Eine alte Garage in Olbernhau im Erzgebirge. Hinter den hölzernen Türen: Spinnweben, trockenes Laub, zwei Schneeschieber, ein Besen, ein Kompressor. Und ein Skoda Favorit. Scheint unspektakulär.

Skoda Eltra: Fundstück mit Geschichte

Blei-Säure-Akkus unter der Motorhaube des Skoda Eltra
Von den 14 Batterien (13 mit 6 Volt, eine mit 12 Volt) drängeln sich 6 unter der Motorhaube.
Bild: privat
Ist es aber nicht. Auf der Seite des weißen Skoda steht "City Elektrocar" – und unter der Motorhaube drängeln sich sechs Bleibatterien. Insgesamt stecken 14 Stück in dem Kleinwagen. Das ist keine Bastelarbeit eines einsamen Tüftlers – das ist Skodas erster Elektro-Pkw, der in Serie gebaut wurde!
Elektroauto Skoda Eltra auf Anhänger schräg von hinten
Dieser Eltra basiert auf der Limousine Skoda Favorit; es gab ihn auch als Pick-up.
Bild: privat
Die Geschichte beginnt in der Schweiz, führt zum ersten Elektro-Pick-up der Welt und zur Frage, ob davon 10, 100 oder 1100 Exemplare produziert wurden. Das können wir hier höchstwahrscheinlich klären.

Skodas Elektro-Fahrzeuge

Laurin & Klement hatte 1908 einen seriellen Hybrid gebaut, in den 30er-Jahren gab's elektrische Skoda-Bierlaster (in der Bierstadt Pilsen), 1941 das elektrische Kinderauto Puck – aber einen Pkw als E-Auto in Serie, das hatte Skoda noch nie produziert. Und hatte es zur Wendezeit eigentlich auch nicht vor.

Der Elektropionier aus dem Wohnzimmer

Der Tscheche Jaromír Vegr aber schon. Anfang der 80er-Jahre rüstete er die Seifenkisten seiner Kinder mit E-Motoren aus. Später konstruierte er Nacht für Nacht im Wohnzimmer einen Rennwagen mit E-Antrieb. "Nur für den Alu-Rahmen musste ich warten, bis der einzige Schweißer, der Aluminium schweißen konnte, nüchtern war, was während der Arbeitszeit nicht so oft vorkam." Acht Blei-Säure-Akkus und zwei 25-kW-Motoren trieben das Einzelstück an.
zwei Prospekt-Titelseiten: Skoda Eltra Limousine und Eltra Pick-up
Prospekte für Eltra Limousine und Pick-up (mit 45 kg schwerem Häuschen). Der Stil wurde schnell professioneller.
Bild: Skoda
1989, kurz vor der Revolution in der ČSSR, konnte Jaromír Vegr mit diesem Auto in Emmen in der Schweiz an einem E-Auto-Rennen teilnehmen – und gewann die Klasse der Autos zwischen 500 und 750 Kilogramm.

Ein Schweizer legt den Schalter um

Der Schweizer Geschäftsmann Bruno Fridez war begeistert. Er wollte schon tausend Skoda Favorit ohne Motoren bestellen, sie umrüsten lassen und in der Schweiz als E-Autos verkaufen. Wahrscheinlich auf seine Initiative entstand die Studie Skoda Shortcut: ein Favorit als Zweisitzer mit verkürzter Karosserie und 15,5 kW schwachem Elektromotor.
Der volkseigene Betrieb AZNP, zu dem Skoda gehörte, kämpfte aber gerade um seine Existenz und hatte für solche Kleinserien keine Aufmerksamkeit übrig. All das berichten mehrere tschechische Auto-Websites.
Nach der Wende klappte es dann doch noch: Ein Werk von Skoda Pilsen (Plzeň) mit Sitz in Ejpovice am Stadtrand von Pilsen kaufte Autos aus Mladá Boleslav und baute sie zu E-Autos um, schreibt uns Lukas Nachtmann, Archivar des Skoda-Museums.
Prospekt-Doppelseite: Skoda Eltra Pick-up
In einem Eltra-Prospekt dichtete der Anbieter: "Ökologisches Denken ist weltweit zu einem Modetrend geworden. Vielleicht sogar der einzig wirklich sinnvolle."
Bild: Skoda

Vom Skoda Favorit zum Skoda Eltra

Die Ingenieure in Ejpovice rüsteten den Favorit mit E-Motoren aus, die gerade erst an der Technischen Universität in Brünn (VVÚEST Brno) entwickelt worden waren, die elektronische Steuerung kam von Škoda Stříbro aus Mies bei Pilsen. Am 17. Mai 1991 fiel der offizielle Startschuss für die Kooperation.
Sie bauten Motor, Kraftstoffversorgung, Kühlsystem und Auspuff aus – der Heizkreislauf blieb drin. Dann montierten sie E-Motor, Ladegerät, passten die Bordelektrik an und installierten eine Vakuumpumpe für den Bremskraftverstärker. Die 14 Akkus fanden teils unter der vorderen Haube, teils unter Rücksitzbank und Kofferraumboden Platz. Auf Wunsch gab es statt der elektrischen Heizung eine, die mit Benzin, Diesel oder Gas betrieben wurde.
zwei Prospekt-Titelseiten: Skoda Favorit 135S Elektro und Skoda Pick-up 135LS Elektro
Eltra und Elmo wurden mal unter den schlichten Namen Favorit 135S Elektro und Pick-up 135LS Elektro vermarktet, mal als "Elektromobil Škoda", "ŠKODA ELECTRO car", "ŠkodaElectra" oder "Auto ŠKODA Eltra 151".
Bild: Skoda
Nur: Warum ließen sie das schwere Schaltgetriebe drin? Die Antwort: Der Elektromotor namens VUES MTH 100L/K dreht nur in eine Richtung, ein Umkehren der Richtung zum Rückwärtsfahren war nicht vorgesehen. Also braucht man einen Rückwärtsgang. Vorwärts fährt man einfach immer im vierten Gang.
Die Limousine wurde Eltra 151L genannt, der Pick-up Eltra 151L Pick-up. Die Rechtslenker-Pick-ups hießen Elmo – heute der Spitzname von E-Auto-Fabrikant Elon Musk.

E-Technik in den Kinderschuhen

Skoda Eltra Limousine im Skoda-Werksmuseum in Mlada Boleslav
Skoda selbst hat eine Eltra-Limousine im Werksmuseum in Mladá Boleslav.
Bild: Skoda
Für alle, die sich fragen, warum Autohersteller nicht schon seit Jahrzehnten massenhaft Elektroautos produzieren: Das Gesamtgewicht der Akkus im Eltra wird mit etwa 420 Kilogramm angegeben, damit schafft das Auto 80 km/h Spitze. Bei einem Verbrauch um die 20 bis 25 kWh/100 km schätzte Skoda die Reichweite auf 60 bis 80 Kilometer. Die frühen Autos rekuperieren im Schiebebetrieb nicht, das führte der Hersteller später aber ein. Die leeren Akkus vollzuladen, dauerte laut Hersteller zwölf Stunden.
Skoda Eltra Elektroauto, helelr Deckle über den Akkus im Motorraum
Mit der Abdeckkappe sieht es gleich noch aufgeräumter aus.
Bild: Skoda
Wegen der schweren Akkus sank die Zuladung der Limousine auf 280 kg, die des Pick-up auf 350 kg.

Auf der Suche nach Skoda-Eltra-Kunden

Wer soll so etwas kaufen? In den Prospekten, die die Tschechen nun druckten, priesen sie die Autos an für "medizinische Einrichtungen, auf Flughäfen und überall dort, wo hohe Anforderungen an Geräuscharmut und Luftreinheit gestellt werden". Ob das an Flughäfen der Fall ist, sei dahingestellt. "Darüber hinaus eignet sich die Pick-up-Version des Elektrofahrzeugs beispielsweise als Verteilerfahrzeug im städtischen Raum."
Cockpit des Skoda Eltra, der zu verkaufen ist
Der Innenraum in Pierre Bartholomäus' Skoda Eltra ist gut erhalten.
Bild: privat
Klingt gut. Aber nun gab es ein neues Problem: Inzwischen boten in der Schweiz schon andere Hersteller Elektroautos an. So konnte Bruno Fridez dort wohl nur ein paar Dutzend Eltra und Elmo verkaufen. Aus dieser Not heraus blieben wohl rund 40 Autos in Tschechien, teils im Dienst der Post: Viele gingen nach Großbritannien (sogar als Rechtslenker), ein paar nach Norwegen, Finnland und Kanada – einige auch nach Deutschland.

Wie viele elektrische Skoda Favorit wurden gebaut?

"Wir wissen nicht genau, wie viele Autos entstanden sind", schreibt Skoda-Nachtmann an AUTO BILD. Andreas Leue, Klassik-Sprecher bei Skoda Auto Deutschland, fügt hinzu: "Insgesamt wurden mindestens 147 Fahrzeuge produziert", Bestellungen für 210 Stück hätten vorgelegen. Auf einer Website haben wir die Stückzahl 1100 gefunden – "was Unsinn ist", kommentiert Leue.
Warum sind die Zahlen nicht im Archiv von Skoda Auto? Der Hintergrund: Der Maschinenbaukonzern Skoda Plzeň war zwar 1925 bis 1945 die Mutter der Automobilfabrik gewesen; aber mit der Enteignung 1945 wurden Skoda Plzeň und das Skoda-Autowerk getrennt. Nun also schlossen die beiden Firmen von 1991 an mehrere Verträge über die Zusammenarbeit am Elektro-Favorit, dem "gemeinsamen ökologischen Projekt", berichtet uns Skoda-Sprecher Leue.
Ganz so gemeinsam war es 1994 offenbar nicht mehr: Der Autohersteller wollte nicht, dass die Elektro-Umbauten weiter das Skoda-Logo tragen, und Skoda Plzeň in Ejpovice wollte von 1995 an gern ein Elektroauto bauen, das nicht auf einem Serien-Skoda aus Mladá Boleslav basiert, schrieb die tschechische Zeitschrift Ekonom in Ausgabe 11/1994. "Daher hatten die späteren Fahrzeuge im Logo keinen geflügelten Pfeil, sondern ein neu entwickeltes Logo", so Andreas Leue. Von da an heißen sie nur noch Eltra 151.

Dieser Eltra ist zu verkaufen

Instrumente des Skoda Eltra
Der Drehzahlmesser wich einem Amperemeter, die Tankanzeige einem Voltmeter. Das Thermometer zeigt die Temperatur an der Oberfläche des E-Motors an. Der Kilometerzähler zeigt 10.308 km an.
Bild: privat
Einen Skoda Eltra 151, unser weißes Fundstück aus der Garage, kaufte in den 2000er-Jahren der Vater von Pierre Bartholomäus aus Olbernhau.
Nun wollen der Flugzeugelektriker und seine beiden Geschwister den Eltra ihres verstorbenen Vaters verkaufen. 10.308 Kilometer stehen auf dem Zähler, laut Pierre Bartholomäus sind Karosserie und Innenraum in einem sehr guten Zustand. Nur: Die Batterien seien platt, das Auto müsste per Anhänger abgeholt werden. 8000 Euro möchten sie für die Fünftürer-Limousine haben.
Plakette mit Fahrgestellnummer und Achslasten.
Die Plakette zeigt die Achslasten und das zulässige Gesamtgewicht an. Bei der Limousine bleiben nur 280 kg Zuladung.
Bild: privat
Die Fertigung von Eltra und Elmo endete 1993 oder 1994: VW übernahm Skoda (und hatte den Golf 3 Citystromer), der Skoda Felicia löste den Favorit ab, die Nachfrage war homöopathisch.
Heute aber wissen wir: Skoda Elroq und Enyaq haben einen Vorläufer, der nicht vergessen werden sollte.
Wird jemand diesen Skoda Eltra mit moderneren Akkus eine enorme Reichweite ermöglichen? Oder historisch korrekt bleiben und ihn originalgetreu wieder mit Blei-Säure-Akkus ausrüsten, sodass das Auto den Neuanfang der E-Mobilität demonstrieren kann? Ich bin gespannt.