Während der Golf aus den 80ern fast schon ein wenig nackt daherkommt, sieht es beim Horizon ganz anders aus: Der Talbot macht als feine EX-Version mit plüschigen Sitzstoffen und elektrischen Fens­terhebern auf bezahlbaren Luxus. Bremsbelagverschleiß-Anzeige und "Econoscope", eine mit Leuchtdioden arbeitende Ver­brauchsanzeige, sind serienmäßig. Sogar Trip-Computer und Tem­pomat waren beim Talbot früher gegen Aufpreis zu haben! Wer hätte das gedacht?
Talbot Horizon
Die EX-Version gibt sich exklusiv. Elektrische Fensterheber vorn, plüschige Sitzbezüge und ein von innen verstellbarer Außenspiegel sind serienmäßig.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Im Vergleich zum schmal­schultrigen Golf und zarten Ritmo wirkt der Horizon groß gewachsen, aber das Gefühl täuscht. Innen ist nicht mehr Platz als bei VW, Fiat und Co: Vorn sitzt es sich zu hoch, und hinter den voluminösen Vor­dersitzen fehlt es an Knieraum. Dafür ist der Kofferraum richtig groß, und das Umklappen der Rücksitzlehne geht ruckzuck – für praktische Belange hatten französische Autobauer schon immer ein Händchen.
Seinen Größenvorteil bei Hub­raum und Leistung kann der Talbot nicht ausspielen. Der betagte, rau rasselnde 1,5-Liter-Vierzylinder ist haltbar, aber gibt sich markentypisch zäh. Nach 65 PS fühlt er sich weder bei Drehzahl noch Drehmoment an, auch bei der Be­schleunigung ist der Talbot nur durchschnittlich. Seine Stärke ist der Komfort. Die flauschigen, weichen Sessel machen es den Insassen bequem, der Geradeauslauf ist tadellos. Und schon kommt das nächste Aber: die Lenkung. Gefühllos, un­präzise und schwergängig, hat sie was von einem Lastwagen, auch das Rumrühren in der Schaltung macht keine Freude. Mit diesem Hang zu Kompromissen macht sich der Horizon das Leben un­nötig schwer. Trotz des prestige­trächtigen Titels "Auto des Jahres 1979", damals noch als Simca, war er eben vor allem ein Auto für pragmatische Käufer, die lieber über den Preis als den Markennamen kauften.
Talbot Horizon
Der quer montierte 1,5-Liter-Vierzylinder ist, verglichen mit der Konkurrenz, ein echter Hubraumriese. Mehr als 65 PS gibt es trotzdem nicht.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Heute ist der Horizon eine ori­ginelle Randerscheinung und sieht, je länger man draufschaut, auf einmal viel besser aus als da­mals auf dem Lehrerparkplatz. Sympathiepunkte holt er sich schon über den Exotenstatus ab.

Plus/Minus

Der Horizon dürfte zu den meistunterschätzten Typen der jüngeren Autogeschichte gehören. Bis 1987 liefen in Frankreich, Spanien, England und sogar bei Valmet in Finnland etwas über eine Million Autos vom Band. Viel wichtiger aber war die Rolle des Horizon als Chryslers erstem Compact in den USA: Dort wurden von 1979 bis 1989 mehr als 1,42 Millionen Plymouth Horizon und Dodge Omni gebaut, wenn auch mit VW- und Chrysler-Motoren. Sogar eine vom Cobra-Vater Carroll Shelby frisierte, 175 PS starke Omni-Version gab es. Der ähnlich aussehende Talbot Sunbeam Lotus, der 1981 die Rallye-WM ge­wann, hatte mit dem Horizon allerdings fast gar nichts gemein.
Talbot Horizon
Wie die internationale Konkurrenz aus Deutschland, Italien und Japan rollt der Franzose auf Reifen im 13-Zoll-Format.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD
Zu den Vorteilen des Horizon ge­hört die in großen Teilen erprobte Simca-, später auch Peugeot-, bzw. Citroën-Technik aus dem haus­eigenen Konzern-Baukasten des neuen Besitzers. Antriebe, bis hin zum 65 PS starken PSA-Diesel mit 1,9 Litern, wurden munter hin und her getauscht. Auch eine Version mit 1,6-Liter-Benziner und Fünf­ganggetriebe gab es. Gerade die späten Sondermodelle, wie etwa der feine "Sherlock", gel­ten als erste Wahl, weil sorgfältiger hohlraumkonserviert. Rost ist das größte Problem des Horizon. Die vorderen Kotflügel rosten rund um die Blinker und am Übergang zur A-Säule, auch Schweller, Türen und Stoßstangenunterseiten sind ge­fährdet. Ein Schwachpunkt sind die hinteren Radhäuser, die an den Gurtbefestigungen und darunter lie­genden Stoßdämpferdomen massiv rosten – originalen Ersatz gibt es nicht mehr. Die Bremsanlage wurde aus Komponenten mehrerer Her­steller kombiniert, erweist sich aber wie der Rest der Mechanik unauf­fällig und langlebig. Auch die Kunst­stoffe im Innenraum altern unter­schiedlich stark und schnell. Eine aufschlussreiche Kaufberatung findet sich auf der Homepage des Club Simca Deutschland.

Marktlage

Hierzulande ist das Marken-Konglomerat Simca-Matra-Chrysler-Talbot ein Fall für Spezialisten und Liebhaber, niemals Mainstream. Ein kleiner Markt trifft auf eine geringe Nachfrage. Nur drei Horizon werden aktuell angeboten, alles Automatik-Autos. In Frankreich ist die Lage kaum besser, dort spielt sich der kleine Samba in den Vor­dergrund. Die Horizon-Preise sind hüben wie drüben niedrig, liegen im Bereich zwischen 1000 und 2500 Euro. Nur echte Top- Autos dürften die 5000-Euro-Marke knacken.
Talbot Horizon
Die Instrumentierung mit fünf Rundinstrumenten sieht ein bisschen nach Sportwagen aus.
Bild: Christian Bittmann / AUTO BILD

Ersatzteile

Simca/Talbot-Community und Internet sind die ersten Anlauf­stellen für Ersatzteile. Dort finden sich neue Rückleuchtengläser für 30, NOS-Kotflügel und Chromstoß­stangen für jeweils 250 Euro. Das Autohaus Ley in Schwäbisch Hall kann mit Insiderwissen und Ersatz­teilen weiterhelfen, vieles passt auch von verwandten Talbot- bzw. Peugeot-Modellen. Ein Anlasser kostet 117 Euro (www.franzose.de), ein Scheinwerfer bei peugeot-teile.com in der Schweiz 65, ein Radlager 22 und ein Satz Bremsklötze 39 Franken.