Sie lieben altes Blech? Dann können Sie weiterklicken. Denn dieser Test handelt von Sportwagen, deren Erbauer sich einen Traum erfüllen wollten. Einen Traum, für den Blechpressen viel zu teuer gewesen wären. Also musste Plastik her, um ihm eine Form zu geben. Herausgekommen sind Sportwagen von außergewöhnlichem Charakter – jeder auf seine sehr spezielle Art. Keiner von ihnen war ein Markterfolg, alle flirteten sie mit Individualisten, die möglichst auch leidensfähig sein mussten. Sie sind exklusiver als die meisten Ferrari. Ein bisschen vom Glanz der großen weiten Welt fährt auch bei diesen Autos immer mit – für vergleichsweise kleines Geld. Die Deutschen Fiberfab, Melkus und Thurner basieren auf beherrschbarer Technik von VW, Wartburg und NSU. Die drei Franzosen mixen fröhlich Teile von Renault und anderen Herstellern durcheinander. Der Preis für ihren eigenen Charme ist die stets präsente Sorge, die construction à la française könnte versagen. Allen Kunststoffkarosserien ist gemein: Sie sind federleicht – schon mit wenig mehr als 70 PS ist so ein Auto schnell, und der Fahrer fühlt sich noch schneller. So reift die Erkenntnis: Es muss nicht immer altes Blech sein. Altes Plastikspielzeug tut es auch.
Renault Alpine A110
Die teure Alpine ist ein hochkarätiger Sportwagen mit lautem, aber herrlichem Klang.
Gar nicht so einfach, diese sechs Sportwagen zusammenzubekommen. Trotzdem hat AUTO BILD Klassik es geschafft – und sie gleich durch die Mühle gedreht. Auf unserem abgesperrten Testgelände in der Nähe von Flensburg mussten alle sechs beschleunigen, bremsen, Ausweichtests fahren; im Umland gingen sie auf Verbrauchsfahrt. Ungewöhnlich: Alle Testwagen haben diese Tortur ohne Probleme durchgehalten. Flunder gibt es immer wieder, die Punktewertung zeigt es deutlich: Der schräge Matra gewinnt nicht, weil er solide Ford-Technik unter der skurrilen Plastik-Karosserie trägt. Sondern trotzdem. Denn wenn man dem 530 etwas vorwerfen will, ist es der freudlose V4 aus dem Großserien-Regal. Der Motor lärmt und säuft, dafür entzückt das leichtfüßige, mittelmotortypische Handling des Matra. Noch mehr leidet der Fiberfab unter seiner bürgerlichen Technik. 50 Käfer-PS sind selbst für das leichte Kit-Car eine Nummer zu mau, doch die fein gezeichnete und pieksauber verarbeitete Kunststoffkarosserie beeindruckt bis heute. Es soll Bonito mit weit über 100 PS geben, doch das ist eine ganz andere Geschichte.

Im Namen des Volkes: VW-Coupés im Klassik-Test

Plastik-Spielzeug
Ein Matra als Testsieger, kommt auch nicht alle Tage vor. Der 530 SX hat in keiner Disziplin herausragende Stärken, fährt aber am ausgewogensten.
Und natürlich dürfen wir am Ende nicht vergessen, dass es dieses Designerstück nie ohne die Millionen von Käfern gegeben hätte, die den Eigenbauer-Traum erst möglich machten. Das Glanzstück des Thurner ist sein getunter NSU-Motor, der hohe Leistung und gleichzeitig ordentlich Drehmoment bietet. So gibt sich der Flügeltürer auch mit zivilen Drehzahlen zufrieden. Bemerkenswert ist die hohe Verarbeitungsqualität der in Handarbeit gefertigten Kunststoffkarosserie. Der Melkus leidet vor allem unter seiner rustikalen Zweitakt-Technik. Auch wenn sein Schöpfer Heinz Melkus aus dem, was er in der DDR zur Verfügung hatte, das Allerbeste gemacht hat. Dass die zeitlose Form der Alpine viele Liebhaber findet, ist kein Wunder. Aber Vorsicht, Spontankäufer: Kaum ein Teutone passt hinters Steuer. Dazu kommen funktionale Mängel und die flaue Qualität. Der Matra Bonnet Djet ist ein vergessener Revoluzzer, aber viel zu kompromisslos, um seinen Markenbruder zu überrunden. Dafür bekommt sein Fahrer einen waschechten, fein ausbalancierten Sportwagen. Welchen also nehmen? Den bequemen Bonito für den Alltag. Und den hübschen, harten Djet für die Ausfahrt am Wochenende.

Fazit

von

Stefan Voswinkel
Ein Matra als Testsieger, kommt auch nicht alle Tage vor. Er hat in keiner Disziplin herausragende Stärken, fährt aber am ausgewogensten. Auch der Fiberfab kann mit seinem ausgeglichenen Charakter überzeugen, krankt aber am lahmen VW-Motor. Djet, Alpine und Melkus sind für längere Törns kaum zu gebrauchen – für Fans aber umso begehrenswerter.

Von

Stefan Voswinkel