VW Golf G60: der Golf mit etwas Corrado
Dieser Golf 2 hängt viele Sportwagen ab

Golf kurz vor der Rente? Von wegen: Als G60 zeigt der Golf 2 GTI im Jahr 1990 noch einmal, wie viel Druck, Durchzug und Dynamik in ihm stecken!
Bild: Ronald Sassen
Je oller, je doller! Es ist 1990, der Kerl steht kurz vor der Rente und lässt sich noch mal fit machen, hat einen Termin beim Kardiologen (das Herz!), beim Orthopäden (die Gelenke!), selbst den Chirurgen (die Optik!) konsultiert er. Wie gesagt: je oller, je doller!
Der Kerl, der da 1990 kurz vor der Rente steht, ist der Golf 2 GTI. Und weil er sich da schon 900.000-mal verkauft hat und bis ins Alter jung bleiben will, lässt er sich zum Abschluss eines langen Arbeitslebens noch mal pimpen. 1990 machen die VW-Ärzte einen G60 aus ihm. Damit eifert Herr Golf seinem jungen Kollegen Konrad, Rufname Corrado, nach: Er lässt sich einen G-Lader implantieren – für mehr Punch und gegen das Turbo-, ähm, Laderloch. Die Leute sollen sagen, wenn er nicht mehr da ist: Kollege G. war echt ein heißer Typ!

Achten Sie bitte auch auf den G-Lader zwischen Lichtmaschine und Schlossträger. Das Teil ist Quell der Freude, wenn es läuft. Der Lader fordert regelmäßige Wartung, am besten alle 40.000 km.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Als VW im Februar 1990 den Golf 2 GTI G60 vorstellt, da ist diese Technik schon seit fast eineinhalb Jahren im Corrado tätig, dem Sportcoupé auf Golf-2-Basis. Von da an also auch im Golf – und zwar bis zu dessen Verrentung im Oktober 1991, dann folgt Golf 3.
VW Golf G60: "Under Pressure!"
Je oller, je doller. Sie haben den G60 im Vergleich zum Basis-GTI vorn um 20 und hinten um 10 Millimeter tiefergelegt, ihm teflonbeschichtete Federbeine verpasst und die Dämpferkennlinie angeschärft. Dass der G60 in 8,3 Sekunden von 0 auf 100 flitzt, ist jetzt keine Weltsensation, auch 219 km/h Spitze hauen uns nicht vom Hocker. Das kann der 139-PS-GTI mit 16 Ventilen fast genauso gut: 8,5 Sekunden auf 100 und 208 Sachen Spitze.
Nee, der G60 hat noch andere Qualitäten: Er steht immer unter Druck, er hat immer Punch, er ist derart durchzugsstark, dass der Sprint von 80 auf 120 km/h im fünften Gang in elf Sekunden gelingt. Spurten ohne Runterschalten! Damit ist er gerade mal zwei Zehntel langsamer als ein 315 PS starker BMW M5. Und viel besser als ein 16V (12,9 Sekunden) und GTI (13,1 Sekunden) jener Zeit. Oder um es mit Queen-Frontmann Freddie Mercury im Duett mit David Bowie zu singen: "Under Pressure"!

15-Zoll-Alu war damals der Hit auf dem Golf 2. Der G60 trägt serienmäßig 195/50 R 15 V und somit eine Nummer größer als der Golf GTI 16V in der Basis.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Dieser Druck kann sich ziemlich brachial anfühlen, wenn die Technik in Ordnung ist (der G-Lader verlangt nach penibler Wartung): In der Regel giert der G60 für den größten Spaß nach Drehzahl. Ab 3800/min geht die Luzie ab, dann liegt das maximale Drehmoment von 225 Nm an.
Zum Vergleich: Der 16V bietet 168 Nm bei noch mehr Umdrehungen, nämlich 4600. Da kann Herr G. deutlich mehr, er steht quasi immer unter Strom, als hätte er Bluthochdruck samt hochrotem (Zylinder-)Kopf. Zwischen 2400 und 5800/min liegt das Drehmoment über 200 Nm, also schon bei relativ niedrigen Touren immer über 16V-Niveau.
Der Vorteil des G-Laders
Dabei hat der mechanisch angetriebene G-Lader bei seiner Einführung einen entscheidenden Vorteil gegenüber Abgasturbos: vollen Ladedruck bei niedrigen Drehzahlen. Nach einer halben Gedenksekunde stehen 80 Prozent des maximalen Ladedrucks bereit, nach einer Sekunde liefert er den vollen Punch.
Der G60 kann also beides: bummeln im fünften Gang und dann ab 4500 Touren noch mal zuschlagen wie Mike Tyson in der zehnten Runde. Kein Wunder, dass die GTI-Jünger damals steilgehen und die VW-Rechenkünstler breit grinsend horrend hohe Zahlen in die Preisliste eintippen.
Fast doppelt so teuer wie der Basis-Golf
Bevor wir uns der Optik widmen, werfen wir deshalb einen Blick in alte Unterlagen. Grundpreis für den Basis-Golf mit 55 Pferdchen drei Monate nach dem Mauerfall: 18.145 Mark, also West. Und der 160-PS-Golf? 35.650 DM, fast doppelt so viel wie der Einstieg. Autsch!

Vierspeichen-Lederlenkrad, Golfball: So sieht Sportlichkeit im G60 aus. Für den guten Sound sorgt das Radio "Gamma" mit Autoreverse für 995 Mark.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Das waren 7920 Mark mehr als für den Normalo-GTI mit 107 PS und immer noch 5440 Mark über dem GTI 16V mit 129 PS.
Breite Backen und BBS-Räder
Was es fürs Geld gab? Neben einem Schlag in die Magengrube beim Tritt aufs Gas auch was fürs Auge beim Blick aufs Auto. Die 15 Zoll großen BBS-Speichenräder sind zwar nicht mehrteilig ausgeführt wie bei den späten Sondermodellen "Edition One" oder "Wolfsburg Edition", aber immerhin 195/50 VR 15 – für Fans damals das Maß der Dinge.
Jetzt mal ganz ehrlich, Freunde der Tanzmusik: Reifen in dieser Größe schraubten wir uns gern mit ATS-Cup-Felgen an unsere Gölfe oder Kadett. Der G60 hat aber auch die passenden Radlaufverbreiterungen dazu, hat mehr Muckis als ein handelsüblicher 16V (Breite 1700 mm zu 1680 mm). Und er braucht die voluminöseren Gummis, um die Kraft auf die Straße zu bringen.
Mehr Gentleman als Krawallmacher
Aber so richtig krawallig will er dabei gar nicht sein. Wir wollen den G60 nun mal nicht überhöhen: Er klingt nicht halbwegs so stark wie der Polo-Giftzwerg G40, er steht (fast) genauso unauffällig vor Edeka wie jeder andere Golf.

Tacho bis 260, damit man beim Reingucken schon spürt, was der G60 draufhat. 219 km/h schafft er immerhin.
Bild: Sven Krieger / AUTO BILD
Wir wollen auch nicht unhöflich sein, aber der hellgraue Stoff mit den hellblauen Streifen aus dem 1990er-G60-Prospekt riecht nach Wolfsburger Barock. Damit kannste vielleicht die Küchenbank bespannen, aber doch keinen Sport-Golf!
Unser Testwagen hat Leder für 2095 Mark, was die Sache auch nicht besser macht, denn in schnellen Kurven rutschst du herum wie 'ne Kiste Cola im Kofferraum.
Verbuchen wir es unter Understatement und feiern den G-Golf für die roten Embleme mit G60-Logo, für die Verbreiterungen, den klitzekleinen Dachkantenspoiler, die dezente Tieferlegung, die 15-Zöller. Und den Tacho bis 260 km/h, der uns sagen will: Hey, da geht was!
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