Wie ein großes Schaukelpferd wippt der VW Jetta um den Nürburgring, schwingt sich locker durch Karussell und Brünnchen, anschließend geht es gemütlich Pflanzgarten und Schwalbenschwanz hinauf. Wer hätte das gedacht. Kennen wir nicht noch (fast) alle den Golf I? Der war doch nicht so ein Weichei – oder? Ein Jetta ist eben anders. Nicht nur hinten, wo er seinen gigantischen Rucksack trägt, der im 520-Liter-Format zum Vollstopfen einlädt. Sondern auch unten, wo die VW-Fahrwerk-Spezialisten die Abstimmung den Lieblingskunden des "Dschetta" anpassten: rüstigen Rentnern. Und die brauchen keine harte Rennsemmel, sondern eine Komfortschaukel mit schaumig gepolsterten, bequemen Sesseln. Dass sich der Volkswagen vor jeder Kurve zwischen Hatzenbach und Galgenkopf tief verneigt, nehmen Jetta-Piloten lächelnd in Kauf.Der Vorderradantrieb zieht ihre Limousine problemlos um alle Radien, die Lenkung erinnert auch ohne Servohilfe nicht gleich an einen Lkw – ein Vorteil des klassischen Leichtbaus. Und noch einer: Der Volkswagen lässt den 70 PS noch genug Luft zum Atmen. Sie bewegen die 880 Kilo Leergewicht locker die 16-Prozent-Steigung zur Hohen Acht hinauf, die vier Zylinder drehen fröhlich im typisch klingelnden Sound bis an den roten Bereich, knapp über 6000 Touren. Dass der Jetta mit dem Opel nicht ganz mithält, liegt im Naturell seines kleineren Hubraums: 1,5 Liter entwickeln eben vor allem bei niedrigen Drehzahlen weniger Kraft als 1,9. Unangenehm lahm wird der Rucksack-Golf jedoch nur, wenn sich der Fahrer den Weg durch das hakelige Getriebe bis in den fünften, den E-Gang, hochgewühlt hat.

Die milden 68er: $(LC594599:Mercedes /8, BMW 2000 und Audi 100 C1)$

VW Jetta
Als Armaturenträger noch "Bretter" waren: viel Hartplastik, wenige Schalter. Im Jetta CL Serie: ein Drehzahlmesser.
Was in der Ebene die Drehzahl nervenschonend auf 2000 Touren bei 100 km/h senkt, entwickelt sich am Hang zur nervtötenden Spaßbremse. Glücklich sein können dagegen die Passagiere der zweiten Reihe. Hier lebt es sich besser als in Ford und Opel. Grund: Die Bank ist einige Zentimeter höher montiert, die Oberschenkel finden eine bessere Auflagefläche. Warum die angedeuteten Kopfstützen so kurz sind, können wir nicht sagen. Vermutlich dachten die VW-Ingenieure, dass hier nur (Enkel-)Kinder sitzen. Die hätten sicher Spaß im Schaukelpferd auf der Nordschleife.

Fazit

von

Andreas Borchmann
Eine klassische Schönheit ist der VW Jetta wirklich nicht. Schmal und hochbeinig, wird er noch heute oft belächelt, schlicht zum Kompakten mit Rucksack abqualifiziert. Warum eigentlich? Im Vergleich zu Ford Taunus und Opel Ascona trägt er die modernere Technik unter dem Blech, federt komfortabler, Fahrer und drei Mitfahrer reisen in ihm bequemer – für einen vierten ist er zu schmal. Allerdings war der Jetta 1981 vergleichsweise teuer, kostete als 1.5 CL mindestens 15.335 D-Mark.

Von

Andreas Borchmann