Der Name zitiert die BMW-Historie – und zwar nicht irgendein Auto, sondern die Baureihe, die der Marke mehr gebracht hat als jede andere!
So kam die "Neue Klasse" von BMW 1962 auf den Markt: mit Rundscheinwerfern und filigraner Niere im Kühlergrill. Dieses Exemplar, ein BMW 1500, ist von 1963.
Bild: Hardy Mutschler / BMW
Mittlerweile ist das längst klar: BMW ist sportlich, die fahrdynamische Alternative unter den besseren Autos. Aber dass das so ist, war keine logische Entwicklung, sondern Ergebnis einer Sprunginnovation. So wie die Entdeckung des Penicillins, die 1945 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Oder 1969 die Mondlandung. Oder das iPhone 2007.
BMW Neue Klasse: ein Strickmuster für Jahrzehnte
Jahrzehnte ist es her, dass BMW seine ganz eigene Apollo 11 vorstellte: die "Neue Klasse". Sie stand im September 1961 auf der IAA und kam ab Sommer 1962 auf die Straße. Als "Rettungswagen" ging sie in die Konzerngeschichte ein und bildete die Blaupause für alle BMW der Folgejahrzehnte.
Mit ihren kleinen Heckleuchten und der schmalen Spur sieht die frühe "Neue Klasse" von BMW fast zaghaft aus.
Bild: Hardy Mutschler / BMW
So fährt sich der Oldtimer namens BMW Neue Klasse
Mit der bayerischen Sprunginnovation rollen wir heute noch einmal durchs Voralpenland. Unser Testwagen: ein BMW 2000, die Zwei-Liter-Variante mit 100 PS, wie BMW sie 1966 nachreichte.
Erst der BMW 2000 bekam die breiten horizontalen Heckleuchten – die schwächeren Varianten behielten die kleinen Leuchten.
Bild: BMW Group Classic/Gudrun Muschalla
Vor ein paar Jahren waren wir hier mit dem gravitätischen Barockengel unterwegs. Satt schlossen die Türen, schwer lag er in der Kurve, und nur Feinsinnige vermochten in der Lenkradschaltung schon BMW-Präzision zu spüren.
Nun schwingt der "Neue" durch die Kurven, und das alles ist weggeblasen wie der Muff von 1000 Jahren. Kein Wunder, es war ja damals alles neu: Fahrzeugklasse, Formgestaltung, Motor, Fahrwerk. Der Innenraum sowieso.
Der Fahrer thront nicht mehr auf einem Sofa, sondern sitzt zentral im Auto vor übersichtlichen Armaturen und hat perfekte Sicht nach draußen. Platz vorn, hinten, im Kofferraum: sehr ordentlich. Glatte Form und wenig Spielereien zahlen sich aus.
Das Cockpit dient streng der Fahrerinformation, nur eine schmale Holzleiste bringt Behaglichkeit. Sitze und Bank sind straff.
Bild: Gudrun Muschalla/BMW
Für diesen Anblick drückten Jungs sich an der Seitenscheibe die Nasen platt: Tacho bis 200 km/h! Kein Drehzahlmesser.
Bild: Gudrun Muschalla/BMW
Vorn arbeitet mit dem BMW-typischen, leicht nasalen Ton der extra für das Auto entworfene, nagelneue Vierzylinder. Ingenieur und Rennfahrer Alexander von Falkenhausen hatte ihn bewusst variabel ausgelegt. Angeblich mit der Entwicklung eines 1,3-Liters beauftragt, konstruierte er gleich einen 1500er und plante Hubräume bis zwei Liter mit. Auf die anfangs 80 PS folgten deshalb im Serienauto schon 1963 bis zu 110, später im 2000 tii gar bis zu 130 PS.
Mehr Power im BMW 2000
Der intern M10 genannte Vierzylinder von Alexander von Falkenhausen war ein laufruhiger, sparsamer, moderner Motor. Er bildete die Basis für den legendären M30-Sechszylinder, leistete als Formel-1-Motor bis zu 1400 PS und blieb von 1961 bis 1988 in Produktion.
Bild: BMW Group Classic/Gudrun Muschalla
Dass wir heute im gehobenen 2000 sitzen: durchaus ein Zugeständnis daran, dass sogar dieser BMW erst mit der Zeit zu sich selbst fand. Das gilt mit Abstrichen auch für das Fahrwerk, denn nachdem das Zweiliter-Triebwerk erst im Coupé 2000 C auf den Markt kam, nahm es auf dem Weg in die Limousine von dort auch die straffere Fahrwerksabstimmung mit. Dazu kamen geänderte Scheinwerfer und Rückleuchten, um den Coupé-Motor nicht in der normalen Limousine zu trivialisieren.
Auch die unten abgekanteten Breitbandscheinwerfer kennzeichnen die 2000er-Modelle. Eine Chromleiste ziert die Vorderkante der Motorhaube.
Bild: Gudrun Muschalla/BMW
Achtung: Straffer heißt hier nicht straff. Fahrer moderner Sportlimousinen müssen erst Vertrauen fassen in den Gedanken, dass dieser BMW ein Urahn ist.
Vor Kurven verneigt er sich, je schneller, desto tiefer. Nicht nur in Bayern waren die Straßen 1962 schließlich oft noch kopfsteingepflastert; Fugen und Wellen schwingt er so souverän weg. Dabei bleibt er bei aller Schräglage neutral und mit dem großen, dünnen Lenkrad gut steuerbar. Die Rückmeldung: erst leicht teigig, aber letztlich präzise. Eine Mischung aus Mercedes Ponton und Porsche 911 – hier schwingt sie durch die Kurven.
Wenige Autos sind so übersichtlich wie die BMW der 1960er-Jahre mit ihren Ponton-Karosserien und den zierlichen Dachsäulen.
Bild: BMW Group Classic/Gudrun Muschalla
Teuer war ein BMW schon damals
Aber natürlich konnte auch BMW nicht zaubern in den Jahren zwischen Leben und Tod, in denen nur mithilfe eines Großinvestors die Kehrtwende gelang und in denen unter anderem eine rationellere Fertigung als beim zu aufwendigen Barockengel überlebenswichtig war. Deshalb wirken Materialien und Details nicht ausgegoren, fehlt dem BMW die Qualitätsanmutung der beiden indirekten Kontrahenten und auch die späteren Konzernmodelle. Teurer als geplant wurde er auch: Statt für 8500 Mark, wie auf der IAA versprochen, stand der 1500 mit 9485 Mark in der Preisliste.
Ordentlich Platz auf der Rücksitzbank, viel Kopffreiheit dank steilen Scheiben und geradem Dach.
Bild: Gudrun Muschalla/BMW
Aber wer will solche Kleinigkeiten einer Rakete übel nehmen? Der Kurs stimmte schließlich: immer in Richtung Sonne, Mond und, genau – Sterne.
Technische Daten und Preis: BMW 2000 "Neue Klasse"
• Motor Reihenvierzylinder vorn längs, oben liegende Nockenwelle, zwei Ventile pro Zylinder, Solex-Fallstromvergaser • Hubraum 1990 cm3 • Leistung 74 kW (100 PS) bei 5500/min • max. Drehmoment 157 Nm bei 3000/min • Beschleunigung 0–100 km/h 13,0 s • Höchstgeschwindigkeit 168 km/h • Antrieb Viergang-Schaltgetriebe, Hinterrad • Länge/Breite/Höhe 4500/1710/1450 mm • Verbrauch 13,0 Liter Normal/100 km • Gewicht 1150 kg • Neupreis (1966) 11.475 Mark
Alte Namen für neue Autos zu recyceln: Darauf liegt nicht immer ein Segen. Manchmal geht es sogar in die Hose, wie bei den neuen DS-Modellen aus dem Hause Citroën oder beim Ford Mustang Mach-E.
Und jetzt bei BMW? "Neue Klasse" klingt als Sammelbezeichnung für Autos verschiedener Fahrzeugklassen erst mal unlogisch.
Die neuen Neue-Klasse-Modelle von BMW dürften Technik, Anspruch und Erfolg von BMW nicht dermaßen umkrempeln wie einst das Original.
Doch als Bezeichnung für Autos, die Elektroantrieb und die gute alte "Freude am Fahren" versöhnen sollen, finde ich den Namen schon angemessen.