Extreme Zwölfzylinder im Test

Lamborghini Murciélago Roadster – Rolls-Royce Phantom Lamborghini Murciélago Roadster – Rolls-Royce Phantom

Extreme Zwölfzylinder im Vergleich

— 14.05.2006

Flattermänner

Ein wahrhaft unvergleichlicher Vergleich der wohl außergewöhnlichsten Alternativen, mit zwölf Zylindern unterwegs zu sein: Rolls-Royce Phantom und Lamborghini Murciélago Roadster. Da ist selbst fliegen nicht mehr schöner.

Brutaler Macho gegen englischen Lord

Es ist dieses Punker-Pärchen, das uns schon die ganze Zeit nervös macht. Schleicht mit ihrem Köter um die beiden Wagen herum, als gäbe es sonst nichts Besseres zu tun. Scheinbar nur darauf bedacht, in einem unbeobachteten Augenblick ihre Initialen mit dem Schlüsselbund in den Lack zu ritzen. Doch was passiert? "Schatz, mach doch mal ein Foto von mir vor dem Rolls-Royce", haucht der Typ seiner Süßen ins Ohr. Aha! Punker sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Freitag nachmittag auf der Reeperbahn in Hamburg. Dort befindet sich nicht nur die sündigste Meile der Welt, sondern auch die berühmteste Esso-Tankstelle Deutschlands. Anlaufstelle für Szenegänger und Milieugestalten. Normalerweise herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, bloß ... gehen will im Moment niemand. Im Gegenteil, die Menschenmenge wird immer größer. Und das nur wegen zweier Autos, die hier frisch gewaschen zum Abholen bereitstehen: Lamborghini Murciélago Roadster und Rolls-Royce Phantom. Beide so teuer, daß Geld beim Kauf besser keine Rolle spielen sollte, beide so unauffällig wie ein Ufo und mit je zwölf Zylindern unter der Haube. Soviel zu den Gemeinsamkeiten.

Ansonsten passen die beiden zueinander wie Himmel und Hölle, Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder St. Pauli und HSV. In jedem Fall aber zählen sie zum Extremsten, was derzeit über unsere Straßen rollt. Auf der einen Seite der brutale Macho mit dem Kampfstier im Wappen: laut, roh und radikal. Ein kompromißloser Supersportler, 580 PS stark und ohne Stoffmütze 320 km/h schnell. Auf der anderen Seite ein britischer Lord. Mächtig, prächtig und erhaben, aber fernab jenes plumpen Pomps, wie er etwa einem Maybach anhaftet. Mit einem von BMW entwickelten, 460 PS starken 6,75-Liter-V12, der dem Mythos alle Ehre macht.

Der eine brüllt, der andere schweigt

Drinnen hören Passagiere wirklich nur das Ticken der Uhr. So passiert es nicht nur einmal, daß man im Leerlauf versehentlich den Start-Stopp-Knopf drückt und den bereits laufenden Motor wieder abwürgt. Im Murciélago (zu deutsch Fledermaus; hier allerdings ist ein berühmter Kampfstier aus dem Jahr 1879 gemeint) würde das nie passieren. Einmal gestartet, melden sich die zwölf Töpfe in der Reihenfolge 1-7-4-10-2-8-6-12-3-9-5-11 heiser sirrend zum Arbeitsbeginn. Eindringlich zwar, aber überraschend gleichmäßig und keineswegs mit dumpfem Gebrüll, wie zunächst vermutet.

Die Kupplung verlangt stramme Waden, doch dann gleitet der polierte Metallknauf wie ein Seziermesser durch die Schaltkulisse. Vorbei an staunenden Gesichtern flieht der Lambo mit unterdrücktem Röhren aus der Stadt. Im Elbtunnel beginnt der Ohrenschmaus. Zweiter Gang, ein beherzter Tritt – und die Drehzahlnadel schießt in Richtung des roten Bereichs, der bei 7600/ min beginnt. Dann wird es laut. Richtig laut. Wie zwei Stierhörner ragen die monströsen Auspuffrohre aus dem Heck und hinterlassen einen Sound, der mit nichts zu vergleichen ist. Zurück bleibt das ungute Gefühl, daß hinter einem gleich der ganze Tunnel zusammenkracht.

Übertroffen wird der Adrenalin-Flash nur bei Highspeed-Fahrten auf der leeren Autobahn. Oberhalb von 270 vermischen sich Motorklang und Windgeräusche zu Orkanlautstärke, selbst bei vollaufgedrehter Anlage klingt dagegen der "Highway to Hell" von AC/DC wie ein Gutenachtlied. Die Beschleunigung ist denn auch immens: null auf 100 km/h in vier Sekunden, danach zügig weiter bis Tacho 330 km/h. Noch mehr beeindruckt die stoische Ruhe, mit der der 113 Zentimeter flache Murciélago auf der Straße liegt. Wer wollte, könnte rein theoretisch bei 300 auch mit einer Hand steuern, so gelassen reagiert die grandiose – aber im Stadtverkehr schwergängige – Lenkung auf kleine Fahrbahnunebenheiten.

Dicke Ledersessel, flauschiger Flokati

Im puristischen Cockpit steckt kein Schalter zuviel. Nichts lenkt den Fahrer ab – was zählt, sind Lenkrad und Schaltkulisse, Drehzahlmesser und Tacho. Trotzdem gleicht die Fahrt im Murciélago einem Shoppingtrip im Schlußverkauf: Selten fällt der Puls unter 150/min, ständig steht der Fahrer unter Strom, wirkt der röhrende 48-Ventiler wie ein zusätzlicher Herzschrittmacher. Erst nach dem Abschalten des Motors entweicht die Anspannung – und eine beinahe buddhistische Stille veranlaßt den Piloten zur Meditation über das soeben Erlebte.

Im Rolls-Royce kann man das bei Bedarf permanent tun. Hektik und Streß sind dem noblen Briten völlig fremd. Wohltuend wenig Knöpfe, eine Lenkradautomatik mit den vier Programmen P-R-N-D. Dicke Ledersessel, flauschiger Lammwollflokati (selbst der Kofferraum ist mit Schurwolle ausgekleidet, damit die Golfbags keine Kratzer bekommen!), geschmeidige Walnußholz-Armaturen, verspiegelte Bordbar – all das riecht eher nach Salon als nach Cockpit. Dazu Türen, die vorn per Hand und hinten standesgemäß elektrisch ins Schloß fallen.

Hat man dann hinter dem dünnen Lenkrad Platz genommen, fühlt man sich ähnlich sicher verpackt wie im Tresor der Bank von England. Zugegeben: ein großer Panzerschrank von 5,83 Meter Länge und 2,7 Tonnen Gewicht, der sich aber überraschend spielerisch durch die Hamburger City dirigieren (einen Rolls lenkt man nicht!) läßt. Der Grund: Die riesige Motorhaube hat man stets formatfüllend im Blickfeld. Trotz 240 Spitze und gemessenen 6,7 Sekunden auf Tempo 100 ist man mit dem noblen Briten anders als im Lambo nie zu schnell unterwegs, im Gegenteil: Oft entlarvt der Blick auf den Tacho, daß man statt erlaubter 50 nur mit 40 km/h durch die Gegend gleitet.

Technische Daten, Fahrleistungen, Preise

Ein Blick in den Rückspiegel zeigt dann nicht selten, daß dem Phantom – wie durch ein imaginäres Absperrgitter getrennt – eine Blechkarawane in respektvollem Abstand folgt. Selbstverständlich ohne zu überholen, geschweige denn zu hupen. Apropos: Auch wenn es bei Autos dieser Kategorie schwerfällt, Kritik zu üben – und ein Rolls-Royce-Chauffeur sowieso nie hupt: Die Hupe quiekt so freundlich und hell wie im Mini. Wir hätten eher ein markerschütterndes Signalhorn wie bei der Queen Mary 2 erwartet.

Das Verrückte am Phantom? Man gewöhnt sich an ihn. Nach zwei Tagen ist die anfangs übergroße Ehrfurcht verflogen – und die Größe schockt auch nicht mehr. Nicht umsonst betont RR-Sprecher Jon Stanley, "daß der Phantom der fahraktivste aller Rolls-Royce ist und häufig vom Eigner selbst gefahren wird". Wo der Phantom auftaucht, ist ihm freundliche Aufmerksamkeit gewiß – was übrigens auch für den offenen Murciélago gilt. Neid? Mißgunst? Fehlanzeige bei diesen automobilen Megastars. Egal ob vor der Oper oder nachts mit vollaufgedrehten Bässen auf dem Kiez, unzählige Daumen werden hochgereckt, begeisterte Kids zücken ihre Fotohandys. Sogar die Luden nicken anerkennend. Bloß davor fotografieren lassen sie sich nicht.

Technische Daten Rolls-Royce Phantom: V12, 48 Ventile • Hubraum 6749 cm³ • Leistung 338 kW (460 PS) bei 5350/min • max. Drehmoment 720 Nm bei 3500/min • Hinterradantrieb • Sechsstufenautomatik • Zweikolben-Schwimmsattelbremse (374 mm Scheiben vorn) • Michelin PAX 265/790R540 rundum • Länge/Breite/Höhe 5834/1990/ 1632 mm • Tank 100 l • Leergewicht 2730 kg• Leistungsgewicht 5,9 kg/PS • Innengeräusch (bei 100 km/h) 59 dB (A) • Bremsweg aus 100 km/h (kalt/warm) 37,4/37,7 m • Beschleunigung 0–100/200 km/h in 6,7/24,4 s • Höchstgeschwindigkeit 240 km/h • Preis: 375.492 Euro

Technische Daten Lamborghini Murciélago Roadster: V12, 48 Ventile • Hubraum 6192 cm³ • Leistung 426 kW (580 PS) bei 7500/min • max. Drehmoment 650 Nm bei 5400/min • Allradantrieb • Sechsganggetriebe • innenbelüftete Vierkolbenbremse (355 mm Scheiben vorn) • Pirelli Zero Rosso 245/35 ZR 18 vorn, 335/30 ZR 18 hinten • Tank 100 l • Länge/Breite/Höhe 4580/2045/1140 mm • Leergewicht1825kg •Leistungsgewicht 3,1kg/PS • Innengeräusch (bei 100 km/h) 77 dB (A)• Bremsweg aus 100 km/h (kalt/warm) 35,8/36,2 m • Beschleunigung 0–100/200 km/h in 4,0/12,2 Sekunden • Höchstgeschwindigkeit 320 km/h • Preis: 248.820 Euro

Autor: Ingo Roersch

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