VW Golf 2 1.8 Fire & Ice

VW Golf 2 1.8 Fire & Ice

— 22.07.2014

Golf für Generationen

Mit dem Golf-Sondermodell "Fire and Ice" trifft VW in den frühen 90ern den Geschmack der Zeit und landet einen Überraschungserfolg. Seine Karriere als Klassiker ist programmiert.

Bevor jemand auf die Idee kommt, sich die DVD zum Auto auf Ebay zu schießen, um sich anschließend zu grämen: Nein, "Feuer, Eis und Dynamit" gehört nicht zu den 90er-Jahre-Streifen, die man unbedingt gesehen haben muss. Und selten wurde Product Placement ungenierter betrieben als in diesem Film von Ex-Skiprofi und Designer Willy Bogner junior.

Mit seinen breiten Kotflügeln und Schwellern sieht der Golf "Fire and Ice" angriffslustig wie ein GTI aus – auch als braver 1.8er mit 90 PS.

Die Kurzfassung geht ungefähr so: Millionär George täuscht seinen Selbstmord vor, um die Zerschlagung seines Firmenimperiums zu verhindern. Wer sein Vermögen einsackt, soll ein dreitägiger Wettkampf entscheiden. Mit am Start: sämtliche Gläubiger, eine schräge Guru-Sekte und Georges uneheliche Kinder. Die vorletzte Prüfung führt die Teams eine Eispiste hinab, in präparierten Golf II. Einer davon kann seine Räder verdrehen und seitwärts fahren, andere haben dafür eine Nebelkanone oder eine Harpune an Bord. Es rumpelt, es kracht. Lawinen, Explosionen, nebenbei Werbebanner von Milka und Chiquita.

Die Ausstattung des Sondermodells

Achtung, nur für charakterlich gefestigte Youngtimerfans: Innen durfte sich Bogner-Chefdesigner Gotthardin Thylmann mit Blau- und Violetttönen austoben.

Pünklich zum Kinostart hat VW ein Auto zum Film am Start. Gestaltet haben es die Gestalter von der Designabteilung für Colour und Trim in Zusammenarbeit mit Willy Bogner, der die Idee eines Sondermodells mit VW-Vorstand Herbert Schuster höchstpersönlich ausheckt. Mit dem Ausstattungscode E3J rollt Golf, der Zweite, in Dark Violet Perleffekt an, Farbcode LC4V, speziell angemischt für den "Fire and Ice". Sein Farbspektrum reicht, je nach Lichteinfall, von Aubergine bis beinahe Schwarz. Zur Ausstattung gehören auch die glanzgedrehten 15-Zoll-"Estoril"-Räder, der Doppelscheinwerfergrill mit dem schwarzen VW-Logo, Wärmeschutzverglasung in Grün, teilweise in Wagenfarbe lackierte Stoßfänger, Radhaus- und Kotflügelverbreiterungen in Schwarz wie beim GTI, seitliche Stoßschutzleisten, weiße Blinker vorn und dunkel getönte Rücklichter. Innen tobt sich Bogner-Chefdesigner Gotthardin Thylmann so richtig aus. Die Stoffbahnen der Sitze in ihren strahlenden Blau- und Violetttönen finden ihren Kontrast in der Schwärze des Cockpits. Drehzahlmesser, Sportlenkrad und Servolenkung gehören zum Serienumfang. Unter der lila Haube des "Fire and Ice" schlagen nur starke Herzen: Los geht’s mit dem 90 PS starken 1,8-Liter-Benziner, nach oben runden die GTI-Motoren mit 107, 129 und 160 PS das Angebot ab. Spritsparer können zum Turbodiesel GTD mit 80 PS greifen. "Wir sind überzeugt, Sie werden Feuer und Flamme sein", dichten die Werbetexter damals.

"Fire and Ice"- Fahrer der ersten Stunde

Doch wer waren die 16.700 Kunden, die einen Grundpreis zwischen 25.650 (Golf "Fire and Ice", 90 PS) und 38.365 Mark (G60) für einen Kompakten im Designer-Look zahlten? Fragen wir mal Christian Eckardt (35) aus Regensburg. Er kauft seinen "Fire and Ice" 1998 mit 18. Er ist sein erstes Auto, und er hat ihn heute noch – den 1,8-Liter-"Fire and Ice" auf diesen Fotos. "Ich fand die Farbe damals total klasse und dass er viel sportlicher aussah als ein normaler Golf", erzählt der VW-Fan. "Hinzu kam der Reiz der deutlich besseren Ausstattung." Heute, nach 211.000 Kilometern, genießt Christian Eckardts VW ein entspanntes zweites Leben als Wochenendauto: "Dass er immer noch da ist, hat sich einfach so ergeben. Dann ist Liebhaberei draus geworden. Der kommt nicht mehr weg."

Technische Daten

Das Mindeste im Bogner-Golf: 1,8-Liter-Vierzylinder mit Bosch-Mono-Jetronic und 90 PS. Darüber rangieren die GTI und der GTD "Fire and Ice".

VW Golf (Typ 19E) 1.8 Fire and Ice: Motor: Reihenvierzylinder, vorn quer • eine oben liegende Nockenwelle, über Zahnriemen angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, elektronische Benzineinspritzung (Bosch Mono-Jetronic) • Hubraum 1781 cmÍ • Leistung 66 kW (90 PS) bei 5250/min • max. Drehmoment 142 Nm bei 3000/min Antrieb/Fahrwerk: Fünfgang-Schaltgetriebe (a. W. Dreistufenautomatik) • Vorderradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an Dreiecksquerlenkern und Federbeinen, hinten Verbundlenkerachse mit Längsschwingen, Schraubenfedern, Teleskopstoßdämpfer und Stabilisatoren rundum • Reifen 185/55 R 15 V Maße: Radstand 2475 mm • L/B/H 3985/1665/1415 mm • Leergewicht 935 kg Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 11,7 s • Spitze 175 km/h • Verbrauch 8,4 l S pro 100 km • Neupreis: 25.650 Mark (1990).

Historie

Die Liste der besonderen Golf II ist lang. Gern erinnern wir uns an zeitgeistige Sondermodelle wie den Golf "Bistro" oder den Golf "Boston". Die eine oder andere Leserin kennt vielleicht sogar noch den Golf "Brigitte", den es bei der gleichnamigen Zeitschrift zu gewinnen gab. Doch längst nicht alle Golf-Sondermodelle sind gepimpte Basis-Schlurren mit ein paar Extras zum Vorzugspreis. Im Herbst seines Lebens treibt der Golf II die buntesten Blüten, nach denen sich Fans heute die Finger lecken. Denken wir an den Golf "Limited", einen nur 71-mal (!) gebauten Understatement-Typ mit G60-Motor und 16V-Zylinderkopf, 210 PS stark und 68 500 Mark teuer. Für das Geld gibt es 1989 auch einen BMW 7er mit Sechszylinder. Der edelste von allen ist jedoch der "Fire and Ice" nach der Idee Willy Bogners, den VW 1990, sechs Jahre nach Markteinführung des Golf II, in die Schauräume der Händler rollt. Er nimmt damals den Look der gleichnamigen Sportswear-Linie von Bogner vorweg und spricht eine auf Sport und Lifestyle fixierte Kundschaft an. Als Youngtimer ebenfalls mit Potenzial: der kultige Vor-SUV Golf Country.

Plus/Minus

Die Uhr ist 5 vor 12! So günstig wie jetzt wird dieser Traum vom gebognerten Golf mit Sicherheit nicht mehr lange bleiben.

Der "Fire and Ice" ragt aus der Masse der Golf-II-Sondermodelle heraus, da er (wie das Golf I Cabrio von Etienne Aigner) ein echtes Designerstück ist und nicht bloß ein aufgebrezeltes Grundmodell wie der "Pasadena" oder der "Manhattan". Für viele Kinder der 90er geht im "Fire and Ice" ein Jugendtraum in Erfüllung, auch ohne "Rhythm Is a Dancer" von Snap! im Kassettendeck. Und so günstig wie jetzt wird dieser Traum vom gebognerten Golf mit Sicherheit nicht mehr lange bleiben. Interessenten sollten ein Augenmerk auf eventuelle Nachlackierungen werfen, da der originale Perleffektton schwer anzumischen ist. Ansonsten gilt: Wie weit ein 90-PS-Golf seinen Besitzer mit etwas Pflege trägt, zeigt unser Modellauto. Der phänomenal rostresistente zweite Golf (intern 19 E) ist ein echter Dauerläufer.

Ersatzteile

So gut wie alles, was nötig ist, um Motor, Getriebe und Fahrwerk des Golf II gesunden zu lassen, findet sich noch in den Regalen von Volkswagen Classic Parts und bei freien Händlern, meist zu volkstümlichen Kursen. Hier zahlt es sich aus, ein Millionen-Modell zu fahren. Weniger entspannt ist die Lage bei "Fire and Ice"-Spezialteilen. Zierleisten sind inzwischen schwer zu kriegen. Auch der Streifenstoff der Sitze, die "Fire and Ice"-Logos und den pinkfarbenen Golf-Schriftzug hat VW bis jetzt noch nicht neu aufgelegt. Ein Satz Estoril-Räder ohne Schrammen und Klarlackunterwandungen kostet gebraucht zwischen 300 und 400 Euro.

Marktlage

Das Angebot ist reichhaltig, beginnt beim verwitterten Endverbrauchsauto für 650 Euro und endet bei mehr oder minder gepflegten GTI "Fire and Ice" für über 5000 Euro. Im Preis enthalten sind nicht selten ein Gewindefahrwerk und ein heißer Drachen-Airbrush, aber selten die originalen 15-Zoll-Estoril-Räder.

Adressen

Forum: www.fireandice-edition.de Literatur: Dieter Korp: Jetzt helfe ich mir selbst. VW Golf II/Jetta, 272 Seiten, Motorbuch Verlag 1985, 29,90 Euro.

Autor: Lukas Hambrecht

Fotos: T. Klein

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