Udo Lindenberg und die Autos
Udo zwischen Trabi und Porsche

Am Steuer seines Porsche 911 dichtet Panikrocker Udo Lindenberg neue Songs. Als Ossi ehrenhalber schmückt er sich lieber mit dem Trabant.
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Wenn tiefe Nacht über den Dächern Hamburgs liegt, beamt sich der Udonaut in seine Umlaufbahn. Wer jetzt noch zu Fuß im Stadtviertel St. Georg unterwegs ist, kann an der Tiefgaragenausfahrt des Hotels "Atlantic" vielleicht einen kurzen Blick auf seine Raumkapsel erhaschen. Dann schluckt die Dunkelheit den schwarzen Porsche Turbo.
Am Steuer der Rakete: Udo Lindenberg, Rockkanzler, Panikpräsident, "Atlantic"-Dauergast. Porsche-Fahrer – ohne Panik vorm Trabi.
Fakten über Udo Lindenberg
Geboren | 17. Mai 1946 in Gronau (Westfalen) |
|---|---|
Berufe | Musiker, Maler, Schriftsteller |
Erfolgreichster Song | "Komet" (2023 mit Apache 207) |
Erfolgreichstes Album | "MTV Unplugged – Live aus dem Hotel Atlantic" (2011) |
Welche Autos fährt Udo Lindenberg? | Seit 1973 wechselnde Porsche 911. 1996 bekam er den offenbar letzten Trabant 1.1 Universal. |
Wofür nutzt Lindenberg den Trabant? | U. a. für Promo-Termine, zum Beispiel für die Show "Panik-City" in Hamburg. |
Warum kam 2020 sein Porsche in die Schlagzeilen? | Der Porsche 911 R (Baureihe 991) wurde gestohlen und wiedergefunden. |

1979 waren Autos – wie dieser 1968er Pontiac LeMans oder Tempest Hardtop Coupe – eine beliebte Requisite für Auftritte, selbst wenn die Show "Bio's Bahnhof" hieß. Udo Lindenberg sang auch ...
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... 1985 wieder vor einem Oldtimer, einem Messerschmitt Kabinenroller.
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Udo Lindenberg kaufte 1973 seinen ersten Porsche
1973, als nach den Gigs im "Onkel Pö" die "langen Schecks" eintrafen, kaufte er sich seinen ersten Porsche. Unvergessen, wie die Nachbarn glotzend hinter den Gardinen standen, als der langhaarige Liedermacher Mütterchen Hermine im heimatlichen Gronau zur Spritztour um die Häuser lud. Porsche ist er seither treu geblieben, auch wenn er zwischendurch immer mal "Irritationen mit anderen" hatte.
"Im Porsche 911 bin ich mit mir selbst allein"
Heute ist er 80, und seit vielen Jahren ist sein 911 für Lindenberg vor allem Rückzugsraum, ein rollendes Refugium des Privaten. "Ich lebe auf der Straße, auf der Bühne, im Hotel. Immer ist Action um mich rum", murmelt er und klingt dabei fast melancholisch. "Im Elfer bin ich mit mir selbst allein. Da wird alles ausgeknipst. Kein Kontakt mehr zur Bodenstation, ne. Major-Tom-mäßig und so, weißte."
Wenn Udo spricht, klingt er ein bisschen wie ein Udo-Imitator. Und tatsächlich: Die Grenzen zwischen der Kunstfigur und dem Menschen Lindenberg – längst sind sie verschwommen wie die Lichter der Stadt, die sich im Porsche-Rückspiegel verlieren.

1989 erwischte ein Pressefotograf Udo Lindenberg am Steuer einer Mercedes S-Klasse (W 126) auf dem Gelände der Herzklinik Bad Oeynhausen.
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Fast alle Songs seines Comeback-Albums "Stark wie Zwei" (2008) komponierte der Elder Statesman des Deutschrock in seinem schwarzen Turbo. Ohne Porsche zu sein, kommt für ihn nicht deshalb infrage. "Ist ja jetzt Weltkulturerbe, ne", sagt er und grinst.
Porsche-Wessi, Trabi-Ossi: Udo ist beides
Legendär auf jeden Fall. Wie Udo selbst. Und wie der Trabi. Dreimal deutsches Kulturerbe.
Kaum ein Wessi, Peter Maffay vielleicht eingeschlossen, war vor der Wende in der DDR so beliebt wie Udo Lindenberg. Seine Zeile über Erich Honecker: "… und schließt dich ein aufm Klo und hörst West-Radio" ist wahrscheinlich mehr Ostdeutschen in Erinnerung als das Thälmannlied.
Der Dank dafür, dass er das „Mädchen aus Ostberlin“ besang, SED-Bonzen veralberte und frech für Frieden und Verständigung nuschelte, knatterte ihm lange hinterher. Noch 1996 schenkte ihm die Sachsenring Automobiltechnik GmbH in Zwickau den wohl letztgebauten Trabi.

1996 war die "Last Edition" mit den letzten 444 Trabant 1.1 längst ausgelaufen – Udo Lindenberg bekam den wohl letztgebauten als Ehrentrabi.
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In Udos Musical „Hinterm Horizont“ symbolisiert ein Trabant die DDR.

2000 lieh Audi Lindenberg diesen Audi A8 – im Rahmen des Sponsorings der Volkswagen Sound Foundation, die junge Rock- und Pop-Talente förderte.
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Porsche auffällig, Trabi unauffällig? Heute in Hamburg ist das umgekehrt
Wäre der Trabi zum Texten und Komponieren nicht sogar besser als der Porsche? Man hat ja mehr Zeit darin, weil man später ankommt.

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Andererseits guckt ja heute jeder einem Trabi hinterher und in ihn hinein. Verkehrte Welt: In der DDR hätte jeder neugierig in einen Porsche geschaut – in Hamburg ist er fast eine Tarnkappe, so was sind wie die VW der Gutverdiener. Udo Lindenberg bestätigt: "Der Elfer ist undercover, nicht so protzig wie die Ferrari-Schlitten, ne."
Als "Neugier-Detektiv" bleibt Udo gern inkognito. Schlapphut, Fliegenbrille, schwarzer Elfer. Passt. Ein schrillerer Auftritt würde die Ermittlungen nur stören.
Lindenbergs ruhige Balladen aus dem aufregenden Porsche
Kaum vorstellbar, dass unterm breitkrempigen Hut ruhige Balladen reifen konnten wie das Titellied, während im Heck der Boxer bellt und nur darauf zu warten scheint, dass der Pilot die Zügel schießen lässt, und Texte, die mehr Tiefgang haben als einst die "Andrea Doria".

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Doch im Paralleluniversum des Porsche wird der Geist des Udonauten schwerelos. Im 911 kommt Lindenberg so richtig runter.
Bleifuß Lindenberg, aber immer auf der Hut
Der Rock-Rentner, ein Raser? Manchmal ja, aber kein kopfloser. "Ich heize nur, wo es erlaubt ist und keinem schadet. Immer schön be-Hut-sam", näselt der Turbo-Fan. Wobei er das letzte Wort in Einzelsilben über seine Zunge rollen lässt, um den Bezug zur Kopfbedeckung zu verdeutlichen.
Schnürt Lindenberg in einem seiner "black panther" um die Alster (als wir zuletzt dort waren, parkten in der Garage des "Atlantic" noch ein Cayenne, ein Panamera und ein 991er-Carrera, alle schwarz), behandelt er das Gaspedal stets wie ein rohes Ei. "Die Igel im Gebüsch soll'n sich ja nich' erschrecken, ne?"
Hinter der Stadtgrenze jedoch, wenn die A 23 schnurgerade nordwestwärts Richtung Sylt sticht, wird der rechte Fuß schwerer.
Und spätnachts, wenn die Bahn leer ist, nennt er sich plötzlich "Udolius Turboberg" und reizt die Tachoskala auch mal aus.

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Im Tempo-Tiefflug gründelt er dann in den Untiefen des (Zwischen-)Menschlichen. Während die Digitalziffern im Cockpit flimmern und der Brunftschrei des Boxers die Nachtstille zersägt, steigt er hinunter in die "Katakomben seiner Seele" und schürft in den "Goldminen des Seins".
Im Porsche liegen Taschentücher gegen Angstschweiß
Immer im Handschuhfach: ein Packen Kleenex-Tücher. Um Aschebrösel von den Ledersitzen zu wischen? "Nee, für den Angstschweiß meiner Beifahrer", sagt Lindenberg und lacht. Der Turbo liege zwar wie ein Brett, lässt der Meister wissen. Doch seine Begleiter transpirierten manchmal trotzdem.

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Udo, kreativ im Porsche: Wie muss man sich das vorstellen? 300 auf dem Tacho, Lenkrad zwischen den Knien, in der Linken die Havanna, rechts das Diktaphon für die Genieblitze? Er lacht.
Ohne Eierlikör fährt Udo Lindenberg selbst
Wenn Lindenberg am Steuer sitzt, bleibt der oft weltentrückt wirkende Gesellschaftsphilosoph, der sich ins Mäntelchen des Musikanten hüllt, voll auf dem Boden. Kein Likörchen, keine Kräuterzigaretten. Alles nüchtern, ne.

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Geschätzte 30.000 Kilometer spult Udo jährlich eigenhändig ab – und genießt das Fahrgefühl in ähnlich vollen Zügen wie den schweren Qualm seiner Zigarre. "Nur nach langen Shows, da bin ich platt. Dann lümmel' ich lieber hinten im Panamera rum und lass' die andern fahren, ne."
Früher übernahm Eddy Kante dann das Ruder, Udos langjähriger Bodyguard und ständiger Begleiter. Er gehörte auch zum erlauchten Kreis jener "Komplizen", mit denen Lindenberg im Turbo nachts auf Deutschlands Autobahnen durch die Gegend streunte – "egal wo".
Auch Jan Delay, Helge Schneider oder Inga Humpe waren manchmal mit von der Partie. Als Sekretäre, wenn der selbst ernannte Udonaut "Botschaften aus fernen Sternentälern" empfängt. Irgendwie udoesk.

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Für Lindenberg wäre ein Tempolimit Quatsch
Lindenberg legt Wert auf die Feststellung, ein "ordentlicher Space-Pilot" zu sein. Tempolimits hält er für Quatsch. "Auf zwei Dritteln der Strecken haben wir ja eh schon Geschwindigkeitsbegrenzungen, und wo es geht, muss Heizen auch mal erlaubt sein, ne."
Aber sein Verantwortungsgefühl gibt der Udonaut nicht wie den Schlüssel der Hotelsuite an der Rezeption ab, bevor er seinen Elfer entert. Deshalb wünscht er sich von den Porsche-Ingenieuren auch keinen größeren Aschenbecher, sondern weitere Anstrengungen in Sachen Verbrauchssenkung und Klimaschutz. "Drei Liter für eine Gigantenschleuder" wie den 918, den er vorab Probe fahren durfte, oder den Panamera Hybrid sind klasse. Aber hinterm Horizont geht's weiter.

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"Die Latte liegt hoch, und du musst bei jedem neuen Anlauf noch ein Stückchen weiter drüber, ne." Keine Panik. Porsche und Udo haben das bislang immer geschafft.
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