.
Bild: Jens Mönnich
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Am Fassungsvermögen des Kofferraums ändert sich in 18 Jahren Bauzeit nichts: 260 Liter passen rein, das muss ausreichen. Statt wie früher mit einer nüchternen Gummimatte ist der Kofferraum im 420 SL mit flauschigem Teppich ausgekleidet.
Bild: Jens Mönnich
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Bei Erscheinen der Baureihe R 107 Ende 1971 fungiert der 350 SL als Basismodell. Der V8-Motor vom Typ M 116 darf gern gedreht werden und holt aus 3499 Kubik muntere 200 PS.
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Nach dem 350 kommt der 380, diesen löst der 420 ab. Zum Ende der R-107-Epoche besteht der V8 aus Alu und holt aus 4196 ccm Hubraum 218 PS.
Bild: Jens Mönnich
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Die finale Frage, ob früh oder spät, ob leicht oder super, sie stellt sich beim R 107 nicht. Nur Pagode und R 129 können sie beantworten. Die SL-Generation dazwischen ist seit über 40 Jahren nur eins: die goldene Mitte.
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Der schwächere Bruder: Der Mercedes 280 SL, gebaut von 1974 bis 1985, ist mit 185 PS und DOHC-Sechszylinder überraschend sportlich. Ein handgeschalteter 280 SL fühlt sich sogar ein bisschen nach Sportroadster an.
Bild: Werk
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Als Coupé kam der SL unter dem Namen SLC unverhofft zu sportlichen Ehren. Die gewinnträchtige Nummer hieß 450 SLC 5.0. Heute sind echte SLC 5.0 so rar wie weiße Krähen.
Bild: Werk
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Der späte 300 SL (1985 bis 1989) ersetzte den 280 SL und gilt als ausgereift und harmonisch. Die sechs Zylinder leisten 188 PS.
Bild: Werk
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Der Ultimative: Der 560 SL war von 1985 bis 1989 als Exportmodell mit Maximalhubraum und 242 PS nur im Ausland zu haben.