Die wilde Autowelt der DDR
— 03.10.2009Die Stasi und der Rallye-Trabi
Eine Postkarte von Weltmeister Walter Röhrl beendete die Karriere des DDR-Rallyefahrers Peter Arndt. 28 Jahre später bringt AUTO BILD KLASSIK die beiden Motorsportler zusammen.
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Mit seiner 50er-Simson fährt er erst bei Moped-Rallyes mit, steigt später auf Motorräder um, fährt ein paar Mal für einen Bekannten als Copilot im Wartburg und borgt sich schließlich den Trabant seiner Eltern aus. "Ich bau da mal einen Bügel rein", erzählt er zu Hause, "das dient ja auch eurer Sicherheit." Was der Sohnemann verschweigt: Den Überrollbügel braucht er, um mit dem Trabi bei Bergrennen und später bei Rallyes für den MC Wismut Aue starten zu dürfen. Zwei Zylinder, zwei Takte und luftgekühlte 26 PS, in der verbesserten Rallyeausführung bis 50 PS: Wer jetzt denkt, dass man damit keine Wettbewerbe fahren könne, der täuscht sich. "Natürlich musstest du immer volle Kanne fahren, um überhaupt eine Chance zu haben", erzählt der 59-Jährige, der heute in Hof lebt, "aber der Rallye-Trabant hatte im Gegenzug eine großartige Straßenlage. Vor allem auf Schotter, Eis und Schnee war das Auto immer gut unterwegs."
| Technische Daten Trabant 601 R Gruppe 2 | |
|---|---|
| Motor | Zweizylinder-Zweitakt luftgekühlt, vorn quer |
| Hubraum | 559 ccm |
| Leistung | 37 kW/50 PS bei 5600 U/min |
| Drehmoment | 90 Nm bei 4500 U/min |
| Antrieb | Frontantrieb |
| Getriebe | Fünfgang-Lenkrad-Schaltung |
| Fahrwerk | Einzelradaufhängung vorn und hinten |
| Bremsanlage | Zweikreis-Bremsanlage, Trommeln vorn und hinten |
| Reifen | 145/80-13 bis 175/60-13 |
| Länge/Breite/Höhe | 3510/1505/1440 mm |
| Leergewicht | 590 kg |
| Spitze | bis zu 150 km/h |
| Preis 1980 | circa 50.000 DDR-Mark |
| Wert 2009 | circa 20.000 Euro |
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Mit den ersten Erfolgen bekommt Peter Arndt sogar einen Sponsorenvertrag. Die sogenannte Binnenwerbung ist in der DDR zu der Zeit zwar schon nicht mehr erlaubt, aber Betriebe, die in den Westen exportieren, dürfen durchaus Reklame machen – und die Auer Besteck- und Silberwarenwerke (ABS), für die Ingenieur Arndt die Maschinen instand hält, gehören dazu. Fortan trägt der ehemalige Familien-Trabant die Aufschrift "ABS" an der Seite, und auch bei der Teilebeschaffung ist die Stelle in Aue hilfreich: "Wenn ich neue Reifen brauchte, bin ich ins Reifenwerk gefahren und habe denen für die Werkskantine Bestecke mitgebracht. Wenn ich neue Stoßdämpfer brauchte, habe ich die Bestecke ausgepackt. Und wenn neue Federn dranwaren, na, dann bin ich wieder mit meinen Bestecken losgefahren." Aus dem Hobby wird eine Berufung. Als bei den Automobilwerken Zwickau Anfang der 80er-Jahre ein paar ältere Werksfahrer aufhören, soll Peter Arndt hauptberuflich für den Trabant-Hersteller um Titel fahren.
Stasi stoppt Arndt
Die nötige Delegierung von seinem bisherigen Betrieb hat er bereits in der Tasche, jetzt geht es noch um eine Formalie: Weil die Zwickauer auch bei Rallyes in Griechenland und Finnland antreten, also im sogenannten nicht sozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW), muss Arndt Reisekader werden. Und da kommt die Staatssicherheit ins Spiel. "Beim abschließenden Kadergespräch in Zwickau erklärte mir der damalige Leiter der Sportabteilung, dass es ihm leid täte, aber ich sei aus Sicherheitsgründen nicht tragbar", erinnert sich Arndt. Der Ingenieur versteht damals die Welt nicht mehr: Gut, er ist zwar nicht in der Partei, aber dafür ist er verheiratet und hat eine einjährige Tochter. Fluchtgefahr ist also praktisch nicht vorhanden. Einen Ausreiseantrag hat er auch nie gestellt. "Ich muss dir den Grund nicht sagen", eröffnet ihm der Genosse schließlich, "aber ich gebe dir ein Stichwort: Walter Röhrl." Die Postkarte aus Regensburg.
Eine Postkarte von Walter Röhrl beendet Arndts Rallye-Karriere in der DDR
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Kommentare zum Artikel (4)
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Schmerzendes Crash-Foto aber ein schöner Bericht !
Der Gruppe-2-Trabi hat tatsächlich ein 5-Gang-Getriebe!
Wurde bei der 5-Gang-Lenkradschaltung der Rückwärtsgang mitgezählt? Aus eigener Erfahrung gab's nämlich nur 4.
Ein interessanter und sehr aufschlussreicher Artikel - vielen Dank! Allerdings, klapprig war der Trabant niemals. War er doch einfach, hatte keine Steuergeräte und wo nichts ist, hat der Kaiser das Recht verloren! In der Tat, er war so und man hatte immer ein gutes Gefühl mit diesem Begleiter, auch nach dem Werkstattbesuch! Das Motto für den Kleinen war: Hast Du Hammer, Zange Draht, kommst Du bis nach Stalingrad.
Frankie